Auf dem Weg dem Herrn begegnen

Auf der Nordroute, am Meer entlang, führt der Jakobsweg über das spanische Städtchen Oviedo. Von Barbara Stühlmeyer
Orvieto medieval town and Duomo cathedral church aerial view. It
Foto: (73390465)

Es führen nicht nur viele Wege nach Rom, sondern auch nach Santiago de Compostela. Schaut man sich alte Karten der Pilgerwege zu dem berühmten Wallfahrtsort an, gleichen sie allesamt dem Bild eines Baumes. Die vielfältigen feinen Verzweigungen kleiner Wege vereinen sich mehr und mehr zu tragenden Ästen gleichenden größeren Straßen und münden schließlich in die wie der Stamm eines Baumes schnurstracks auf den Pilgerweg hinführende Zielgerade ein. Die ersten zuverlässigen Wegbeschreibungen finden wir in den Itineraren berühmter und vor allem des Schreibens kundiger Pilger wieder, die den Nachkommenden ihre Aufzeichnungen über den Weg hinterlassen haben, der sie schließlich an ihr fernes Ziel geführt hat. Hier konnten schon die Jakobspilger des Mittelalters nachlesen, dass sie auf dem Weg nach Compostela die Wahl zwischen vier Hauptwegen hatten, von denen drei am Pass von Roncevalle zusammenliefen. Auf der spanischen Seite mussten sich die Pilger dann zwischen zwei Hauptrouten entscheiden. Die eine, heute stärker frequentierte, verläuft über Burgos und Leon. Doch wer diesen südlichen Jakobsweg wählt, verpasst ein entscheidendes Pilgerziel. Denn auf der Nordroute, die am Meer entlang in Richtung Compostella verläuft, führt der Weg durch Oviedo.

In der Kathedrale der Hauptstadt von Asturien kann man in der Camara Santa nicht nur einen Nachbau der Arca Santa besichtigen, einer Truhe, die im siebten Jahrhundert für einen Reliquientransfer von Jerusalem über Nordafrika bis nach Spanien verwendet worden war. Oviedo bietet auch die Gelegenheit zur Betrachtung des Bluttuches Christi. Im Mittelalter waren die Pilger sehr aufmerksam für diesen Zusammenhang. Das, was im Evangelium über die Emmausjünger zu lesen ist „Brannte uns nicht das Herz in der Brust als der Herr auf dem Weg mit uns redete“, war für sie erlebbar, wenn sie auf ihrem Weg nach Santiago in Oviedo Station machten. Wie wichtig den Menschen damals die Betrachtung der Passion Christi und des heiligen Antlitzes in der Kathedrale San Salvador war, zeigt sich in einem mittelalterlichen Sprichwort: „Gehst du nach Santiago und nicht nach San Salvador, so besuchst du den Diener und vergisst den Herrn.“ Das kam natürlich überhaupt nicht in Frage, weshalb sich beispielsweise Franziskus von Assisi, als er im Jahr 1214 nach Santiago de Compostela pilgerte, selbstverständlich für die Nordroute am Meer entlang entschied. Gut möglich, dass der musikbegeisterte Heilige, der sich selbst als Troubadour Gottes bezeichnete, dabei auch eines der beliebten Pilgerlieder sang, die entlang des Jakobsweges erklangen. In einem davon wird auch Oviedo erwähnt: „Den finstern Stern lassen wir stehn und gehen nach San Salvador große Wunderzeichen anzuschauen. So rufen wir Gott und St. Jakob an und Unsere Liebe Frau.“

Das heilige Schweißtuch wird den Gläubigen in der Kathedrale dreimal pro Jahr gezeigt: am Karfreitag, am Fest Kreuzerhöhung und am Festtag des Stadtpatrons, des Apostels Matthäus. Seit dem 10. November 1438 erhalten Gläubige, die das Bluttuch besuchen, einen Ablass. Seit 1566 erteilen die Bischöfe von Oviedo den Pilgern an Tagen der Heiltumsweisung den Reliquiensegen, wofür 1732 ein Balkon in die Wand der Reliquienkammer eingelassen wurde. Die festliche Stimmung bei der Heiltumsweisung und das Erleben der empfangenen Gnade beeindruckte, wie alte Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert zeigen, selbst skeptische Engländer wie Richard Ford, der in seinem Spanienführer beschreibt, wie die Gläubigen beim Segen Brotlaibe und Rosenkränze emporhielten.

Wer in Oviedo die Begegnung mit Jesus Christus sucht, sollte innerlich gut vorbereitet sein. Das legt jedenfalls ein Bericht über Bischof Ponce von Oviedo nahe. Er soll nämlich im Jahr 1030 von purer Neugier geleitet, ohne vorherige Sammlung oder Bußgesinnung die Arca Santa geöffnet haben. Das helle Licht, das ihm daraufhin aus dem Innern der Truhe entgegenstrahlte, war so durchdringend, dass der Hirte zeitweilig erblindete und die Verantwortlichen in der Kathedrale künftig achtsamer mit ihrem Schatz umgingen.

Gründliche Vorbereitung empfiehlt sich daher auch für diejenigen, die sich auf den Pilgerweg begeben. Wie man sich eine solche im Mittelalter vorstellte, kann man im Kodex Calixtinus aus dem Jahr 1130 nachlesen: „Rechtmäßig begibt sich zum Heiligtum des Apostels, wer vor Beginn seiner Reise denen, die ihm Unrecht zugefügt haben, vergibt, wer alle Vorwürfe, die andere oder sein Gewissen ihm machen, möglichst beilegt, wer von seinen Geistlichen, seinen Untergebenen, seiner Frau oder mit wem er sonst verbunden ist, eine rechtmäßige Erlaubnis einholt, wer, wenn möglich, zurückgibt, was er unrechtmäßig besaß, wer Meinungsverschiedenheiten in seinem Herrschaftsbereich bereinigt, wer die Buße aller annimmt, wer sein Haus in Ordnung zurücklässt und über seine Güter nach Rat seiner Verwandten sowie der Priester als Almosen für seinen Todesfall verfügt. Wer darauf den Weg antritt, gebe, wie wir bereits sagten, bedürftigen Pilgern, was diese für Leib und Seele benötigen, oder er gebe es, soweit er kann, seinen Brüdern. Er sage keine überflüssigen Worte, sondern rede über die Vorbilder der Heiligen, er meide Trunkenheit, Streit und Begierde, er höre, wenn nicht täglich, so doch wenigstens an Sonn- und Feiertagen die heilige Messe, er bete ohne Unterlass, ertrage geduldig alle Anfechtungen.“

Wer sich heutzutage via Oviedo auf den Weg nach Santiago macht und dem Schweißtuch in der Kathedrale San Salvador einen Besuch abstatten möchte, findet eine Fülle preisgünstiger Möglichkeiten zur Übernachtung. Die Preise der Hotels liegen selbst rund um den Dom zwischen 59 bis 130 Euro. Wer sich per Airbnb bei lokalen Gastgebern als Untermieter willkommen heißen lässt, kann sogar für 17 Euro eine Übernachtungsmöglichkeit finden. Da bei einer Pilgerfahrt die geistig-geistliche Vorbereitung eine große Rolle spielt und man einfach mehr sieht, wenn man sich angemessen präpariert, liegt es nahe, die Reise schon Zuhause mit der Lektüre eines guten Buches zu beginnen. Im Fall des Tuches von Oviedo empfiehlt sich hierfür die Veröffentlichung von Tagespostautor Michael Hesemann, Das Bluttuch Christi. Wissenschaftler auf den Spuren der Auferstehung, erschienen im Herbig Verlag. Der Autor berichtet spannend geschrieben über die Geschichte des Bluttuches, das er als sichtbaren Beleg für Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi ansieht und präsentiert außerdem viele wissenswerte Informationen über das mit dem Bluttuch Christi eng verknüpfte Grabtuch von Turin.

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