Rijeka

Perlen an der Adria

Mausert sich Rijeka als „Kulturhauptstadt Europas 2020“ im Alter doch noch zu einer Perle an der Adria? Neben einer reichen und wechselvollen Geschichte kann die traditionelle Industriestadt auch den ältesten Marienwallfahrtsort Kroatiens aufweisen.

Rijeka
Rijeka und die umliegenden Inseln haben mehr zu bieten als klares Wasser, eine facettenreiche Gastronomie und südliche Sonne: beispielsweise das im Vordergrund abgebildete Trsat, wo sich der älteste Marienwallfahrtsort Kroatiens finden lässt. Foto: fotolia.de

Rijeka ist die Stadt, die der Tourist links liegen lässt, wenn er von Norden kommend an die Strände Istriens oder der Inseln Cres und Lošinj drängt. Rechts lässt er die Skyline ihrer Hochhäuser liegen, wenn er auf die Insel Krk oder weiter nach Dalmatien strebt. Doch auch jene, die in der Gegend verweilen, schwärmen vom malerischen Kurort Opatija, weniger von der mit 130 000 Einwohnern (nach Zagreb und Split) drittgrößten Stadt Kroatiens. Und doch ist Rijeka, im Deutschen früher „St. Veit am Pflaum“ und in Italien „Fiume“ genannt, heuer Kulturhauptstadt Europas – und nicht jene prachtvollen „Perlen an der Adria“: Dubrovnik, Zadar und Split.

Sicher, Rijeka hat eine bewegte und staunenswerte Geschichte. 1281 in einem venezianischen Dokument erstmals erwähnt, wurde die Stadt, die bereits illyrische Seeräuber als Rückzugsort nutzten, durch die Türken bedroht, von der Pest und einem schweren Erdbeben verwüstet. Viele Mächte rangen hier: Venedig, die kroatischen Fürsten Frankopan und die Habsburger.

Einst Ungarns Handelsplatz

1868 fiel die Stadt an Ungarn und wurde zum Handels- und Marktplatz Ungarns am Mittelmeer. Mit dem Ende Österreich-Ungarns fiel Rijeka 1918 an das neue „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, aber bereits im folgenden Jahr marschierte der nationalistische italienische Schriftsteller und Politiker Gabriele d'Annunzio mit seinen Freischärlern in die Adria-Stadt ein. 1924 wurde „Fiume“ offiziell dem faschistischen Italien angeschlossen. Von 1943 bis 1945 regierte eine deutsche Besatzung das adriatische Küstenland. 1947 verfügten die Alliierten die Eingliederung Istriens und Rijekas in Jugoslawien.

Vielfältig wie seine Geschichte ist auch die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt: Im 16. Jahrhundert blühten hier Manufaktur, Handel und Kunst. Als kaiserlicher Freihafen sollte sie ab 1719 die ökonomische Dominanz Venedigs in der Adria brechen. In jugoslawischer Zeit bekannt für Schiffs- und Motorenbau, Öl- und Papierindustrie, Wasser- und Wärmekraftwerke, ist Rijeka heute der Haupthafen Kroatiens. Doch obgleich sich Renaissance und Barock im Stadtbild spiegeln, assoziiert man Rijeka weniger mit Kultur als so manche „Perle an der Adria“. Wer nämlich nicht bloß klares Wasser, freundliche und facettenreiche Gastronomie sowie Erholung unter südlicher Sonne sucht, stolpert in Kroatien über ein reiches Erbe mitteleuropäischer und mediterraner Kultur: von der Spätantike über Romanik, Gotik, Renaissance und Barock bis zur Moderne. Nicht zu Unrecht wird Kroatien als „das östlichste Land Westeuropas und das westlichste der slawischen Welt“ (Mislav Ježic) bezeichnet.

Kulturhauptstadt Europas 2020

In diesem dichten kulturellen Umfeld ist es für eine Stadt wie Rijeka nicht leicht, sich als Kulturmetropole zu profilieren. Seit März 2016, als feststand, dass die Stadt vieler Namen Kulturhauptstadt Europas 2020 werden würde, wurde darum innovativ geplant: die Erneuerung der Infrastruktur, die Eröffnung eines Museums für moderne und zeitgenössische Kunst und eines Museumsschiffes, die Präsenz von Wissenschaftlern und Künstlern. Ein Budget von 30 Millionen Euro sollte ab der Eröffnung am 1. Februar 2020 rund tausend Programmpunkte von traditioneller bis alternativer Kunst, von Pop- bis Hochkultur präsentieren.

Dann kam Corona. Nicht nur die Agenda von Kroatiens erster EU-Ratspräsidentschaft, die an diesem Dienstag nach sechs Monaten zu Ende ging, wurde von der Pandemie fortgespült, auch die Ambitionen der Kulturhauptstadt Rijeka sind betroffen. Kroatiens christdemokratische Regierung reagierte auf die Pandemie rasch und konsequent: Die Grenzen wurden dicht gemacht, Städte und Inseln isoliert, selbst im Weinberg kontrollierte die Polizei – wie ein Winzer zu berichten wusste – die Abstände zwischen den Arbeitern. Rund 77 000 Corona-Tests wurden in dem Land mit gut vier Millionen Einwohnern durchgeführt. Insgesamt starben 107 Menschen; auf die Einwohnerzahl bezogen weit weniger als in allen Nachbarländern Kroatiens.

Hart im Kampf gegen die Pandemie

Obwohl der Tourismussektor eine tragende Säule der kroatischen Ökonomie ist und rund zwanzig Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht, blieb die Regierung im Kampf gegen die Pandemie hart. 2018 hatte die Tourismusbranche zwölf Milliarden Euro erwirtschaftet, für heuer rechnen selbst hauptberufliche Optimisten mit Einbußen von mindestens dreißig Prozent. Ein hochrangiger Diplomat hofft im Gespräch mit dieser Zeitung, Kroatien sei so gut durch die Krise gesteuert, dass viele traditionelle Italien-Urlauber aus Deutschland und Österreich sich heuer für Kroatien entscheiden würden. Die Voraussetzungen wären nicht nur in epidemiologischer Hinsicht gegeben. Fährt man an Rijeka vorbei Richtung Istrien oder Dalmatien, erwartet den Touristen eine gastfreundliche, mehrsprachige Welt von Restaurants und Bars an sauberen Stränden, und inmitten einer reichen Kulturlandschaft.

Er komme schon zurecht, meint Ivo, der Inhaber einer kleinen Schänke auf der Insel Krk. Seine Wasser-Rechnung wurde reduziert, die Steuerforderungen in den Herbst verschoben und die Weinernte lasse hoffen. Jetzt könnten die Urlauber endlich kommen, immerhin habe es in der gesamten Pandemie-Zeit keinen einzigen Infektionsfall auf der größten Insel des Landes gegeben. Ein Eisverkäufer in Punat strahlt, er habe jetzt schon gut zu tun; sein Sohn lockt sprachgewandt die Yachttouristen an.

Keien Furcht vor den Touristen

„Ich dachte, die Österreicher seien unsere Freunde“, sagt ein Kroate auf Krk, enttäuscht wegen der bis Mitte Juni so strengen Quarantäne-Vorgaben der Regierung in Wien. Denen gehe es nur darum, die Österreicher zu einer Ferienbuchung innerhalb Österreichs zu zwingen, vermutet ein Diplomat. Kein Zweifel, dass durch Corona auch zwischenstaatlich manches in Scherben gegangen ist.

Das müssen die Menschen – Besucher und Besuchte – nun wieder kitten. Trotz ausbleibender Infektionen auf Krk fürchten sich die Einheimischen nicht vor den Touristen aus Deutschland und Österreich. „Dobrodošli!“, heißt es allüberall. Willkommen! Keiner trägt hier eine Maske. Manche begrüßen mit dem Ellbogen. In der Kirche steht Desinfektionsmittel statt Weihwasser am Eingang, der Friedensgruß entfällt, aber Abstände zwischen den Gläubigen sind bei der Sonntagsmesse aufgrund des Andrangs unmöglich.

Katholische Frömmigkeit

Wer die katholischen Kroaten und ihre Frömmigkeit verstehen will, sollte Rijeka keinesfalls rechts oder links liegen lassen. Der älteste Marienwallfahrtsort des Landes, Trsat in Rijeka, gibt einen Einblick in die Identität Kroatiens. Die fromme Verehrung will wissen, dass Engel einst das Haus Mariens aus Nazareth retteten, als das Heilige Land vollends in muslimische Hand geriet. Im Mai 1291 machten sie offenbar Zwischenlandung auf dem Berg Trsat: Eine Chronik aus dem 15. Jahrhundert berichtet, dass für dreieinhalb Jahre das Haus, in dem sich die Begegnung des Erzengels Gabriel mit Maria in Nazareth einst zutrug, hier in Trsat gewesen sei.

Für Dezember 1294 gibt es das erste schriftliche Zeugnis seiner Anwesenheit im italienischen Loreto bei Ancona. Manche Historiker erklären, dass Mariens Haus zu Zeiten der Apostel in eine Kirche umgewandelt worden sei, von den Mameluken zerstört und von Kreuzfahrern wieder aufgebaut wurde. Als diese nach dem Fall von Akkon das Heilige Land verlassen mussten, trugen sie das Haus Mariens ab, um seine Steine wie Reliquien mitzunehmen.

Mutter der Gnade

Sicher ist jedenfalls, dass Papst Urban V., um die Kroaten über den Verlust des Hauses Mariens hinwegzutrösten, im Jahr 1367 einen Legaten sandte, um Trsat ein Gnadenbild zu überbringen, das Maria als Mutter der Gnade zeigt. Die fürstliche Familie Frankopan errichtete dafür ein Franziskanerkloster, das bis heute die Seelsorge in Trsat leitet. Eine Schatzkammer zeigt eine Überfülle schlichter und prächtiger, einfacher und aufwändiger Votivgaben, die von der Dankbarkeit der Gläubigen zeugen. Vor der Votivkirche zünden Gläubige ihre Kerzen an und verharren im Gebet.

Am Hochfest Mariae Himmelfahrt wie an Mariä Geburt drängen sich hier festlich gewandet die frommen Massen. An solchen Festtagen reicht der Platz in Kirche und Kreuzgang nicht. Dann finden die Gottesdienste im Freien vor der Kirche statt. Dort, wo ein riesiges Standbild an den Besuch von Papst Johannes Paul II. erinnert. Der heilige Papst aus Polen, der in Kroatien mit gutem Grund als Freund des Vaterlands von Alt und Jung verehrt wird, hatte nämlich seine 100. Auslandsreise an die Adria unternommen und im Juni 2003 den Pfingstsonntag unter sengender Sonne in Rijeka gefeiert. Selbstverständlich besuchte der Papst – marianisch gesinnt wie die ihn jubelnd feiernden Kroaten – auch die Gnadenmutter von Trsat.

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