Sénanque (FR)

Kloster auf Zeit

Immer mehr Menschen suchen Abstand vom Alltag beim Urlaub im Kloster. Diese Art der Erholung wird auch in Deutschland immer beliebter.

Lavendelfelder vor der Abtei in Sénanque
Das Kloster Notre-Dame de Sénanque in der südfranzösischen Provence liegt sehr abgeschieden. Es ist das Zuhause von sechs Zisterzienser-Mönchen. Foto: imago

Es ist schon verrückt, wir leben in einem solchen Überfluss, dass die Menschen sich wieder nach dem Einfachen sehnen“, so die Rezeptionsdame des Klosters. Die Zimmer im Gästehaus der Abtei Notre-Dame de Sénanque sind oft schon auf Monate ausgebucht. Und das, obwohl das Kloster in der südfranzösischen Provence sehr abgeschieden liegt. Es ist das Zuhause von sechs Mönchen. Sie gehören dem Orden der Zisterzienser an, für die Schweigen, bescheiden und mit wenig Materiellem leben, eine große Rolle spielen. „Gerade das ist es, was unsere Gäste suchen“, so die Rezeptionistin. Weg vom Alltag, bietet das Kloster den Rahmen, um sich auf Wesentliches zu konzentrieren.

Auch eine aktuelle Umfrage der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) zeigt, dass die Zahl der Gäste in Klöstern steigt. In Deutschland bieten weit über 200 Klöster Gastaufenthalte an. So nahmen 74 Klöster allein im vergangenen Jahr etwa 230 000 Gäste auf. „Der erste Grund, warum Klöster ihre Türen für Besucher öffnen“, so Arnulf Salmen von der Deutschen Ordensobernkonferenz, „ist Gastfreundschaft. Sie ist Bestandteil der Spiritualität vieler Ordensgemeinschaften. Dabei ist Gastfreundschaft und die Aufnahme von Gästen ja ein wechselseitiges Geschehen. Nicht nur die Gäste erleben die klösterliche Welt; auch die Ordensgemeinschaften öffnen sich und den Raum des Klosters für das, was die Gäste mitbringen und an sie herantragen.“

Berten und Arbeiten im ewig gleichen Rhythmus

Zurück im Kloster Sénanque. Das Zimmer: auf dem Bett ein dünnes Leinen, ein Brett im Wandschrank für die Kleiderablage. Das Handtuch ausgefranst, als wäre es 500 Mal gewaschen worden. Spülbecken, Stuhl. Auf dem Tisch ein Faltblatt, das über Essens- und Gebetszeiten informiert. Ein Kreuz an der Wand. Beim Gang über den Flur zum Gemeinschaftsbad knarzen die alten Holzdielen.

Durch die Gardinen fällt der Blick in den Innenhof mit der Klosterkirche aus grauem Stein. Auch dort Minimalismus: keine Schnörkel, keine Heiligenfigur. Ein klarer Raum, um klare Gedanken fassen zu können. Liedblätter zum Mitsingen liegen aus. Der weite und leere Raum gibt den Stimmen ein erstaunliches Volumen. Ob morgens um 4.15 Uhr das erste Mal, oder abends um Viertel nach acht bei der Komplet zum Tagesabschluss. Sieben Stundengebete, die sogenannten Horen, unterteilen den Tag der Mönche. Sie leben hier nach den Regeln des heiligen Benedikts von Nursia (480–547), das heißt: „Ora et labora“ – beten und arbeiten, im ewig gleichen Rhythmus.

Die vorstrukturierten Tage, das einfache Leben ohne Fernseher und Computer, und ja, auch ohne ein großes Büffet, an dem man das Essen auswählen muss, lassen zur Ruhe kommen. Inzwischen ist es wissenschaftlich bewiesen, dass zu viele Wahlmöglichkeiten den Menschen nicht unbedingt glücklicher machen. Weniger Entscheidungen treffen zu müssen bedeutet mehr Raum und Zeit für eigene Gedanken.

Beim Essen wird geschwiegen

Im Zimmerpreis inbegriffen sind drei Mahlzeiten. Vegan? Glutenfrei? Danach wird hier nicht gefragt. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Einfach und bodenständig. Rettichsalat und Tomatensoße, Schweinefleisch mit Reis, Auberginenbrei und Backkartoffeln. Zum Frühstück: Brot, Butter, Kaffee und ein Stück Obst. Dazu Leitungswasser aus Blechkrügen. Jeder hat eine eigene rotkarierte Stoffserviette, die er nach dem Essen wieder fein gefaltet in sein Fach zu legen hat. Vor dem Essen spricht Bruder Jean ein Tischgebet, beim Essen wird geschwiegen.

Später sitzt der Bilderbuch-Mönch – in schwarzer Kutte und mit grauem Rauschebart – im Büro des Gästetrakts. Er ist zuständig für die geistliche Begleitung der Besucher und offen für Gespräche. Bis zu 20 Gäste sind täglich im Haus. Die einen kommen, weil sie in sich gehen wollen, die anderen sind neugierig auf die ungewöhnliche Lebensweise des Klosters.

Abstand vom Alltag zur Neuorioentierung

„Abstand vom Alltag, lesen, beten, über das Leben nachdenken, mich neu orientieren“, formuliert Pierre die Gründe für seinen Aufenthalt im Kloster. Der betagte Franzose hat zwei Wochen „Kloster auf Zeit“ gebucht. Anwesend sind auch ein in die Jahre gekommener Hippie. Zurück aus Indien will er in seiner Heimat wieder spirituell Fuß fassen. Zwei koreanische Theologie-Professoren auf Europatour sind da, sie reisen von Kloster zu Kloster. Pariser Geschäftsfrauen im mittleren Alter, die viel arbeiten, gut verdienen und eine Auszeit brauchen. Und eine Frau, die den Selbstmord des Bruders nur schwer verarbeiten kann.

Der Frühsommer ist eigentlich die schönste Zeit für Kloster Sénanque. Über allem liegt dann der Duft des Lavendels. Das lilafarbene Kraut blüht in langen Reihen hinter der Kirche. Für diesen Anblick ist das Kloster weltberühmt: Täglich kommen Tausende von Touristen, um das Spektakel zu fotografieren und im Klosterladen einzukaufen. Es gibt Produkte mit Lavendel und Oliven aus dem Klostergarten: Seifen, Mottenkissen, Duschgel, Öle, Duftzerstäuber, und Honig aus der eigenen Imkerei. Das Geschäft brummt. Ein italienisches Ehepaar füllt die Taschen mit Seifenstücken mit dem Kloster-Emblem im Wert von über 80 Euro.

Im Gästetrakt bekommt man von all dem Rummel nichts mit. Als hielte die Rückseite des Klosters der Gesellschaft den Spiegel vor: das sinnlose Konsumieren, das Hin- und Hergehetze, im Schnellschritt alles fotografieren zu müssen, die Selfie-Kultur, dieses Getriebene, das Suchen und die Sehnsucht, dem Leben einen Sinn zu geben. Die Laster einer übersättigten Welt eben.

Spiritueller Raum im Kloster Münsterschwarzach

Zurück im Kloster warten dagegen Askese und Ruhe. Der Urlaub in der Abtei als Therapie. Wie ein Fels in der Brandung steht es da, und das bereits seit dem Jahr 1148. Waren es zumeist Pilger, die in Klöstern abstiegen, hat sich ihr Platz in der Gesellschaft in den letzten Jahren gewandelt.

Nicht in jedem Kloster lebt es sich so spartanisch wie in Sénanque. „Den suchenden Menschen einen spirituellen Raum anbieten“, heißt es im Benediktinerkloster Münsterschwarzach zwischen Volkach und Kitzingen. Sie nehmen schon viele Jahre Gäste auf. Die Zimmer sind modern und mit Bad.

Das ganze Jahr über gibt es ein reichhaltiges Kursangebot. Von „Zielgerichtetes Handeln durch meditatives Bogenschießen“ für Geschäftsleute in der Reihe „Benediktinische Führungsseminare“ bis „Achtsames Sprechen“ und „Fasten & Schweigen” im Bereich „Lebenskunst“.

Viele Klöster bieten inzwischen Veranstaltungen oder sie vermieten Räume für Kurse und Workshops an Veranstalter von außerhalb. Hauptaugenmerk liegt auf den Bereichen Glaube, Spiritualität, Gesundheit und Lebensführung. Sie vermieten Konferenz- und Seminarräume an Firmen und Vereine und unterhalten Gästehäuser, die in der Ausstattung keinem Hotel nachstehen. Trotzdem ist es anders, im Kloster einzukehren.

Hier macht der Gast sein Bett noch selbst

Im Kloster St. Josef in Neumarkt in der Oberpfalz werden die Handtücher nicht täglich gewechselt, schüttelt der Gast sein Bett selbst auf, im Speisesaal räumt er sein Geschirr ab, und die Getränkeabrechnung geschieht auf Vertrauensbasis. Und doch ist der Ort nicht aus der Zeit gefallen. Die Zimmer können online gebucht werden, die Gäste sind international und die Hinweisschilder mehrsprachig.

Wer so richtig eintauchen möchte in die Ordensgemeinschaften, kann bei einigen Klöstern sogar mitarbeiten. Bei der Weinlese im Kloster St. Hildegard im Rheingau, im Klostergarten bei den Benediktinerinnen in der Abtei Fulda in Hessen oder im Schweizer Kloster Maria-Rickenbach beim Sammeln von Bergkräutern.

Die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) geht noch einen Schritt weiter. Seit Sommer 2019 initiiert sie das Projekt „ Freiwilliges Ordensjahr“ (ordensjahr.de). Es richtet sich an Menschen, die zwischen drei und zwölf Monaten im Kloster bleiben wollen. Und nicht nur für eine kurze Auszeit vom Alltag.

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