Zwischen Genuss und Askese

Der christliche Genießer weiß, dass bei der Fähigkeit, genießen zu können, das rechte Maß die eigentliche Herausforderung zu sein scheint. Von Urs Buhlmann

Wenn es darum geht, beim Konsum das rechte Maß zu finden, hilft das Leben der Mönche. Foto: pixabay
Wenn es darum geht, beim Konsum das rechte Maß zu finden, hilft das Leben der Mönche. Foto: pixabay

Zur christlichen Lebensart gehört die Freude, ja, sie basiert auf der Freude über die Erlösung. Und zur Freude gehört der Genuss, der in dieser Perspektive nur eine Vorwegnahme paradiesischer Freuden ist, des „himmlischen Hochzeitsmahles“, das uns verheißen ist. Natürlich heißt es auch, dass das Himmelreich nicht „Essen und Trinken“ ist. Aber es wird doch das Beste sein, was es für uns geben kann, bereitet von einem liebenden Vater, der weiß, was uns gut tut. Warum soll man dann nicht in der Vorfreude darauf schon auf Erden einen Vorgeschmack haben dürfen? Der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings (1887–1978) mochte Eiscreme sehr. Seine überzeugende Argumentation: „Die guten Sachen sind nicht nur für die Spitzbuben da!“

In jeder Heiligen Messe dankt der Priester bei der Bereitung der Gaben von Brot und Wein für die „Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“. Das, was uns kreatürlich notwendig ist, die regelmäßige Nahrungsaufnahme, wird auch in der Liturgie anerkannt und dienstbar gemacht. Doch in der höchsten, nicht mehr steigerbaren Weise, indem Gott, der Schöpfer, sich selbst als Speise und Trank seinen Geschöpfen darbietet. Kann es da verwundern, dass das Christentum – wohl mehr in der katholischen als in der protestantischen Variante – einen gar nicht zu unterschätzenden Beitrag auf kulinarischem Gebiet geleistet hat? Genuss soll freilich nicht auf alles, was man essen und trinken kann, reduziert werden. Die Fähigkeit, sich selbst etwas zu gönnen, ist mehr als niveauvolle Nahrungsaufnahme. Einen ruhigen Nachmittag oder Abend zu Hause zu haben, auf die diversen elektronischen Kommunikationsmittel zu verzichten, sich aber bewusst ein Musikstück anzuhören, ein Buch zu lesen oder Zeit für einen Freund zu haben, kann mindestens genauso viel Genuss bieten wie ein gutes Glas Wein zu trinken. (Man kann das eine auch gerne mit dem anderen kombinieren).

„Otium cum dignitate“ nannte Cicero die „würdevolle Muße“ zur philosophischen Betrachtung oder wissenschaftlichen Betätigung, die nach ihm die eigentliche und einzig sinnvolle Beschäftigung des freien Menschen ist.

Die Fähigkeit, genießen zu können, ist, recht verstanden, Ausfluss gesunder Selbstliebe, wie sie uns das biblische Doppelgebot der Nächsten- und Selbstliebe aufgibt. Es zeigt sich, dass wer das eine vernachlässigt, meist auch beim anderen sündigt. Die rechte Zuordnung von Genuss und Askese, das rechte Maß in allen Dingen scheint die eigentliche Herausforderung für den bewusst lebenden Christenmenschen zu sein.

Hier lohnt der Blick auf das Ordensleben in der Kirche, auf die Klöster zumal der Alten Orden, die ja für viele Entwicklungen und Einrichtungen des kirchlichen Lebens das traditionelle Exerzierfeld darstellen. Vergleicht man etwa die Regelwerke der großen Orden, findet sich, dass sehr vieles möglich ist, wenn das rechte Maß gewahrt bleibt. Freilich fordert keine Ordensregel die Nonnen oder Mönche direkt zur Freizeit oder zum genussvollen Konsum auf. (Benedikt ist besonders zurückhaltend, wenn er festhält, dass Müßiggang der Feind der Seele sei). Aber es wird doch deutlich, dass niemand nur arbeiten soll und dass ausreichender Schlaf und Pausen notwendig sind. Dabei wird vorausgesetzt, dass die Ordensleute die freie Zeit sinnvoll und ihres Standes würdig verbringen. Da das Kirchenjahr dem klösterlichen Jahr Struktur verleiht, ist der Wechsel von Alltag und Fest, von kargen zu frohen Zeiten vorgegeben und intendiert.

Wer einmal zu einem der Hochfeste des Ordens oder Klosterstifters in einer Abtei zu Gast war, wird bestätigen können, dass Ordensleute durchaus zu feiern verstehen. Das reicht vom Aperitif vor dem Essen zur Weinbegleitung und bis zum „Absacker“ danach. Meist gibt es schon gewöhnlich qualitätsvolles Essen im Kloster, das sich aber an Festtagen noch einmal steigert. Umso besser, wenn klostereigene Produkte verwendet werden können, wenn das Haus eine eigene Landwirtschaft hat, selber Bier braut oder Wein anbaut. Es kann ja auch kein Zufall sein, dass so viele alkoholische Spezialitäten von Ordensleuten erfunden worden oder jedenfalls verfeinert wurden. Die älteste Brauerei der Welt ist der heutige freistaatlich-bayerische Betrieb Weihenstephan, der auf eine klösterliche Brautradition seit 1040 zurückblickt. Das älteste Weingut Österreichs gehört zum Augustiner Chorherrenstift Klosterneuburg bei Wien, das seit mehr als 900 Jahren Wein anbaut. Wer den Champagner erfunden hat – wenn auch gemeinsam mit anderen – ist bekannt. Der Benediktiner Pierre Perignon bescherte uns auch den bei Schaumwein sinnvollen Verschnitt verschiedener Traubensorten, nahm den Korken als Verschluss und legte die noch heute übliche Flaschenmenge auf etwa 0,7 Liter fest. (Er war der Meinung, dass ein Erwachsener beim Abendessen nicht mehr trinken solle, was tief blicken lässt). Ein weiterer Benediktiner, Dom Thierry Ruinart, erkannte in der Folge das kommerzielle Potenzial des neuen Getränks und riet dazu, es bei den Fürstenhöfen vorzustellen. Wolfgang F. Rothe wies vor kurzem nach, dass der Siegeszug des Whiskys ohne das iro-schottische Mönchtum nicht begonnen hätte. Auf die diversen Klöster und Orden, die Bier brauen und Wein anbauen, die Produkte einer meist auf biologischem Anbau basierenden Landwirtschaft vertreiben, sei nur kurz hingewiesen. Ein klassischer Digestiv, einer, der es wirklich in sich hat (nämlich ursprünglich 69 % vol.) ist das „Chatreuse“ genannte Elixier der als besonders streng bekannten Kartäuser.

So viel gute Sachen also, die helfen sollen, dem Leben Glanzlichter aufzustecken, dazu das Beispiel des klösterlichen Lebensstiles mit seinen ausgewogenen Anteilen von Anspannung und Entspannung: Wie konsumiert man das alles in rechter Weise, wie kann man Genussgegenstände wie auch die freie Zeit gebrauchen und nicht missbrauchen?

Auch hier lässt sich Maß nehmen am Maßhalten der Ordensfrauen und -männer. Es gibt alles zur rechten Zeit und in guter Qualität, aber eben nur dann, wenn es „dran ist“ – am Festtag – und nur so viel, dass für den anderen noch etwas übrig bleibt. Es ist wohl das, was unserer Zeit besonders schwerfällt: das rechte Maß zu finden und es zu halten. Der Handel will uns daran gewöhnen, dass wir alles rund um die Uhr haben und konsumieren können. Das banale Beispiel sind Erdbeeren oder Spargel, die in unseren Breitengraden eben Saisonprodukte sind. Wenn sie dann frisch auf den Tisch kommen, schmecken sie am besten. Im Supermarkt mögen das ganze Jahr über die fremdartigen Vettern der einheimischen Sorten verfügbar sein. Aber meist können sie in ihrer Qualität nicht mit einheimischen Produkten mithalten.

Das zweite große – und, glaubt man den Fachleuten, immer noch zunehmende – Problem ist die konsumierte Menge. Mittlerweile wird schon bei manchen Kleinkindern Fettleibigkeit festgestellt, erreicht die Anzahl der Alkoholabhängigen neue Höchststände. Was man von den Ordensleuten lernen kann, ist das „Wie“ des Genusses: Alles zur rechten Zeit und alles im rechten Maß. Wäre das ein sinnvoller Vorsatz für das noch junge Jahr?