Wilde Pferde im Märchenwald

Der nordportugiesische Nationalpark Peneda-Geres – Der einzige Nationalpark Portugals ist ein Paradies für Wanderer. Von Ulrich Willenberg

Wild lebende Pferde im Nationalpark Peneda-Geres. Foto: Willenberg
Wild lebende Pferde im Nationalpark Peneda-Geres. Foto: Willenberg

Es ist ein Bild wie aus vergangenen Zeiten. Kühe trotten am Abend gemütlich über die holprige Dorfstraße zu ihrem Stall. Schwarz gekleidete Frauen klönen vor von Weinreben umrankten Häusern, während sie Gemüse putzen. Pünktlich um sechs versammeln sich die Bewohner zur Abendmesse in der kleinen Kirche von Germil. Nur noch 48 Menschen leben in diesem typischen Dorf im Südwesten des portugiesischen Nationalparks Peneda-Geres. Es sind fast nur noch alte Leute. In der einzigen Bar sitzt missmutig ein junger Mann beim Bier. Viel Abwechslung gibt es hier nicht. Einige der wunderschönen Bauernhäuser aus Granitstein sind inzwischen verlassen und suchen nach einem Käufer. Ein Haus inmitten eines üppig blühenden Gartens wird an Feriengäste vermietet. Ideal für Menschen, die Ruhe suchen in einer weitgehend intakten Natur. Der einzige Nationalpark Portugals mit seinen dichten Wäldern und tief eingeschnittenen Tälern ist ein Paradies für Naturfreunde und Wanderer. Zahlreiche Wege erschließen jeden Winkel des 700 Quadratkilometer großen, hufeisenförmigen Schutzgebietes, der sich über mehrere Klimazonen erstreckt.

Einer der schönsten Rundwege ist der Trilho Pertinho do Céu im Nordwesten des Nationalparks. Übersetzt heißt das „Weg nahe dem Himmel“. Er führt durch einen Eichenhain und vorbei an Roggenfeldern hinauf zur Sommeralm Branda de Busgalinhas mit ihren einfachen Steinhütten. Der steile Anstieg auf über 1 000 Meter wird belohnt mit einem traumhaften Panoramablick über die Berge des Nationalparks.

Ein Ausgangspunkt für den Wanderweg ist Sao Bento de Cando, bekannt für seine religiösen Feste zu Ehren des Heiligen St. Benedikt. In dem zwischen schroffen Granitfelsen eingebetteten Dörfchen oberhalb des Rio Grande leben einige Kleinbauern, die Schafe oder Kühe halten und etwas Gemüse in ihren Gärtchen anbauen. Es gibt auch ein winziges Lädchen mit einem sehr überschaubaren Angebot. Von jedem Produkt finden sich nur ein oder zwei Packungen im Regal.

Groß ist dagegen das Angebot im Kurort Geres, dem ganz im Süden gelegenen touristischen Zentrum des Nationalparks. Hier gibt es zahlreiche Läden, Hotels und Restaurants, die üppige Mahlzeiten anbieten. Kalorienzählen sollte man bei der fleischlastigen und fettigen Küche Portugals nicht. Gegen Dickleibigkeit soll angeblich das Heilwasser der Thermalquellen von Geres helfen.

Der auf 400 Metern Höhe gelegene Ort, der früher gerne von reichen Müßiggängern besucht wurde, hat seine besten Tage hinter sich. Einige der einst prachtvollen Hotels sind völlig marode, zudem wird das schöne Ortsbild durch manche Bausünden verschandelt wie durch den hässlichen Betonklotz der kriselnden Banco Spirito Santo. An sonnigen Sommerwochenenden wird es turbulent in Geres. Autokolonnen wälzen sich über die kurvenreiche Straße von Braga hinauf in den von Bergen umrahmten Ort. Auf dem Stausee etwas unterhalb tummeln sich zahlreiche Wassersportler. Nervig sind die Ausflugsboote mit ihrer weit hörbaren Diskomusik. Und das obwohl der See innerhalb des Nationalparks liegt.

Ruhe findet man auf den zahlreichen Wanderwegen rund um Geres. Wunderschön ist der einige Kilometer nördlich verlaufende Trilho Da Geira. Er führt durch einen traumhaften Märchenwald mit von Flechten und Moos überwucherten Eichen sowie Eschen, Erlen und Weiden. Der Pfad folgt einer von Meilensteinen gesäumten Heerstraße der Römer, der die Stadt Braga mit dem nordspanischen Asturien verband. Reißende Bäche wie der glasklare Rio Homem durchziehen Urwald und ergießen sich über Wasserfälle in steinerne Schwimmbecken. Eine willkommene Abkühlung an heißen Tagen.

Wer Glück hat, begegnet einer Herde von Garranos, die das ganze Jahr draußen leben. Diese kleinen Wildpferde sind zutraulich und wirken sehr ausgeglichen. „Man sollte sie aber nicht anfassen, dann treten sie aus“, warnt Parkmitarbeiter Pedro. Nur von der Größe eines Pony können sie sich im meterhohen Farn vor Wölfen verstecken. Zwölf Rudel soll es im Nationalpark geben. „Die Raubtiere sind sehr scheu. Man bekommt sie nicht zu sehen“, sagt Pedro.

Während sich der Tourismus im Raum Geres konzentriert, fahren nur wenige Urlauber in den einsamen Nordosten des Schutzgebietes. Eine kaum befahrene Straße in Richtung der spanischen Grenze führt durch dichte, von kargen Berghängen überragten Wäldern hinauf zur fast baumlosen Hochebene Alto do Ouroso. Vor allem bei Nebel fühlt man sich nach Schottland versetzt.

Eine schmale Nebenstraße endet in Portugals höchstem Dorf Pitoes das Júnias am Fuße einer oft von Wolken verhangenen, wild gezackten Felswand. An trüben Tagen könnte man in dem auf über 1 100 Metern hoch gelegenen und etwas düsteren Ort einen Psychothriller drehen. Am Rande führt ein herrlicher Rundweg zur Ruine des Klosters Santa Maria des Júnias, das Mönche an einem rauschenden Wildbach errichteten.

In der Nähe hütet Miguel seine kleine Rinderherde. Begleitet wird er von seinen drei Pastorales, einer kleinen Schäferhundrasse. Auf die wunderschönen Tiere ist er sichtlich stolz. „Schaut, die habe ich gerade gefunden“, sagt der freundliche Mann. Er hält die Haut einer über einen Meter langen Kobra in die Höhe und wirft sie dann auf die Ladefläche seines Jeeps. Die Hunde sind wenig begeistert und ziehen verängstigt den Schwanz ein. Viele Jahre hat Miguel in einem Schweizer Hotel gearbeitet, bis das Heimweh zu groß wurde.

Eher unfreiwillig zurückgekehrt ist der junge Ingenieur Carlos, nachdem er in der Stadt seine Arbeit verloren hatte. Jetzt hilft er in dem winzigen Dorfcafe aus, das seiner Mutter gehört. Die sitzt zusammen mit dem einzigen Gast vor dem Fernseher und häkelt. „Es kommen nur wenige Touristen hierher“, erzählt der Sohn. Etwa 140, vor allem ältere Menschen wohnen noch in Pitoes das Júnias. „Sie leben von der Hand in den Mund und von einem Tag zum anderen“, erzählt Carlos. Das Klima ist rau hier oben, vor allem im Winter kann es recht ungemütlich werden. „Anfang des Jahres ist es sehr kalt, und es fällt Schnee“, sagt er. Die meisten Jungen scheuen das einsame und entbehrungsreiche Leben und wandern ab, manche bis nach Afrika oder Südamerika. „Fast alle jungen Leute gehen weg“, bedauert der junge Mann. Doch die Verbundenheit zur alten Heimat bleibt. Viele kommen im Sommer zurück, um Urlaub zu machen. „Dann ist hier viel los“, freut sich Carlos. Die es zu Wohlstand gebracht haben, wohnen dann in ihren neuen Häusern am Rande des Dorfes.

Das Klima im bergigen Nationalpark wird von atlantischen, mediterranen und kontinentalen Einflüssen bestimmt. Und so kann das Wetter schnell wechseln. Auf Dürreperioden mit Gluthitze folgen Gewitter, Sturm und starker Regen. Ausgetrocknete Bäche verwandeln sich dann schnell in reißende Ströme. Im Nationalpark fallen im Jahr mehr Niederschläge als in Deutschland. Das sorgt für eine üppige Vegetation.

Bei Wind und Wetter draußen sind die Hirten auf den Hochweiden im Nordwesten des Nationalparks bei Castro Laboreiro. Es sind vor allem Frauen, die hier ein hartes Leben fristen. Ganz in schwarz gekleidet, wirken sie schwermütig und erwidern nur selten einen Gruß. Die ärmlichen Dörfer ohne Ortsschilder scheinen aus der Zeit gefallen zu sein. Vor allem bei Nebel und Regen ein gespenstischer Anblick, der an den Film „Schlafes Bruder“ erinnert. Und dann das: Am Rande eines Ortes steht, wie mit Photoshop in die Landschaft montiert, die Villa eines Neureichen. Mit englischem Rasen und einem hässlichen Metallzaun.