Jerusalem/ Bethlehem

Weihnachten im Heiligen Land

Mit den Benediktinermönchen der Dormitio-Abtei kann man an Heiligabend zu Fuß von Jerusalem nach Bethlehem wandern – zehn Kilometer bergauf, bergab. Dabei empfiehlt sich auch ein Abstecher in die Nachbarstadt Beit Sahour.

Weihnachten in Bethlehem
Den Krippenplatz in Bethlehem ziert ein zehn Meter hoher beleuchteter Christbaum. Im Hintergrund das Ziel des Marsches: die Geburtskirche. Foto: dpa

Die Basilika von Dormitio steht auf dem Zionsberg gleich hinter der Altstadtmauer von Jerusalem. Die Kirche gehört zu einer deutschen Benediktinerabtei mit 14 Brüdern. Die schönen Malereien unter der Kuppel erinnern eher an ein äthiopisches Gotteshaus. „Hier hat der Jesus olivfarbene Haut, so wie es sich für diesen Teil der Welt gehört“, schmunzelt der freundliche Herr zur Linken. Er stellt sich als Gideon vor, Immobilienmakler aus Tel Aviv. Er ist nicht der einzige jüdische Besucher der Mitternachtsmesse an Heiligabend in der Dormitio-Kirche.

„Wir sind offen für jeden“, heißt es bei den Benediktinermönchen von Dormitio. Viele folgen dem Ruf, die Kirche ist zum Bersten voll. Unter den Besuchern sind viele junge Menschen. Es ist keine klassische Messe: Sie wird mehrsprachig gefeiert, mit viel Gesang. „Die ganze Welt feiert Weihnachten“, wie viele der Anwesenden ist Gideon neugierig. Er ist mit Dalia da, einer jüdischen Astrologin aus Jerusalem. Im dicken Strickpulli sitzt sie da – gut gewappnet für das, was nach dem Gottesdienst kommt.

Kaffee und Weihnachtsstollen vor dem Fußmarsch

Um Viertel nach Zwei treffen sich alle vor der Kirche. Traditionell geht es in der Weihnachtsnacht zu Fuß vom Zionsberg nach Bethlehem zur Geburtskirche. Das sind zehn anstrengende Kilometer die Jerusalemer Berge rauf und wieder runter. Es ist kühl, Jerusalem liegt auf fast 800 Metern.

Zur Stärkung servieren die Benediktinerbrüder in der Cafeteria der Abtei noch starken Kaffee und Weihnachtsstollen. Von dem köstlichen Backwerk wird ab Oktober auf der Facebook-Seite der Abtei geschwärmt: „Schnee und Eis? Nein, unser Hauskonditor hat Christstollen gebacken, damit sie reifen“, heißt es unter den Fotos der mit Puderzucker bedeckten Kuchen. Gebacken von Pater Jonas im Kloster Tabgha am See Genezareth, dem von Dormitio abhängigen Priorat.

„Bäcker-Bruder“ nennt Pater Matthias diesen Kollegen liebevoll. Pater Matthias und die Brüder Natanael und Simeon – in Jerusalem stationiert – begleiten über 200 Weihnachtsgottesdienstbesucher mit nach Bethlehem. Die Wanderung ist mit einer besonderen Aktion verbunden, sie nennt sich: „Ich trage Deinen Namen in der Heiligen Nacht nach Bethlehem.“

Das Gattertor Richtung Bethlehem ist frei passierbar

Gegen eine Spende können Menschen Fürbitten an die Abtei schicken, ihre Namen werden dann auf eine Papierrolle geschrieben und auf dem Geburtsstern abgelegt. Über 70 000 sind es. „Es werden jedes Jahr mehr“, so Pater Matthias. Viele spenden damit verbunden Geld. „Dafür sind wir sehr dankbar, das Geld kommt unter anderem behinderten Kindern und Ausbildungsplätzen für junge Menschen in Bethlehem zugute.“

Jeder der Mitwandernden trägt die schwere Namensrolle ein Stück dieses geschichtsträchtigen Weges, auf dem bereits die hochschwangere Maria mit Josef unterwegs gewesen sein soll. Heute ist der Weg eine moderne Straße mit vielen Ampeln. Auf der um vier Uhr morgens bereits Müllfahrer und Straßenkehrer unterwegs sind. Nach sechs Kilometern der Checkpoint 300: die Grenze zum Westjordanland. Mit seinen acht Meter hohen Betonstelen, obenauf Stacheldraht, erinnert sie an die Berliner Mauer. Wegen Weihnachten ist das Gattertor Richtung Bethlehem ohne Kontrollen passierbar.

Auf palästinensischer Seite liegen Deckenbündel: Menschen, die hier nächtigen, um pünktlich in Israel zur Arbeit zu kommen. Die sich später durch Drehkreuze und Metalltor im israelischen Sperrwall schieben müssen. Hunderte von Männern warten bereits auf die Öffnung der Grenze nach Israel. Die Köpfe eingezogen, die Jackenkrägen hochgeschlagen, keiner ist wirklich für diese kalte Nacht passend angezogen.

Berühmte Mitternachtsmesse in alle Welt ausgestrahlt

Aus Thermoskannen wird heißer Tee verkauft, von kleinen Klapptischen Wegzehrung, wie Joghurt, Brot, gekochte Eier und Schmelzkäse-Ecken. Für die Mehrheit der Menschen im Heiligen Land beginnt ein ganz normaler Werktag. Die Mauer entlang sieht man Graffiti. „Make Hummus, not walls“, steht da, oder „free Palestine“. Einen letzten Berg hinauf. Der Muezzin ruft zum Morgengebet. Ein paar junge Palästinenser mit Weinflaschen in der Hand rufen „Merry Christmas“. Hinter einer Eisentür am Eingang zu einer mit Sternen beleuchteten Gasse verkauft ein Bäcker bereits frisch gebackene Sesamringe.

Die Altstadt aus honiggelbem Stein schläft noch. Nur zwei Frauen in Nonnentracht tänzeln übermütig durch die Sternen-Gasse. Noch 500 Meter: Auf dem „Krippen“-Platz in der Innenstadt steht ein zehn Meter hoher beleuchteter Christbaum. Gegenüber das Ziel: die Geburtskirche. Kaiser Konstantin – der erste christliche römische Kaiser – hat sie 326 erbauen lassen.

Im Untergeschoss befindet sich der Geburtsstern – und es herrscht Enge. Nichts für Menschen mit Platzangst. Nur eine alte Steintreppe führt nach oben. Es ist fünf Uhr morgens, schlaftrunken glaubt man sich im falschen Film. Ein riesiges Kirchenschiff. Hunderte von Asiaten – viele sitzen auf dem Boden – in bunten Gewändern und Nikolausmützen, Predigt und Gesang in einer fremd anmutenden Sprache. „Die Katharinenkirche“, klärt Pater Matthias auf.

Noch vor wenigen Stunden wurde von hier die berühmte Mitternachtsmesse in alle Welt ausgestrahlt. Die Besucher sind christliche Inder und Filipinos – Migranten, Flüchtlinge und Gastarbeiter, die Israel zu ihrer Heimat gemacht haben.

In Beit Sahour sind dreiviertel der Bevölkerung Christen

Mag Bethlehem für Christen eine große Bedeutung haben: Es ist eine muslimisch geprägte Stadt, nur zwei Prozent der Bewohner sind Christen. In Beit Sahour – in das Bethlehem nahtlos übergeht – sind es dagegen drei Viertel der Bevölkerung. Das macht das Städtchen im Westjordanland zu etwas Besonderem.

Mit einer für palästinensische Verhältnisse großen Mittelschicht und einem hohen Anteil an Menschen, die im Ausland studieren oder arbeiten. „Der Ort mit der höchsten Dichte an Uniabschlüssen“, heißt es im Büro der Alternative Tourism Group (ATG) in Beit Sahour, das unter anderem Privatunterkünfte, sogenannte „Homestays“ bei christlichen Familien vermittelt. Beispielsweise bei Familie Barham, die in einer der für diese Gegend typischen Kastenbauten am Hang lebt.

Talal Barham öffnet die Tür zum zweiten Stock, der über eine Treppe direkt von der Straße aus zu erreichen ist. Er ist Vater von vier Töchtern, drei sind anwesend. Bekleidet mit Jogginghosen, Sweatshirt, das Haar offen, sind sie ein ungewohnter Anblick im sonst „verschleierten“ Westjordanland. Marian (22) studiert Rechnungswesen, Natalia (16) geht zur Schule, Bará (30) ist die Älteste. Sie lebt mit ihrem Mann ein paar Häuser weiter und ist momentan mit ihren drei Kindern im Vorschulalter zu Besuch. Der Lärmpegel ist also hoch.

Weihnachten wird gleich dreimal gefeiert

„Tut mir leid, dass meine Frau nicht da ist“, entschuldigt sich Talal. Sie sei nach Dubai geflogen. Dort lebt die dritte Tochter, verheiratet mit einem Bauingenieur. „Sie hat am Heiligabend ein Mädchen geboren“. Im Wohnzimmer – mit weißer Sitzgarnitur, ein billiger Plastikchristbaum blinkt im Eck – zeigen die Töchter aufgeregt Handyfotos vom Baby. Später zeigen sie dem Gast ihre Stadt. Sie ist für Weihnachten hergerichtet: Holzpaletten wurden mit Schneemännern und Nikolausmützen verziert, Christbaumkugeln hängen an verdorrten Bäumen. In der Ortsmitte gibt es diese Tage Partys mit Musik und Tänzen. In Palästina übernachten, heißt: mit Familienanschluss.

Die Töchter sind für die Bewirtung der Gäste zuständig, der Vater für die Unterhaltung. Er hat gerne Besuch, sagt er. „Wir sind ganz normale Menschen.“ Sein Hobby ist asiatische und spanische Geschichte, aber auch die eigene. Er wünscht sich einen Staat, in dem Israelis und Palästinenser miteinander leben. Genauso friedlich wie die verschiedenen Kirchen, die es im Heiligen Land gibt. Denn Weihnachten wird hier gleich dreimal gefeiert. Die Westkirchen feiern am 25. Dezember, die Ostkirchen am 6. Januar, und die Armenische Kirche mit Ankunft der Heiligen Drei Könige und der Taufe Jesu am 19. Januar.

www.dormitio.net

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