Stadt der Kinderwagen

In Zeitz mit seiner über tausendjährigen christlichen Tradition gibt es einen sehenswerten Dom und die Moritzburg mit schöner Parkanlage – Highlight der Stadt im Süden Sachsen-Anhalts ist das „Deutsche Kinderwagen Museum“. Von Rocco Thiede

Jährlich kommen rund 20 000 Besucher in die Kinderwagenausstellung auf Schloss Moritzburg in Sachsen-Anhalt. Foto: Thiede
Jährlich kommen rund 20 000 Besucher in die Kinderwagenausstellung auf Schloss Moritzburg in Sachsen-Anhalt. Foto: Thiede

„Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter.“ Mit diesem Spruch von Novalis wird der Besucher am Eingang des Deutschen Kinderwagen Museums auf der Moritzburg im sachsen-anhaltinischen Zeitz begrüßt. In der Literatur gilt immer noch England als Geburtsland des modernen Kinderwagens, wo Charles Burton 1853 in London seinen „Perambulator“ genannten Kinderwagen patentieren ließ. Im engeren Sinne stellte Burton aber keinen Kinderwagen für Säuglinge her, sondern eher einen Sportwagen zum Schieben, dessen Vorbilder er in Krankenfahrstühlen fand. In Kontinentaleuropa ist die Kinderwagenproduktion mit dem Namen des Zeitzer Stellmachers Ernst Albert Naether (1825–1894) verbunden, der erstmalig einen Ziehwagen in der Judenstraße konstruierte und später fabrikmäßig herstellen ließ. Schon 1850 findet sich in der Zeitzer Lokalpresse ein erster Hinweis, dass Naether Kinderwagen baute, die er ab 1852 auf der Leipziger Messe anbot. Damit wäre Mitteldeutschland die Wiege der weltweiten Kinderwagenherstellung und nicht England.

Wer das noch nicht wusste, sollte das Deutsche Kinderwagen Museum in Zeitz besuchen. Es ist der ideale Ort, um der Geschichte der „Kinderkutschen“ intensiver nachzugehen. Weltweit führend in der Produktion von Kinderwagen waren über Jahrzehnte England, Deutschland und Amerika. Ganz Europa kaufte im 19. und frühen 20. Jahrhundert Kinderwagen aus Zeitz, denn Naether warb sechssprachig in Zeitungsinseraten für seinen „Reform-Kinderwagen“. Zwei Jahre nach dem Tod des Firmengründers enthält der Katalog der Firma Naether aus dem Jahr 1896 bereits über 100 verschiedene Modelle. Dem Naetherschen Beispiel folgend, etablierten sich um 1900 fast 20 Firmen, die Kinderwagen in Zeitz herstellten. Kenner der Szene können die Namen von Friedrich Degelow, Eduard Pfeiffer, Wünsch & Pretzsch oder Haeselbarth & Storm der Kinderwagensammlerszene zuordnen. Die Kinderwagenfabrikation benötigte entsprechende Zulieferer, etwa die mechanische Weberei Otto Wolf, welche die Borten, Besätze und Bänder produzierte. Auch Korbflechter und Eisenproduzenten waren an der Produktion anfangs intensiv beteiligt. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es in keiner anderen Stadt Deutschlands eine vergleichbare Konzentration von Kinderwagenproduzenten wie in Zeitz. Die verkehrsgünstige Lage mit entsprechenden Bahnanschlüssen bot hier beste Voraussetzungen für die Expansion der Kinderwagenproduktion als exportorientierten Industriezweig. Dank Naethers Erfindung und seinem Unternehmergeist trägt die Stadt Zeitz bis heute den inoffiziellen Namen als „Stadt der Kinderwagen“.

„Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Komm mal hier in diesen Raum Monika. Kannst du dich noch erinnern?“, fragt eine Dame um die 60 ihre Begleiterin. „Ja richtig, das ist doch genau jenes Modell mit dem ich damals unseren Thomas immer ausgefahren habe. Unglaublich, was wir für Kinderkutschen hatten“, sagt die Frau zu ihrer Begleiterin. An diesem Vormittag sind in der größten europäischen Sammlung von Kinderwagen auf der Moritzburg in Zeitz nicht viele Besucher. Man kann sich in aller Ruhe die Entwicklung des Transportes von Babys und Kleinkindern in den vergangenen 150 Jahren anschauen. Dieses Museum ist eine Entdeckung für alle Mütter, Väter, Omas und Opas, die – egal welchen Alters – einst ihre Kinder oder Enkelkinder in Kinderwagen über die Felder oder durch die Straßen der Städte schoben.

Die Entwicklung von Zeitz als Deutschlands ältestem und bedeutendstem Zentrum der Kinderwagenherstellung vor dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert die Sammlung des Museums mit ihren fast 400 Kinder-, Sport- und Puppenwagen anschaulich. Die Wagen vom zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart sind chronologisch in Gruppen angeordnet und stehen eng beieinander. In den ersten Jahren dominierten dunkle Töne. Später kam Weiß und Beige hinzu und erst ab den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wird die Farbpalette der Kinderwagen mit knalligen Farben wie Rot, Grün oder Blau regelrecht bunt. Die Fülle an Kinderwagen macht die Orientierung nicht leicht. Aber dank Schautafeln erfährt man viele Hintergründe von der Art der Produktion, über die Unternehmen sowie die Gewerke, die sich am Bau der Kinderwagen beteiligten, bis zu technischen Details. Ergänzt wird die Schau durch Wissenswertes zur Namensgebung von Kindern und mit entsprechenden Ausstellungsstücken zur christlichen Taufe. Einige Utensilien aus dem 19. Jahrhundert in Schaukästen, wie ein Nachttopf aus Porzellan oder eine Kinderbadewanne aus Zink samt Kinderbadeseife in Originalverpackung, erweitern die Präsentation.

Die ersten Kinderwagen sammelten bereits die Mitglieder des 1897 gegründeten Zeitzer Geschichts- und Altertumsvereins für ihr Heimatmuseum. Doch erst zu DDR-Zeiten wurde das Projekt einer Kinderwagenausstellung mit Unterstützung des „VEB Zekiwa Zeitz“, dem Hauptproduzenten von Kinderwagen in Ostdeutschland, realisiert. Zu Ostzonenzeiten produzierte die Zekiwa-Fabrik für alle Warschauer Vertragsstaaten, aber auch für westdeutsche Unternehmen wie Neckermann, und wurde so zur größten Kinderwagenfabrik Europas. In ihrer Hochzeit fertigte sie mit 2 200 Mitarbeitern jährlich 450 000 Kinder- und 160 000 Puppenwagen. Doch eine Dauerausstellung zur Geschichte des Kinderwagens gab es erst 1984 und ein eigenes Museum mit 600 Quadratmetern Fläche konnte erst mit der deutschen Wiedervereinigung realisiert werden. Seit 1996 kommen nach Angaben des Zeitzer Tourismusamtes jährlich 20 000 Besucher in die Kinderwagenausstellung auf Schloss Moritzburg.

Zeitz im Tal der Weißen Elster gehört heute zum Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Zwischen Gera im Süden und Leipzig im Norden gelegen bietet die Stadt trotz ihres teilweise doch recht verfallenen und damit trostlosen Stadtbilds eine Reihe von Sehenswürdigkeiten. Zeitz war sogar einmal für ein halbes Jahrhundert Hauptstadt und zwar des Herzogtums Sachsen-Zeitz von 1652 bis 1718. Immerhin können die Zeitzer auf über tausend Jahre Christentum zurückblicken. Auf der christlichen Tradition der Stadt basiert auch bis heute das Zeitzer Wappen. Zu sehen ist vor blauem Hintergrund der Erzengel Michael in silberner Rüstung auf dem Drachen stehend. Mit seiner Rechten schwingt er das Schwert, mit der Linken hält er einen silbernen Schild, worin sich ein rotes Kreuz befindet.

Wer zur Moritzburg und ihren Museen hinaufsteigt, kommt am katholischen Dom St. Peter und Paul vorbei. Heute eine Pfarrkirche, war der Dom zwischen 968 und 1029 die Kathedrale der Bischöfe des Bistums Zeitz, bevor es nach Naumburg verlegt wurde. Der Mönch Bosco aus Regensburg missionierte Zeitz und erhielt von Kaiser Otto I. den Auftrag für die Gründung des Gotteshauses. Zeitz wurde Königpfalz. 1028 erfolgte ein romanischer Neubau der Kirche. Teile dieses Baus einer dreischiffigen Hallenkrypta sind bis heute erhalten. Säulen, Kapitelle und Voluten dokumentieren die verschiedenen Bauphasen von der Romanik über die Gotik bis zum Barock. Als der Dom zur Schlosskapelle der Moritzburg wurde, ließen die Herzöge von Zeitz-Sachsen seine Türme abgetragen und bauten im Inneren eine Fürstenloge ein. Auch funktionierten sie die Krypta zur fürstlichen Grablege um, die heute ein bedeutendes Denkmal barocker Bestattungskultur ist. Der Besuch der Krypta aus dem 11. Jahrhundert lohnt auch wegen des Grabmals des Wissenschaftlers und „Vaters der Mineralogie“ Georgius Agricola sowie des letzten Naumburger Bischofs Julius von Pflug.

Der bauliche Zustand des Doms verschlechterte sich nach dem Zweiten Weltkrieg massiv, so dass 1982 der südwestliche Vierungspfeiler einstürzte, was zu erheblichen Schäden am gotischen Gewölbe der Kirche führte. Erst nach dem Mauerfall war das Geld und der Wille für die Sanierung des Doms vorhanden. 1998 wurde die Kirche wieder geweiht. Gut 600 Jahre lang residierten Bischöfe in Zeitz. In dieser Zeit entstanden neben dem Dom auch die Michaeliskirche sowie ein Franziskanerkloster. Vom ehemaligen Benediktinerkloster Posa, das heute nur noch in kleinen Resten existiert und nur auf Voranmeldung besichtigt werden kann, ging die Tradition des Zeitzer Weinbaues aus. Einem anderen alkoholischen Getränk – dem Bier – verdankt die Stadt ihre unterirdischen Gewölbe und Gänge, die auf Voranmeldung besichtigt werden können. Im Mittelalter dienten diese Gewölbe unter der Altstadt zur Lagerung des Gerstensaftes. Auch das alte Rathaus und einige historische Häuser der Innenstadt aus verschiedenen Jahrhunderten sind sehenswert.

Die barocke Schlossanlage der Moritzburg verdankt Zeitz den Herzögen von Sachsen-Zeitz. Schloss, Dom und Schlosspark mit dem Projekt der „Gartenträume" bilden heute den gut sanierten Kern der Stadt sowie des touristischen Interesses. Der rund zwölf Hektar große Schlosspark ist ein Resultat der Landesgartenschau Sachsen-Anhalt. Er kann besichtigt werden und ist mit Orangerie, einem klassizistischen Badehaus, verspielten Lustgärten sowie zahlreichen Themengärten sowohl für Erwachsene als auch für Kinder spannend.

Zum Abschied geht es vis-a-vis der Schlossgärten über einen historischen Friedhof. Die dortige Kirche des „Unteren Johannisfriedhof“ ist geschlossen und wird offensichtlich renoviert. Einige schöne historische Grabstätten befinden sich gleich hinter der Kirche, deren Dach neu eingedeckt wurde. Auffällig ist dabei ein weißes Familiengrab, auf dem eine Frau sitzt. Sie hält eine Papierrolle aus Stein in den Händen, auf der in Großbuchstaben der Name der Industriellenfamilie Naether zu lesen ist. Auch der Erfinder des Kinderwagens Ernst Albert Naether wurde hier beigesetzt. Von seinem Wirken ist in Zeitz nicht mehr viel zu finden. Die Fenster des roten Backsteinkomplexes der ehemaligen Kinderwagenfabrik sind mit Holz zugenagelt. Der in der DDR omnipräsente Name Zekiwa (Zeitzer Kinderwagen) „ging als Marke an einen asiatischen Unternehmer. Kinderwagen werden in Zeitz schon lange nicht mehr produziert“, sagte eine Mitarbeiterin im Schloss Moritzburg an der Kasse. Gott sei Dank gibt es das Deutsche Kinderwagen Museum, das Ernst Albert Naethers Erbe bewahrt und pflegt.

Info: Das Deutsche Kinderwagen Museum hat geöffnet von Dienstag bis Sonntag (10–18 Uhr)