Ettal

Schnaps ist nicht das letzte Wort

Das Kloster Ettal reagiert in besonderer Weise auf die Corona-Krise.

Ettaler Mönche rufen Bier zurück
Wie schon im Mittelalter und noch in der frühen Neuzeit, als das Kloster an die 3 000 Hintersassen hatte, wurde Ettal wieder zu einem Versorgungszentrum für die Region. Foto: dpa

Krisensituationen schärfen die Augen. Was im Normalbetrieb als Selbstverständlichkeit angesehen wird, macht sichtbar – wenn es ausbleibt –, wie belastbar die dahinter steckenden Strukturen eigentlich sind. Staaten, Gesellschaften, sind Netzwerke; fragile Gewebe aus Verwaltungsbehörden, Sicherheits- und Versorgungseinrichtungen, Lieferketten und Infrastrukturen, deren Tragfähigkeit sich bemisst an der Stärke des schwächsten Glieds. Das Virus Sars-CoV-2 dringt bis in die Keimzelle der Gesellschaft hinein; bei Corona ist der Mensch gefragt. Nicht aber als sich selbst verwirklichendes Individuum, sondern in seiner Fähigkeit, Netzwerke zu knüpfen und das Ausfallen der relevanten Strukturen unseres Staates zu tragen; und zwar selbstlos und ohne dafür einen unmittelbaren, geldwerten Vorteil zu erhalten, sozusagen „um Gottes Lohn“. Dabei sind nicht nur Familien damit konfrontiert, die Versorgung ihrer Mitglieder sicherzustellen, Nachbarschaftshilfen zu organisieren und den Kontakt zu Freunden aufrechtzuhalten; Kleinstrukturen sind Trumpf!

Funktionierende Kleinstrukturen

Ein Musterbeispiel für das Funktionieren solcher Kleinstrukturen ist im Landkreis Garmisch-Partenkirchen zu bewundern. Bevor noch „der Staat“ die sich zuspitzende Pandemielage thematisierte, schlug die Apothekerin des Klinikums Garmisch-Partenkirchen Alarm, dass es eng werden könnte bei der Versorgung mit Desinfektionsmitteln. Daher fragte die Klinik beim größten Schnapsbrenner im Landkreis an, im ehrwürdigen Kloster Ettal, ob man sich nicht vorstellen könne, die Produktion der klostereigenen Liqueurmanufaktur umzustellen auf die Herstellung von Desinfektionsmitteln. Mit 80–95 Prozent ist deren Hauptbestandteil nämlich Alkohol und in den Klostergewölben lagerten davon 8 000 Liter, aus denen sich rund 9 000 Liter der dringend benötigten Lösung herstellen lassen.

Alkohol wird in der Benediktinerabtei zu den Heiligsten Herzen Jesu und Mariae seit 1596 destilliert; und zwar nach einer streng geheimen Rezeptur als Liqueur, dessen Zutaten neben dem Apotheker nur noch dem Abt bekannt waren. Seine Blütezeit erlebte das von Kaiser Ludwig dem Bayern 1330 gegründete Kloster im 18. Jahrhundert als Zielort einer bedeutenden Marienwallfahrt und durch seine Ritterakademie; eine Erziehungsanstalt für Sprösslinge des bayerischen Adels. Während der Säkularisation aufgehoben, wurde es erst im Jahr 1900 wiederbelebt. In Tradition der ebenfalls untergegangenen Akademie gründeten die zwölf aus der Abtei Scheyern gekommenen Mönche ein neusprachlich-humanistisches Gymnasium mit anhängigem Internat.

Wiederentdecktes Liqueur-Rezept

Diesem, vor allem aber seiner Nähe zum Königsschlosse Linderhof dankt das reizvoll inmitten der Ammergauer Alpen gelegene Ettal seine heutige Berühmtheit. Wie durch ein Wunder wurde auch das ehedem sorgsam gehütete Liqueur-Rezept wiederentdeckt. Der spätere Benediktinerpater Anselm Barth hatte seine Lehre in der „Alten Apotheke“ in Garmisch absolviert und wusste auch vom „Altettaler Abtslikör“; ein Vorgänger seines Lehrherrn hatte das Klostergeheimnis der Benediktiner 1811 zusammen mit deren Apothekeninventar ersteigert.

Nachdem man die Rezeptur zurückerworben hatte, konnte in der Klostermanufaktur mit der Herstellung der dreifach gebrannten, grünen und gelben Traditionsliqueure begonnen werden. Die Produktpalette wurde im Laufe der Zeit um zahlreiche Farben erweitert, weswegen in der Kräuterkammer circa 80 verschiedene Kräuter und Gewürze gelagert werden; von Arnika und Enzianwurzel über Johannisbrot und Kümmel bis zu Sternanis und Zitronenmelisse. Frater Vitalis OSB, seines Zeichens gelernter Destillateur und derzeitiger Brennereichef, hat seit einigen Jahren sogar klostereigenen Gin ins Programm aufgenommen.

Als nun das Ansinnen des Klinikums Garmisch-Partenkirchen an ihn herangetragen wurde, zögerte er nicht lange. Die dafür notwendigen Mischtanks und Abfüllstutzen waren vorhanden; rein technisch wäre eine Umstellung von geistvollen Getränken zur innerlichen Einnahme auf die Produktion von keimtötenden Mitteln zur äußerlichen Anwendung innerhalb weniger Stunden möglich gewesen; lediglich einige weitere fehlende Zutaten waren noch zu bestellen. Vor die private Initiative aber hat der Gesetzgeber strenge Auflagen gesetzt.

Komplizierter Produktionsweg

Aufgrund eines komplizierten Geflechts europäischer und bundesdeutscher Vorschriften unterliegt die Alkoholproduktion einem strengen zöllnerischen Regime; jeder einzelne Produktionsschritt, vom Brennbeginn bis zur Ausbeuteermittlung, muss dem Zoll zwecks Steuerfestsetzung angezeigt werden. Ehe die Ettaler Liqueurmanufaktur zur Außendienststelle der Klinikapotheke umfunktioniert werden konnte, waren daher Anrufe beim örtlichen Landrat nötig, der wiederum seine Kontakte zum zuständigen Hauptzollamt in Rosenheim spielen lassen musste. Auch war für die Desinfektionsmittelherstellung unter anderem noch Wasserstoffperoxid zu besorgen, dessen Erwerb dem Sprengstoffrecht unterliegt.

Mit vereinten Kräften aber lagen die notwendigen Ausnahmegenehmigungen bald vor und seit dem 27. März produziert Fr. Vitalis OSB mit zwei Gehilfen unter strikter Qualitätskontrolle von Klinikapothekerin Elfriede Steinel die dringend benötigten Desinfektionslösungen. In einem eigens installierten Mehrwegsystem werden die Kanister in die Krankenhäuser der Region gebracht – von den Bierfahrern der Klosterbrauerei im Hochindustrieland Deutschland.

Lieferservice für Getränke

Aber das Kloster ging bereits einen Schritt weiter. Da im Landkreis viele ältere und damit besonders gefährdete und bedürftige Menschen wohnen, denen es in der Corona-Krise schwerfällt, ihre Einkäufe zu erledigen, wurde der Ende der 80er Jahre eingestellte Lieferservice wiederbelebt. Wie schon im Mittelalter und noch in der frühen Neuzeit, als das Kloster an die 3 000 Hintersassen hatte, wurde Ettal wieder zu einem Versorgungszentrum für die Region. Vorerst bis zum Ende der Osterferien am 20. April liefert die Ettaler Klosterbrauerei Mineralwasser, alkoholfreie Getränke und auch das süffige Klosterbier frei Haus – leider nicht die begehrten Desinfektionsmittel, denn die sind nur für den medizinischen Gebrauch bestimmt und werden nicht an Privatpersonen ausgehändigt.

Deutlicher als in den vorausgegangenen Krisen zeigt sich bei Corona, dass die großen Strukturen zu allererst versagen; sozusagen der Riss von oben nach unten durch die Gesellschaften geht. Nicht die in Zeiten der entgrenzten Globalisierung bejubelten, supranationalen Strukturen wie UN oder EU haben sich bewährt und als erste gehandelt; auch nicht die nationalen. Es waren die Kommunen, welche zuerst begriffen haben, wie sich die Situation vor Ort zuspitzt; danach erst haben die Regionen reagiert, während die oberste staatliche Ebene meist hinterherhinkt, wie man in Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland leidvoll beobachten konnte und noch kann. Corona wirft die Gesellschaft auf ihren Ausgangspunkt zurück und prüft die Festigkeit dessen, was sie im Innersten zusammenhält, ja, schon immer zusammenhielt.

Netzwerke als Corona-Rezept

Kein Wunder also, dass die besten Rezepte gegen Corona nicht neu, sondern vielmehr altbekannt sind. Sie alle basieren auf der menschlichen Fähigkeit, Netzwerke zu knüpfen – ebenso familiäre wie auch nachbarschaftliche. Insofern kann man Covid-19 durchaus als göttlichen Fingerzeig verstehen; in Ettal scheint man dies begriffen zu haben.

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