Österlicher Freudenzug in den „Three cities“

Die „Three cities“ gegenüber von Maltas Hauptstadt Valletta sind die Wiege der maltesischen Geschichte und bekannt für ihre Osterprozessionen. Von Annette Frühauf

Auf Malta hat der Festmarsch mit der Statue des auferstandenen Jesu am Ostersonntag Tradition. Foto: Fotos: Frühauf

Die „Three cities“ gegenüber von Maltas Hauptstadt Valletta sind die Wiege der maltesischen Geschichte und bekannt für ihre Osterprozessionen Von Annette Frühauf

In den„,Three cities“ wird gefeiert, wie sonst nirgendwo auf der Insel“, erklärt Matthew. Am Wochenende ist er als Stadtführer unterwegs und arbeitet sonst als Journalist. Gerade legt das Boot am Kai von Vittoriosa an, das zwischen Vallettas „Grand Harbour“ und den „Three Cities“ Cospicua, Vittoriosa und Senglea verkehrt. Die Einheimischen nennen das mittelalterliche Vittoriosa, wo sich heute die Menschen entlang des Hafens tummeln, gerne Birgu. Man sieht Familien mit Kindern, Großeltern, Onkel und Tanten. Fast alles Malteser im Sonntagsstaat. Einige Frauen und Kinder tragen zu ihren Röcken und Kleidern die passenden Hüte. Die Männer schlendern in Hemd und Sakko Richtung Zentrum. Niemand hat es eilig. Ein paar Kinder laufen einem davonfliegenden Luftballon hinterher. Die Atmosphäre ist fröhlich und ausgelassen. „Die Feierlichkeiten in der Karwoche und an Ostern haben einen kirchlichen Charakter. Aber am Ostersonntag schlägt die andächtige Stimmung in Ausgelassenheit um“, meint Matthew und zeigt auf einen Verkäufer, der die bunten Ballone verkauft.

Zu Beginn der Karwoche findet auf der Insel das Fest zu Ehren der „Lady of Sorrows“ statt – eines der beliebtesten in Malta. In den meisten Dörfern gibt es abends eine Prozession mit der Statue der „Lady of Sorrows“, auch Mater Dolores genannt. „In diesen Tagen sind die Kirchen besonders voll“, sagt der Fremdenführer über die Osterbräuche. Am Gründonnerstag folgen die „Sieben Kirchgänge“ – dabei werden sieben Kirchen besucht, um den „Altars of Repose“, also den „Ruhealtären“ die Ehre zu erweisen. Am Karfreitag werden dann zwölf Statuen, die die Szenen des Kreuzwegs nachstellen, durch die Orte getragen. Es herrscht eine eher düstere Stimmung und selbst die Kirchenglocken verstummen für einen ganzen Tag. Die Farbe Rot dominiert in allen Gotteshäusern – als Symbol für das Blut Christi.

Am Ostersonntag ändert sich die Atmosphäre schlagartig, wenn das Glockengeläut die Stille der Nacht durchbricht, um die Auferstehung Jesu zu verkündigen. „Ein Grund zum Feiern“, sagt der Guide. Auf einem Platz in der Nähe stehen die Einheimischen zusammen, prosten sich zu und lachen. Die Menschen drängen sich in Richtung „St. Lawrence Church“. In der Ferne ist Musik zu hören. Allmählich schwillt sie an. Aus den Fenstern der Häuser lehnen sich die großen und kleinen Zuschauer und verdrehen die Köpfe. „Da kommen sie“, rufen die mit der besten Aussicht. Musiker führen die kleine Prozession an. Dahinter marschieren festlich gekleidete Männer, die die Jesusstatue tragen – den Wiederauferstandenen, verhüllt mit einem goldenen Tuch. Der Triumphmarsch wird von den Umstehenden freudig begrüßt. Jeder tauscht mit jedem ein paar Worte aus oder scherzt mit Bekannten. Alle folgen dem Umzug die letzten Meter bis zum Kirchenportal. Die Musik wird schneller, plötzlich laufen die Träger samt Statue los. Im Laufschritt geht es den leichten Anstieg zur St. Laurence Church hinauf. Jubelnd wird der Zug vor der Kirche begrüßt. Die Menschen drängen hinter dem Heiligen und seinen Trägern in die Kirche oder weiter auf die umliegenden Plätze, auf denen noch einmal auf den Festtag angestoßen wird. Ein Durchkommen ist dort jetzt fast unmöglich – die Kellnerinnen und Kellner können nicht schnell genug ihre Tabletts beladen.

Es brodelt und kocht in den schmalen Gassen des ehemaligen Fischerdorfs. „Nach ein, zwei Getränken gehen die meisten nach Hause. Der Ostersonntag ist ein Festtag für die Familie“, erzählt Matthew. Nach einem ausgiebigen Festessen gibt es Schokoladeneier für die Kinder und „Figolli“, ein spezielles Ostergebäck mit Mandeln gefüllt und weißem Zuckerguss oder Schokolade überzogen. Seit Tagen schon können die Plätzchen in den Auslagen der Bäckereien bestaunt werden. Neben den „Figolli“ gibt es in der Osterzeit „Kwarezimal“, eine Süßspeise der Fastenzeit, die aus braunem Zucker, Mandeln, Zimt, Nelken und einem Hauch Orangenblütenwasser besteht.

Auf dem Weg zurück zum Bootsanleger erzählt Matthew vom Ordensritter und Gründer Vallettas – Jean Parisot de Valette. Die Statue mit dem Stadtplan und dem Siegerschwert in den Händen, steht in Valletta auf der Piazza de Valette. Die Johanniter des katholischen Malteserordens kamen im 16. Jahrhundert auf die nur 316 Quadratmeter große Insel. Sie errichteten die vier Festungsanlagen rund um die Hauptstadt, förderten den sozialen Wohnungsbau, errichteten Krankenhäuser und andere öffentliche Gebäude. Die Ordensritter machten Malta zu einem strategischen Ort im Mittelmeer, bis sie von Napoleon vertrieben wurden. Die Wege in Valletta sind kurz. Nicht weit entfernt vom Piazza de Valette erstreckt sich der St. George's Square mit dem Großmeisterpalast aus dem 16. Jahrhundert. Ist die Flagge gehisst, so bedeutet dies, dass die Staatspräsidentin Marie-Louise Coleiro Preca anwesend ist. Dann sind keine Besichtigungen möglich. Am St. John's Square liegen zahlreiche Straßencafés und Restaurants. Maltas Küche ist mediterran – neben Gemüse und Fisch stehen fast überall die traditionellen Kaninchengerichte auf der Karte. Malta gehört zu den am dichtesten besiedelten Ländern der Welt – Wohnraum ist sehr teuer. „Um die hohen Mieten zu bezahlen, haben viele Malteser – wie ich auch – einen Nebenjob“, erklärt Matthew. Nicht zu übersehen sind die beiden Türme der St. John's Co-Cathedral. „Die Kirche wurde 1573 unter der Leitung des maltesischen Militärarchitekten Gerolamo Cassar in nur vier Jahren erbaut. Der Architekt hat viele andere Gebäude in Valletta entworfen“, erzählt der Malteser. Von außen wirkt die Kirche wenig spektakulär. Allerdings dauerte der Innenausbau weitere 100 Jahre. Die Säulen und Deckenbögen sind vergoldet und glitzern um die Wette. Unter den bunten Marmorplatten ruhen 400 Ritter.

164 Jahre prägten auch die Briten den kleinsten EU-Staat, in dem heute noch Englisch die Amtssprache ist, links gefahren wird und rote Briefkästen und Telefonzellen neben den Denkmälern von Winston Churchill und Queen Victoria stehen. Malta erscheint aber nur auf den ersten Blick britisch. Wer sich mit den Maltesern unterhält merkt rasch, dass nicht jeder Einheimische perfekt Englisch spricht. Malti, die zweite Landessprache, ist eng mit dem Arabischen verwandt – die nächstgelegene Hauptstadt ist Tunis. Seit 1964 ist der Inselstaat unabhängig. Die Frömmigkeit ist eine maltesische Tugend aus jenen Ritterzeiten. „In Malta gibt es über 365 Kirchen. Wir können jeden Tag in einer anderen beten“, sagt der Stadtführer und lacht. Ihn zieht es es jetzt ebenfalls nach Hause. „Man kann hier praktisch nirgendwo hinschauen, ohne auf ein Kloster oder eine Kirchturmspitze zu blicken.“ Alle Kirchen – bis auf eine evangelische – sind auf Malta katholisch.