Nonnen widersetzen sich Reformation

Sie ist aus dem kulturellen Leben Bad Bevensens nicht weg zu denken und liegt doch zwei Kilometer außerhalb am Ufer der Ilmenau: die Klosteranlage von Medingen. Der frühklassizistische Bau mit der Klosterkirche St. Mauritius in der Mitte ist zugleich eines der architektonischen Glanzlichter der Region. Kloster Medingen ist der einzige Klosterneubau des Protestantismus in Norddeutschland.

1778 wurde die jetzige Anlage als „Adeliges evangelisches Frauenstift“ eingeweiht, sieben Jahre zuvor hatte ein Großfeuer das alte Kloster zerstört. An den Vorgängerbau aus dem 14. Jahrhundert erinnert heute noch das „Brauhaus“ im Stil der Backsteingotik im rückwärtigen Teil der Klosteranlage.

1336 war das Kloster für die Nonnen des sechs Kilometer entfernten Zisterzienserinnenklosters im Stil der Backsteingotik errichtet worden. Das heutige Medingen hieß damals Zellensen. Hier fühlten sich die Nonnen sicherer als im 1241 gegründeten „alten“ Kloster Medingen, heute Altenmedingen. Das neue Kloster lag direkt an der Ilmenau, damals die wichtigste Verkehrs- und Transportader der Region. Mit dem Umzug des Nonnenkonvents am 24. August 1336 wurde auch der Name mitgenommen. Der neue Standort Zellensen wurde in Medingen umbenannt, der ehemalige Klosterstandort wurde zu Altenmedingen.

Das dem neuen Kloster Medingen benachbarte Bevensen war damals noch ein eher unbedeutender Marktflecken. Heute ist Medingen ein Ortsteil von Bad Bevensen. Allerdings gab es im Markt Bevensen damals bereits eine Schützengilde, die den Schutz der Nonnen sicherstellen konnte. Spätestens seit Bevensen 1450 Klosterpfand und 1489 sogar vorübergehend Klostergut wurde, entstand eine enge Verbindung zwischen Gilde und Kloster: Noch heute ist die jeweilige Äbtissin Ehrengast beim jährlichen Umzug der Gilde und beim Schützenfest. Die Gildefahnen, 1848 und 1912 von den Konventsdamen gestiftet, werden im Kloster aufbewahrt, ebenso der wertvolle Silberschatz der Gilde.

Das Kloster gehörte im Mittelalter zu den sechs Frauenklöstern im Fürstentum Lüneburg. Hier entstanden viele Kirchenlieder, die immer noch von beiden Konfessionen gesungen werden. In der Schreibwerkstatt wurden bedeutende Handschriften verfasst, die sich heute in internationalen Bibliotheken befinden. Die Nonnen waren meist Töchter der Lüneburger Patrizierfamilien, die mit reichem Hausstand in den Konvent eintraten und so den Besitz des Klosters mehrten. Im Lauf der Zeit wuchsen Kloster Medingen Rechte an der Lüneburger Saline, am Zoll, an Mühlen und an der Schifffahrt auf der Ilmenau zu.

In seiner Blütezeit kurz vor der Reformation lebten mehr als 100 Nonnen in Medingen. 1524 trat Herzog Ernst zu Braunschweig und Lüneburg – „der Bekenner“ – dem Luthertum bei und ordnete die Reformation auch für die Heideklöster an. Doch die Äbtissin ließ kurzerhand die vom Herzog übersandte Lutherbibel öffentlich verbrennen und widersetzte sich mehr als dreißig Jahre lang mit ihrem Konvent der Anordnung des Landesherrn. Der ließ im Zuge des „Nonnenkrieges“ einen Teil des Klosters abreißen, zog 1539 den Klosterbesitz ein und gab erst nach Annahme des lutherischen Glaubensbekenntnisses durch die Nonnen 1555 einen kleinen Teil wieder zurück.

Die klösterliche Lebensweise wurde in der Folge der Reformation gelockert, 1559 wurde das Kloster zum „Evangelischen Damenstift“. Die Damen durften sich von da an auch außerhalb des Klosters aufhalten und es sogar wieder verlassen, um zu heiraten.

Das Evangelische Damenstift Medingen ist heute mit 18 Konventualinnen der größte Konvent in Niedersachsen. Wie seit 1494 steht ihm eine Äbtissin vor. Medingen gehört wie die anderen fünf Heideklöster zur Klosterkammer Hannover. Deren Präsidentin untersteht die Äbtissin bei der Führung des Klosters. Die Konventualinnen sind für die Kunstschätze im Kloster verantwortlich, kümmern sich um die Weitergabe von Wissen und führen Besucher durch die Anlage. Zu den wichtigsten Schätzen gehören der Äbtissinnen-Krummstab von 1494, die goldene Reliquienstatue des Hl. Mauritius aus dem 15. Jahrhundert, ein Gobelin aus dem 16. Jahrhundert, altes Silber und Porzellan, sowie mittelalterliche Truhen und Schränke.

In den sechs Heideklöstern leben heute alleinstehende Frauen evangelischen Glaubens in einer christlichen Lebensgemeinschaft, aber in eigenen Wohnungen und mit einem eigenen Garten. Sie nehmen nicht nur ledige Frauen, sondern auch Witwen und Geschiedene auf. Oft gehen heute Konventualinnen auch erst nach ihrem Berufsleben ins Kloster, um in kultivierter und christlicher Atmosphäre und sozialer Einbindung das Alter zu genießen.

Dominierendes Element der heutigen barock-klassizistischen Klosteranlage ist der spätbarocke vierzig Meter hohe Kirchturm mit seinem grün patinierten kupfernen Helm. Die Anlage entspricht im Grundriss einem gestauchten H, in ihrer Architektur erinnert sie deutlich an eine Schlossanlage. Die Kirche im Zentrum des H ist dem Heiligen Mauritius geweiht. Der kreisrunde Kuppelbau ist auf einen „Auferstehungsaltar“ in Form eines Sarkophags gegenüber dem Eingang ausgerichtet. Altar, Kanzel und Orgel sind übereinander angeordnet. Zwischen Altar und Kanzel sind um ein Reliefbild des auferstandenen Christus Kreuz und Marterwerkzeuge dargestellt. Die Kanzel ragt aus der das gesamte Kirchenrund umlaufenden Empore vor.

Der Kanzel gegenüber liegt der „Nonnenchor“ für die Konventualinnen mit einem eigenen schlichten Altar. Für die Zusammenkünfte des Konvents gibt es einen stimmungsvollen Kapitelsaal, in dem auch Bildnisse aller Äbtissinnen seit dem 17. Jahrhundert zu sehen sind.

In den Sommermonaten veranstalten Kurverwaltung und Konvent im Festsaal, im Saal des alten Brauhauses oder in der barocken Rundkirche die Kulturwochen „Musikalischer Sommer im Kloster Medingen“. PD/DT