Dublin

Newmans Basilika

Im georgianischen Viertel Dublins erinnert heute ein Gotteshaus an John Henry Newman. Ein Besuch in der Universitätskirche.

Universitätskirche in Dublin
Klein, aber nicht zu übersehen: die Universitätskirche in Dublin. Foto: Einig

Im Oktober 1851, sechs Jahre nach seinem Übertritt in die katholische Kirche, reiste John Henry Newman (1801–90) nach Irland, um mit Erzbischof Paul Cullan von Armagh Gespräche über die Gründung einer katholischen Universität zu führen. Das Projekt sollte am Misstrauen des irischen Episkopats scheitern. Nur die Universitätskirche erinnert heute an die schmerzliche Erfahrung des britischen Konvertiten.

Wie ein Farbtupfer im Häusermeer leuchtet das zierliche Gotteshaus aus rotem Backstein und anthrazitfarben abgesetzten Simsen und Rundbogen zwischen den hellen Häuserfassaden an der Südseite des St. Stephen's Green-Park hervor. An sonnigen Tagen quillt der Park über vor Leben: Spaziergänger, Straßenmusiker und Touristen tummeln sich hier. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ging es in dieser exklusiven Wohnlage vornehmer zu: Nur die Anwohner hatten Zutritt zu St. Stephens und schickten Kinder und Dienstboten ins Grüne. Erst 1877 gab die Stadtverwaltung dem Antrag von Sir Arthur Guinness statt und öffnete den Park für Normalsterbliche. Der Chef der berühmtesten Brauerei Irlands wohnte mit seiner Familie fußläufig zum Park und finanzierte auch die Neugestaltung.

Eine andere Welt mitten im Lärm der Stadt

Auf den lichtgrauen Kapitellen neben dem Eingang tummeln sich Engelsköpfchen zwischen üppigen Ornamenten. Schon im Atrium ebbt der Lärm der Stadt ab. Stück für Stück wird der Besucher in eine andere Welt geführt. Auf dem Gang zum Lettner erläutern ausführliche Text- und Bildtafeln die Geschichte der Kirche. John Henry Newman baute sie Mitte des 19. Jahrhunderts für die von ihm begründete Katholische Universität in Irland nach dem Vorbild einer mittelalterlichen Basilika. Als sichtbares Erbe des britischen Konvertiten erinnert sie bis heute an seine wissenschaftlichen und geistlichen Ideale. In der Universitätskirche setzte sich aus Newmans Sicht das steingewordene Prinzip der Universität fort, die untrennbare Verschmelzung der Philosophie mit der Religion.

Zwei Konvertiten gaben dem Bau seine äußere Gestalt: Newman gewann den katholischen Architekten John Hungerford Pollen (1820-1902). Der einstige Pastor der anglikanischen Kirche war auf Einladung Newmans Honorarprofessor für Schöne Künste an der neugegründeten Universität geworden. Dem Auftraggeber schwebte „eine große, im Stil einer Basilika ausgemalte Scheune mit irischem Marmor und dem Standard-Bildprogramm“ vor.

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Papst Benedikt XVI. war es, der ihn im Jahr 2010 seligsprach. Am Sonntag wird Papst Franziskus John Henry Newman heiligs... Foto: dpa

1855 begannen die Arbeiten an der Miniaturbasilika, deren Hauptschiff keine vierzig Meter misst. Ein Jahr später wurde die Kirche am Fest Christi Himmelfahrt geweiht. Ein üppiges Bildprogramm an den Wänden und ein Mosaik der Patronin der Kirche, Maria als „Sitz der Weisheit“ in der Apsis, ziehen die Blicke auf sich. Für einen Augenblick vergisst man hier die Bilder der neugotischen Kirchen Dublins mit ihren volkstümlich-pastelligen Heiligendarstellungen und wähnt sich auf dem Kontinent.

Licht am Ende der Katakomben

Über dem Hochaltar wölbt sich ein Baldachin. Tradition und Zeitgeschmack paaren sich in dieser Kirche: Die lichtdurchflutete Sakramentskapelle ist mit bunten Glasfenstern im Stil des neunzehnten Jahrhunderts ausgestattet. Mit unverhohlener Begeisterung schrieb Newman kurz nach der Kirchweihe: „Pollen hat eine wunderbare Kirche gebaut. Je länger ich die Apsis anschaue, umso schöner kommt sie mir vor.“ Andere erkannten in diesem Gotteshaus die nach dreihundert Jahren Verfolgung wiederauferstandene Kirche in Irland. Die Zeit der Katakomben sei für die irischen Katholiken vorbei, nun sei das Zeitalter der Basilika, schrieb die irische Tageszeitung „Nation“.

Auch die Umgebung kann sich sehen lassen. Die mediterrane Atmosphäre des Gotteshauses verdichtet sich auf dem begrünten Innenhof: Zwischen bepflanzten Kübeln sitzt der Besucher bei Pfarrer Bill Dailey CSC. Der amerikanische Ordensmann empfängt den Gast mit unkonventioneller Freundlichkeit. Er gehört der Kongregation vom Heiligen Kreuz an, die vorwiegend in den USA und in Mexiko an Hochschulen als Seelsorger wirken. Studenten aus aller Herren Länder gehören zum Alltag des agil wirkenden Geistlichen.

Man plaudert auf dem einstigen Grund und Boden des katholischen Richters Nicholas Ball, von dem John Henry Newman das Grundstück nahe des Universitätsgebäudes erwarb. Für den Bau der Kirche war nichts zu schön: Newman griff sogar in seine Privatschatulle; die Baukosten – insgesamt 5600 – Pfund gerieten wesentlich höher als veranschlagt. Pater Bills Gemeinde setzt sich aus Betern aller Generationen und vieler Nationen zusammen. Spontan nehmen manche Kirchenbesucher unter der Kanzel Platz, auf der Newman einst predigte. Mit seinem Predigttalent überwand er konfessionellen Grenzen. Das neunzehnte Jahrhundert bemaß die Predigtzeit großzügig: Nicht länger als vierzig Minuten, lautete Newmans Regel an seine Gastprediger. Selbstironisch schrieb er einem Freund: „Würde ich regelmäßig predigen, hätte ich hier eine große Gemeinde von Rechtanwälten und älteren Damen.“ Glatte Fehleinschätzung oder britischer Humor?

Erfolgreiches aber kurzes Gastspiel in Irland

Aus zeitgenössischen Briefen von Studenten des Trinity Colleges geht jedenfalls hervor, dass mancher junge Protestant sonntags regelmäßig in die Universitätskirche ausbüchste, um Newman predigen zu hören. Wie ein Leuchtturm ragt die Kanzel in stilvoller Marmorverkleidung ins Kirchenschiff. Unwillkürlich beschleicht den Betrachter der Gedanke, dass der Ruch der geistigen Enge dem neunzehnten Jahrhundert durchaus nicht immer begründet anhaftet. Ein steingewordenes Konzept für die una sancta liegt dieser Kanzel zugrunde: Für den Konvertiten Newman bedeutete die Einheit der Kirche Einheit des katholischen Dogmas und Geistes. Dass die Universitätskirche zudem einen repräsentativen Rahmen für Festlichkeiten und Lesungen bot, entsprach ihrem ganzheitlichen Konzept.

Eine schmale Marmorbüste unter der Kanzel erinnert an den Stifter und Prediger. 1851 hatte Erzbischof Paul Cullan Newman in Birmingham besucht und nach Irland eingeladen. 1852 reiste der Brite nach Irland und hielt dort die ersten fünf Vorlesunge der Reihen „Idea of a University“. Wer den Gelehrten Newman und seine Bildungsideale kennenlernen will, kommt an dieser zeitlos aktuellen Synthese von Glaube und Wissenschaft nicht vorbei. Wegen finanzieller Engpässe und Zwistigkeiten in der kirchlichen Hierarchie sowie des Kuratoriums der Universität wurde Newman erst im Juni 1854 in das Amt des Rektors eingeführt. Wenige Monate später, Anfang November, wurde die Universität in St. Stephen's Green eröffnet. Doch der Aufbau einer erfolgversprechenden Studentenschaft misslang. Politisch kaltgestellt, kehrte Newman 1858 enttäuscht über die „Irische Kampagne“ nach Großbritannien zurück. Vergessen ist der Heilige in Irland aber nicht.


Literatur

Mehr über John Henry Newmans Zeit in Irland und seine Idee der Universität ist in folgenden Publikationen zu erfahren:

  • Müller, Gerhard L.: John Henry Newman begegnen. Sankt Ulrich Verlag, 2000, ISBN 3-929246-54-6
  • Edith-Stein-Gesamtausgabe. Übersetzungen I. John Henry Newman. Die Idee der Universität.
  • Herder, 2004, ISBN 3-451-27391-8
  • McGrath, Fergal: Newmans's University. Idea and Reality. Browne & Nolan, Dublin, 1951
  • Ker, Ian: John Henry Newman. A biography. Clarendon Press, Oxford, 1988, ISBN 0-19-826451-8