Mein junger Glaube im Alltag: Zu Besuch bei Kardinal Meisner: Was tun? Ja sagen!

Von Rudolf Gehrig und Benedikt Bögle

Mein junger Glaube im Alltag:  Einfach unvergesslich:  Was wird das Erbe sein?:  Lieber Papst Benedikt,

„Mein junger Glaube im Alltag“ – darüber schreiben jeden Samstag junge Frauen und Männer aus dem Team der „Jungen Federn“ der „Tagespost“. Sie notieren, was sie persönlich gerade mit ihrem Glauben erleben.

Ich bin der Überzeugung, dass es einen „perfekten Tag“ erst im Himmel gibt. Doch bis zu dem Zeitpunkt, als ich in der Kölner Innenstadt 30 Euro wegen „verbotswidrigem Linksabbiegen“ zahlen muss, war mein Ausflug in die Domstadt perfekt gewesen!

Ende Mai erlaubte mir „Die Tagespost“, einen offenen Brief an Kardinal Meisner zu schreiben. Er antwortete mir persönlich und wir vereinbarten einen Termin. Ging für mich damit ein Traum in Erfüllung? Nein, denn das hatte ich tatsächlich nicht einmal zu träumen gewagt! Für mich ist das Treffen mit dem Kardinal etwas anderes als wenn ich meinem Lieblingsfußballer, einem Fernsehstar oder dem Sänger meiner Lieblingsband begegne. Dieser Mann hat zwar wahrscheinlich schon lange keinen Fallrückzieher mehr gemacht, hat noch keinen einzigen Oscar gewonnen und er schreibt keine Lieder, mit denen ich im Auto an der Ampel bei heruntergelassenen Seitenfenstern die Umwelt beschalle. Und doch bedeutet mir Kardinal Meisner viel mehr als jeder andere weltliche Promi.

Als ich im Empfangszimmer warte, ist die Spannung kaum zu ertragen. Ich betrachte das große Christusgemälde an der Wand. In wenigen Augenblicken werde ich Kardinal Meisner begegnen. Aufregung und Anspannung sind also berechtigt, aber trotzdem stellt sich mir die Frage, um wieviel großartiger das erst sein muss, wenn ich eines Tages dem Meister aller Heiligen, dem lieben Gott, höchstpersönlich gegenübertreten werde! Dieser Moment wird den jetzigen Augenblick um Längen übertreffen, denn selbst der Kardinal ist auch nur ein Werkzeug in Gottes Händen. Genau wie ich.

Endlich geht die Tür auf, da steht er. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, er lächelt über das ganze Gesicht und begrüßt mich mit einem festen Händedruck. Er ist älter geworden, dennoch ist mit jedem Wort, dass er spricht, sein Feuer deutlich anzumerken, das immer noch in ihm brennt und ihn irgendwie jung hält. Ich sitze in seinem Büro und trinke Kaffee mit meinem Lieblingspromi. Sein Auftritt ist mehr als lässiges Kaugummikauen, Sonnenbrille und Autogrammkritzeln, stattdessen gibt er mir das Gefühl, dass für ihn in diesem Moment nichts in der Welt wichtiger ist als meine Person. Wir reden eine Stunde lang offen und ungezwungen, am Ende bin ich so überwältigt, dass mir Maria einfällt und ich mich entschließe, erst einmal alles im Herzen zu bewahren und dort zu betrachten.

Irgendwann klopft es zaghaft an der Tür, sein Sekretär: „Herr Kardinal, der nächste Termin!“ Wir reden noch eine Weile, in wenigen Sätzen stelle ich unsere Facebook-Gebetsaktion vor, deren Mitbeter sich verpflichten, täglich um 20 Uhr ein Vaterunser für das ungeborene Leben zu beten. Der Kardinal sagt prompt: „Da mach ich mit!“, dann lässt er sich noch mit mir, meinem Bruder und einem Freund ablichten, die die weite Reise nach Köln mitangetreten sind. Mit warmen Worten, dem Segen und einem letzten festen Händedruck verabschiedet er sich dann.

Als mir die Polizistin schließlich den Strafzettel mit Überweisungsträger gibt, ist mein Ärger schon wieder verraucht. Ich zittere zwar noch leicht beim Weiterfahren, aber mein breites Grinsen kann mir heute niemand mehr nehmen. Vielleicht war das tatsächlich ein perfekter Tag.

Der Autor, 18, macht in Senden (bei Ulm) ein Praktikum in der Pfarrei St. Josef der Arbeiter

Als Ja-Sager bezeichnet zu werden ist alles andere als ein Kompliment. Ein Ja-Sager bildet sich keine eigene Meinung, fügt sich dem Willen einer scheinbaren Mehrheit und tritt nicht als markante Person in Erscheinung. Ein ziemlich negatives Bild. Und es scheint so, als würde es unserer Kirche ganz genauso gehen: Man will kein Ja-Sager sein, nicht mit einem negativen Bild behaftet sein.

Also wenden sich unterschiedliche Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche gegen beinahe alles, was bisher geltend war und als Fundament der Kirche galt. Verschiedene Priester-Vereinigungen sagen „Nein“ zu ihrem Zölibat, viele Gläubige wenden sich gegen die als „Autorität“ dargestellten Würdenträger der Kirche mit dem Heiligen Vater an ihrer Spitze. Und schließlich gibt es genügend Kräfte innerhalb unserer Gemeinschaft, die einem „Nein“ zur sonntäglichen Eucharistiefeier nicht abgeneigt sind. All dies soll zu einem neuen Bild der Kirche und des Glaubens führen. Zu einem modernen Image sozusagen.

Dabei ist es doch undenkbar, was die Kirche ohne ihr Ja heute wäre. Was, wenn Maria „Nein“ zum Willen Gottes gesagt hätte? Was, wenn die von Christus berufenen Apostel ihre eigene Meinung über das Ja zu Christus gestellt hätten? Wäre der Glaube an die Auferstehung und somit die Kraft und Hoffnung der Kirche möglich, wenn nicht schon die ersten Zeugen am Grab ihr „Ja“ zu dem so unwahrscheinlichen, zu dem für Menschen nie begreifbaren Wunder, dass das Leben und die Liebe stärker sind als der Tod, gesprochen hätten?

Natürlich ist es wichtig, wie die Kirche von außen betrachtet wird. Wir können nicht in einer eigenen, abgeschotteten Welt leben: Verkündigung kann ja wohl nur dann sinnvoll sein, wenn sie auch wirklich auf die Menschen eingeht. Also muss man mit modernen Mitteln zeigen, was unser Glaube ist. Das bedeutet jedoch nicht, von heute auf morgen „Nein“ zu allem zu sagen, was uns bisher heilig war. Vielmehr müssen wir eine Glaubenshaltung anstreben, die zum einen unsere Tradition bejaht, zum anderen aber auch dem Wort Gottes und allen Schwierigkeiten der Zukunft mit einem offenen Ohr entgegentritt. Nur wenn wir in Demut und Gehorsam mit einem grenzenlosen Ja auf das Wort Gottes hören, können wir auch in Zukunft von einer immer lauteren Gesellschaft beachtet und gehört werden.

Dass dies nicht immer leicht ist, ist selbstverständlich. Wann immer neue und unbekannte Wege gegangen werden müssen, befällt uns Angst und Trostlosigkeit. Doch wir dürfen als Christen immer hoffen, dass Gott wie ein Hirte unser Wegbegleiter ist und uns auch in den hohen Wellen der unsichtbaren Zukunft nicht verlassen wird. Gerade er ist es ja, der uns an der Hand nehmen und uns behüten will, der unseren Glauben und unseren Mut kennt: Er weiß, dass es um diese nicht immer bestens bestellt ist. Er weiß, dass wir allzu oft zögern und viel zu selten Unbekanntes scheuen: Viel zu gerne verkriechen wir uns im uns Gewohnten. Und trotzdem sagt Gott aus Liebe Ja zu den Menschen. Was also müssen wir tun? „Ja!“ sagen!

Der Autor, 17, studiert ab Oktober Theologie in Regensburg