Heilsam leben mit Hildegard

Heilende Kräfte in der Natur entdecken: Die heilige Hildegard von Bingen wusste dank ihrer visionären Begabung wie keine Zweite, dass es andere Weisen der Wahrnehmung gibt als die analytisch forschende des wissenschaftlich-technischen Zeitalters. Das nutzte sie zur Behandlung von Leiden und Krankheiten.

Sankt Hildegard von Bingen
Für die heilige Hildegard von Bingen war die Grundlage jeder Behandlung die Wahrnehmung des ganzen Menschen. Vielfach beschreibt sie Rezepturen, die zum allgemeinen Traditionsgut der antiken und mittelalterlichen Medizin gehören. Foto: fotolia.de

Die Kräuterheilkunde ist das Gebiet, das Hildegard von Bingen eigentlich bekannt gemacht hat. Auch wer sonst nichts von ihr weiß, hat in den letzten Jahren vermutlich das eine oder andere Rezept in die Hand bekommen, das von ihr stammt oder sich auf sie beruft. Allerdings ist längst nicht alles, was heute unter dem Namen Hildegards verbreitet wird, wirklich ihren Schriften entnommen.

Hildegard von Bingen war Benediktineräbtissin und sorgte deshalb auch für die Versorgung der Kranken im Kloster und seiner Umgebung. Sie war dafür besonders geeignet, weil ihre Wahrnehmungsfähigkeit infolge ihrer visionären Begabung stärker ausgeprägt war, als dies gewöhnlich der Fall ist. In der Ausübung ihres ärztlichen Berufes stand sie in einer langen, bis in die Antike zurückreichenden Tradition. Die Wege, auf denen man heilende Kräfte in der Natur entdeckte, erscheinen uns heute merkwürdig und fremd, aber sie überraschen uns häufig mit der Richtigkeit ihrer Ergebnisse.

Experimentell und fabulös: die Naturkunde

Ursprünglich waren ihre medizinischen und naturkundlichen Schriften in einem einzigen Werk zusammengefasst. Heute ist uns Hildegards medizinisches Wissen in zwei Büchern überliefert, der Naturkunde und der Heilkunde. In der Naturkunde beschreibt Hildegard jeweils genau die Qualität der Pflanzen, Kräuter und Steine, ihre Eigenschaften und ihren Nutzen für den Menschen, eventuell verbunden mit Hinweisen für die Verarbeitung als Medikament. Wenn sie eine Pflanze aus eigener Anschauung kennt, sind ihre Beschreibungen sehr genau.

So hat sie zum Beispiel die Fischlandschaft in Nahe, Glan und Rhein so präzise beschrieben, wie es bis in die Neuzeit hinein nicht wieder vorgekommen ist. Wo Hildegard nicht auf eigene Beobachtungen zurückgreifen kann, kolportiert sie unbekümmert die im Mittelalter kursierenden Fabeln. So schreibt sie etwa über das Einhorn, dass es nur von einer gut aussehenden, adeligen Jungfrau gefangen werden könne. Dies ist freilich eine These, die sie beim Anblick des mittlerweile als Nashorn identifizierten Tieres und der Beobachtung seiner Lebensgewohnheiten vielleicht nicht unbedingt aufrechterhalten hätte.

Gut sortiert und treffsicher

Die Heilkunde beschreibt eine Fülle damals bekannter Krankheiten in Verbindung mit entsprechenden Therapievorschlägen. Die Zusammenstellung der Rezepturen ist bemerkenswert vernünftig und praxisorientiert. Aus der reichen Anzahl an möglichen Indikationen für ein Heilkraut findet sich in den Schriften Hildegards in der Regel eine Beschränkung auf wenige, sinnvolle Anwendungsbereiche, deren Wirksamkeit heute häufig aufgrund von chemischen Analysen neu erkannt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Klette, die Hildegard als harntreibendes Mittel, sowie, äußerlich anzuwenden, als Medikament bei neurodermitis-ähnlichen Hauterkrankungen anführt. Untersuchungen haben ergeben, dass diese Pflanze Stoffe enthält, die die Bakterienbildung und den Pilzbefall hemmen und so den therapeutischen Effekt bei Ekzemen, Flechten oder schuppigen Hauterkrankungen, besonders im Bereich der Kopfhaut, erklären.

Ein wichtiger medizinischer Grundsatz der mittelalterlichen Medizin, den die Homöophatie wieder aufgegriffen hat, war: Gleiches heilt. Die Ähnlichkeit von Krankheit und Heilkraut besteht beispielsweise bei der von Hildegard angewendeten Behandlung von Herzstechen durch die Mariendistel. Das stechende Kraut sollte hier die stechenden Schmerzen beheben. Diese Sichtweise erscheint uns wenig einleuchtend, doch sind wir heute eingeladen, zu lernen, dass es noch andere Weisen der Wahrnehmung gibt als die analytisch-forschende des wissenschaftlich-technischen Zeitalters. In Bezug auf die Mariendistel heißt dies: Aus den Samen dieser Pflanze kann ein Wirkstoffkomplex, das Silymarin, isoliert werden, der in der Tat gegen Beschwerden wie Seitenstechen hilft und zudem eine Schutzwirkung für die Leber hat. Dass Hildegard sich auf Indikationen beschränkt, deren Wirksamkeit sie beobachtet hat, spricht für die Praxisorientierung der medizinischen Schriften.

Antike Tradition und Volksmedizin

Vielfach beschreibt Hildegard Rezepturen, die zum allgemeinen Traditionsgut der antiken und mittelalterlichen Medizin gehören. Andere Therapievorschläge tauchen bei ihr erstmals auf, sodass man auf Einflüsse volksmedizinischer Überlieferung oder eigener Erfahrung schließen kann. Ein sehr praxisnahes Beispiel hierfür ist ihr Hinweis, dass man die Stacheln der Brombeere bei geschwollenem und vereitertem Zahnfleisch zum Aufritzen desselben anstelle eines Abszessmessers gebrauchen könne. Möglicherweise kann man in diesem Vorschlag ein Unterlaufen des seit den 30er Jahren des 12. Jahrhunderts geltenden Verbotes für Mönche und Nonnen, chirurgische Eingriffe vorzunehmen, sehen.

Niemand wäre im Mittelalter auf die Idee gekommen, eine Patientin als Niere von Zimmer Zehn zu bezeichnen. Die Grundlage jeder Behandlung war die Wahrnehmung des ganzen Menschen. Kam ein Patient mit Bluthochdruck zu Hildegard, fragte sie ihn nach seinen Lebensgewohnheiten. Fand sie heraus, dass er zum Jähzorn neigte, sich fettreich ernährte und regelmäßig Hochprozentiges trank, wies sie ihn zunächst an, Holz zu hacken, wenn ihn der Zorn überkam, anstatt mit seinem Nachbarn zu streiten, das fette Fleisch durch Dinkelbrei und den Alkohol durch Tee zu ersetzen. Erst wenn dies alles nicht half, griff sie zu stärkeren Medikamenten. Medizin ist für Hildegard immer kontextuell.

Zu den anziehenden Merkwürdigkeiten der mittelalterlichen Medizin gehört die Verwendung edler Steine als Therapeutikum. Man war davon überzeugt, dass die minimale mineralische Wirkung heilend wirke, wenn man beispielsweise Edelsteine in Wein einlegte und diesen anschließend trank. Zum anderen beruhte der Glaube an die therapeutische Wirkung der Steine auf ihrer Schönheit, die imstande sei, heilende Kräfte zu aktivieren. Hildegard beschreibt die Edelsteine als greifbare Überbleibsel aus dem Paradies.

Von der Wirkung des Dinkels überzeugt

Folgt man Hildegard von Bingen, ist der Dinkel die bekömmlichste aller Getreidearten. Er wirkt stimmungsaufhellend, basisch und verhindert so Entzündungsprozesse im Körper. Die Ernährung mit Dinkelprodukten wirkt nicht nur vorbeugend, sondern auch heilend. Dies gilt zum Beispiel in der Ernährung von Rheumapatienten, bei deren Erkrankung Entzündungen eine wesentliche Rolle spielen. Viele Krankheiten stehen in engem Zusammenhang mit der Ernährung. Eine Übersäuerung des Körpers durch Kaffee, Weißmehlprodukte und Zucker kann zu Veränderungen der Magenschleimhaut, des Cholesterin- und des Blutzuckerspiegels führen. Das sind Probleme, die man durch eine dinkel-basierte Ernährung vermeiden kann.

Wie sehr Hildegard von der Wirkung des Dinkels überzeugt war, ist dem Ersten Buch ihres Werks „Physika“, das den Titel „Von den Pflanzen“ trägt, zu entnehmen: „Der Dinkel ist das beste Getreide und er ist warm und fett und kräftig, und er ist milder als andere Getreidearten, und er bereitet dem der ihn isst rechtes Fleisch und rechtes Blut, und er macht frohen Sinn und Freude im Gemüt des Menschen. Und wie auch immer die Menschen ihn essen, sei es in Brot, sei es in anderen Speisen, er ist gut und mild. Und wenn einer so krank ist, dass er vor Krankheit nicht essen kann, dann nimm die ganzen Körner des Dinkels und koche sie in Wasser, unter Beigabe von Fett oder Eidotter, so dass man ihn wegen des besseren Geschmacks gern essen kann, und gib das dem Kranken zu essen, und es heilt ihn innerlich wie eine gute und gesunde Salbe.“

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