Entspannung im Spätherbst am Bodensee

Farbenfrohe Reize, Kultur und Religion im Dreiländereck. Von Rocco Thiede

„Die Aussicht von dort oben ist atemberaubend“, schwärmt die Frau an der Kasse. „Das werden Sie nicht bereuen“, ergänzt sie als Reaktion auf unsere fragenden Gesichter. Denn an diesem Vormittag liegt noch schwerer Nebel und Dunst über Deutschlands größtem Gewässer, dem Bodensee, „aber der wird sich bald verziehen“, versichert die Dame aus dem österreichischen Vorarlberg, die seit fast zwei Jahrzehnten für die Pfänder-Bahn in Bregenz arbeitet. Für 25 Euro lösen wir ein Familienticket für die Auf- und Abfahrt. Da wir vier Kinder dabei haben, ist dieser Preis für eine Seilbahn in die Berge der Alpen fast ein Schnäppchen. Als wir nach gut sechs Minuten auf der Bergstation ankommen, empfängt uns strahlender Sonnenschein. „Sie werden sich wundern, wie schön warm es da oben ist“, waren noch die Worte der Kassiererin. Gestartet mit Schal, Mütze und warmen Jacken, konnten diese schnell abgelegt werden. In der Ferne leuchteten die weißen Kuppen einiger Zwei- und Dreitausender der Deutschen, Schweizer und Österreichischen Alpen in diesem Dreiländereck. Auf ihnen liegt bereits weißer, frischer Schnee. Das Panorama ist in der Tat atemberaubend. Und tatsächlich lichteten sich später auch noch die Nebelschwaden, so dass ein Blick auf den alten Rheinzufluss des Bodensees und den Hafen von Lindau möglich wurde. Viele der Ankommenden zückten ihre Handys oder Kameras und machten Fotos von sich und der Landschaft.

Im Laufe des Tages trafen noch weitere Familien mit kleinen Kindern auf dem über 1 060 Meter hohen Hausberg der Bregenzer ein, um den herrlichen Ausblick zu genießen, mit ihren Kleinen zu wandern oder den heimischen Wildtiergarten mit Steinböcken, Hirschen, Eseln oder Schafen zu besuchen. Natürlich erfreute sich auch der Spielplatz unweit der Seilbahn bei den Kindern großer Beliebtheit, bis zu dem Zeitpunkt, als ein gleichmäßiges Motorengeräusch in der Luft die Kleinen auf den Rutschbahnen und Schaukeln vom intensiven Spielen abhielt. „Schau Mama, schau doch nur“, rief ein kleiner Schulbub aufgeregt seiner Mutter zu, die auf einer breiten Holzbank sitzend bei einer Tasse Kaffee die warmen Sonnenstrahlen des Spätherbstes genoss. „Dort oben fliegt ein Zeppelin!“ Kein Kind auf dem Spielplatz war mehr zu halten. Alle liefen zur kleinen Aussichtsterrasse in Richtung Bodensee mit dem großen, blauen Fernrohr, um den Zeppelin zu sehen und ihm hinterherzuwinken.

Der Reiz eines Ausflugs an den Bodensee im Spätherbst liegt einerseits in der Farbenpracht der bunten Blätter und den sanften sich zum See neigenden gelb gefärbten Weinhängen. Auf der nahe Konstanz gelegenen ehemaligen Insel Reichenau kommen dazu noch die reichhaltigen Gemüseauslagen mit saftigen roten Tomaten, grünem Kohl und Salat oder den leuchtend-orangenen Kürbissen, welche die spätherbstlichen Farbreize verstärken. Doch wer auf die Reichenau fährt, macht dies nicht nur wegen der Landwirtschaft. Reichenau ist eine zum Weltkulturerbe zählende Klosterinsel, die schon von den Römern besiedelt war. Hier locken mit den drei romanischen Kirchen St. Georg in Oberzell, St. Peter und Paul in Niederzell und das Münster St. Maria und Markus in Mittelzell mit ihrer kostbaren Ausstattung, den beeindruckenden Architekturen und besonderen alten Wandmalereien. Mittlerweile sind diese verblassenden Werke so geschützt, dass es Besuchern zum Beispiel in St. Georg in den Sommermonaten nicht mehr gestattet ist, sie im Original zu betrachten. Diese Reglementierung entfällt zum Glück im Herbst, wenn weniger Reisegruppen aus aller Welt mit Bussen unterwegs sind, so dass ein kostenloser Zugang in die Kirchen und die kleinen angeschlossenen Museen möglich ist. Hier erfährt man informative Hintergründe zum Glauben, dem Leben und künstlerischen Wirken der Mönche über die Jahrhunderte, bevor durch die Säkularisation das christlich-monastische Leben auf der Reichenau einen jähen Abbruch erfuhr. Mittlerweile gibt es wieder Benediktinermönche, die hier ihrem Stundengebet nachgehen und sich nach ihrem Motto „Ora et Labora“ um die Erhaltung der geschützten Anlagen sowie Seelsorge der Besucher kümmern.

„Ich reise gern von einer warmen Quelle zur nächsten“, gesteht uns ein Bullifahrer aus Tirol, den wir auf dem Parkplatz der Bodenseetherme Konstanz treffen. Er hat ein Vorteilsticket erworben, das ihm den Besuch in den Schwimmbädern und Thermen grenzüberschreitend vergünstigt. „Aber bevor ich mich in das 37 Grad warme Wasser und die den Rücken angenehm massierenden Sprudelanlagen begebe, fahre ich noch einmal – immer am Ufer des Sees entlang – um mir die historische Altstadt von Konstanz anzuschauen. Da gibt es in den alten Gassen rund um das Münster viel zu sehen“, sagt der rüstige Pensionär, der dabei vom Heck des blauen, kugeligen VWs sein in die Jahre gekommenes Rennrad abschraubt, um danach kräftig in die Pedalen tretend in Richtung Zentrum loszustrampeln.