Tromso/Norwegen

Eismeerkathedrale: Durch die Polarnacht

Seit elf Jahren ist eine Deutsche Kantorin in der lutherischen Eismeerkathedrale von Tromso. Die besticht nicht nur dank eines der größten Glasmosaike Europas.

Eismeerkathedrale von Tromso
Ein Gotteshaus wie ein Eisberg. Die vom Architekten Jan Inge Hovig geschaffene Kathedrale von Tromso. Foto: Lars Harrekilde

Im Winter mit dem Postschiff die norwegische Küste entlangfahren, den Blick gerichtet auf Landschaften, die vom tiefen, weißen Schnee bedeckt sind. Einmal im Leben das Nordlicht (die Aurora Borealis) sehen. Und dabei das spärliche Tageslicht des Winters als Höhepunkt wahrnehmen. Für viele Menschen ist das ein Traum und der Inbegriff einer idealen Winterreise.

Seinen Traumjob hat er gefunden, auch noch nach acht Jahren, sagt Asbjorn Dalan, Kapitän der Kong Harald. Rund 4 160 Kilometer sind es von Bergen nach Kirkenes und zurück. Angelaufen werden auf dieser Fahrt 34 Häfen, dabei ähnelt keiner dem anderen. Ein Wintermärchen mit Eis und Schnee, das im November beginnt und bis in den April hinein andauert. Reisen mit dem Postschiff gibt es darüber hinaus täglich und zu allen Jahreszeiten. Wenn man Glück hat, kreuzen Orca-Wale den Kurs. Für viele sei diese Kreuzfahrt das Absolute, einfach die „schönste Seereise der Welt“.

Eine Kathedrale wie ein Eisberg

Am fünften Tag auf See taucht sie endlich am Horizont auf: Die Eismeerkathedrale von Tromso: Als Leuchtturm der Stadt, für die Kirchengemeinde und für Reisende jenseits des Polarkreises.

„Nicht nur das Konzept der Kirche ist einzigartig, sondern auch die Architektur.“
Linde Mothes

Doch welche Bedeutung hat dieser bizarre Bau mitten in der Dunkelheit von Nordnorwegen? Ist er ein Eisberg, der dargestellt werden soll, ein Zelt der Samen, gar ein Bootshaus oder ganz einfach ein nachgebildetes Trockengestell für Fische? Oder verweist er auf die mythische unbewohnte Felseninsel Haaja draußen im Meer? Was hat den Architekten Jan Inge Hovig dazu bewogen, der Eismeerkathedrale, auch Seemannskirche genannt, diese besondere Form zu verleihen? Die auffällige Gestalt und gewagte Architektur führten sofort nach der Eröffnung 1965 zu ihrem besonderen Namen: Eismeerkathedrale. Eines der größten Glasmosaike Europas schmückt im Innenraum die Altarwand.

Während der nordwärts gehenden Reise legt das Postschiff am Kai von Tromso an. Zeit für eine Stadtbesichtigung. Die Seemannskirche darf dabei nicht fehlen. Sie gehört zu den Volkskirchen in Norwegen und ist Mitglied im Lutherischen Weltbund und im Weltkirchenrat. Eine Deutsche ist hier seit elf Jahren Kantorin. „Mit der Anstellung habe ich beruflich einen Treffer gelandet. Nicht nur das Konzept der Kirche ist einzigartig, sondern auch die Architektur“, sagt Linde Mothes. „Für mich sind es Eisschollen, die sich aufeinander schieben“, erklärt die gebürtige Oranienburgerin. „Doch sind wir nicht frei, uns einfach vorzustellen, was wir gerne sehen möchten?“

Mosaik: „Die Wiederkunft Christi“

Mitarbeiterin AAse Lindrupsen weist auf die unterschiedlichen Kunstausstellungen in der Kirche hin. „Wir bereiten lokalen Künstlern eine ideale Plattform“, sagt die Gemeindehelferin. Sie deutet auf das prachtvolle 140 Quadratmeter große Mosaikfenster. Ursprünglich hatte Architekt Hovig farbloses Glas vorgesehen. Doch das kam bei der Kirchengemeinde überhaupt nicht an. „Bei Tageslicht war es so hell, dass die Besucher mit Sonnenbrillen auf den Bänken saßen. Und der Pfarrer wusste nie so recht, ob sie nun schlafen oder nicht“, lacht Lindrupsen. 1972 hatte Glaskünstler Viktor Sparre die Lösung: In Dallglas-Technik, einer besonderen Gussglasfertigung, erschuf er das bunte Mosaik mit dem Namen: „Die Wiederkunft Christi“. Und 40 Jahre nach der Einweihung bekam die Kirche ihre einzigartige Orgel.

Organistin Mothes spielt auf einem Instrument, dessen Form der Kathedrale nachempfunden ist und an Eisschollen und Segel erinnert. Für den richtigen Klang und das volle Volumen sorgen nicht nur das perfekte Spiel der Deutschen sondern auch 2 940 Orgelpfeifen mit einer Länge von fünf Millimetern bis 9,6 Metern. Regionalität wird dabei groß geschrieben: Die Holzkonstruktion ist aus norwegischem Kiefernholz und der Blasebalg aus Rentierhaut.

Nächtliche Mitternachtskonzerte

Jede Nacht gibt es ein Mitternachtskonzert, insbesondere für die Passagiere der südgehenden Hurtigruten. „Gespielt werden norwegische und samische Klassiker sowie christliche Volkslieder“, ergänzt Mothes. Die 57-Jährige muss jedoch nicht jede Nacht spielen. „Ich wechsle mich mit Kollegen ab“, sagt sie.

Die Stimme kommt jeden Morgen aus dem Bordlautsprecher: In vier Sprachen wünscht Torstein Gaustad den Gästen einen „wundervollen Tag“. Der Reiseleiter ist in Ornes an der Küste Mittelnorwegens aufgewachsen. „Die Klimaveränderung sehen wir jeden Tag. Als ich klein war, gab es noch kein Plastik im Wasser“, sagt der 36-Jährige. „Auf Spitzbergen finden die Eisbären kein Packeis mehr, und der Permafrostboden ist so gut wie weg.“ Gaustad drückt sich klar aus.

Norwegen sei abhängig vom Kabeljau-Fischen. Seit 1985 ist die Wassertemperatur um zwei Grad gestiegen. „Mit der Folge, dass sich die Anzahl der Fische seitdem um 40 Prozent verringert hat“, erklärt er auf Deutsch. Die Passagiere hören dem Vortrag interessiert zu. Dann sein Lob: „Sie sind bis jetzt die grünsten Gäste aller Zeiten.“ Das bedeutet, dass sich über 100 Reisende entschieden haben, mal für einen Tag auf die Kabinenreinigung zu verzichten. Das kommt der Umwelt zugute! Pro eingesparter Kabine zahlt Hurtigruten einen Obolus in seine Stiftung ein.

Wachsendes Umweltbewusstsein

Dieses Umweltbewusstsein kommt an Bord gut an. Auch die Strandreinigungstage, die den Gästen angeboten werden. Jeder Einzelne kann sich anschließen, einen Küstenstreifen von Schwemmabfall zu befreien. „Die Bewohner schaffen das oftmals gar nicht und sind umso dankbarer, wenn Kreuzfahrtgäste sich für ein paar Stunden engagieren. Und Spaß macht das auch“, ergänzt Gaustad. „Kürzlich waren wir auf einer kleinen Insel mit nur 25 Einwohnern. Da wird Plastikmüll jeden Tag angeschwemmt.“ Alle gesammelten Stücke werden sorgfältig registriert und recycelt. „Früher wurden jährlich bis zu 400 000 Plastikbecher auf unseren Schiffen benutzt. Das musste sich ändern.“ Und tatsächlich: Seit Juli 2018 wird auf den Hurtigruten kein Einwegkunststoff mehr benutzt. Damit war der Norweger der erste große Reiseanbieter, der Plastik von allen Schiffen und den mit ihm zusammenarbeitenden Hotels und Restaurants verbannt hat.

Die Kreuzfahrtindustrie ist alles andere als „grün“ oder ökologisch. Aber die Reederei will ein Vorbild sein. Ihre Flotte fährt mit umweltschonendem Marinediesel, und das MS Roald Amundsen ist weltweit das erste Hurtigruten-Expeditionsschiff mit Hybridantrieb. Die Nummer Zwei – MS Fridtjof Nansen – wird im kommenden Frühjahr in die Flotte mit aufgenommen.

Die Mystik der Aurora Borealis

Während das Schiff auf dem Seeweg von Kjollefjord nach Mehamn unterwegs ist, folgen ihm einige abenteuerlustige Passagiere auf Schneescootern durch die Nacht. Es knirscht unter den Kufen des Fahrzeuges, das der Spur des Vorgängers folgt und sich immer mal wieder den Weg durch die verschneite arktische Landschaft freischaufeln muss. Der Führerschein ist die Voraussetzung für das Abenteuer. Experten fahren voraus und sorgen für ein sagenhaftes Aha-Erlebnis. Bevor die Gruppe den Hafen in Mehamn erreicht, schickt ein magisches Nordlicht zarte grüne Streifen auf die Erde. Noch heute erzählen Sagen und Legenden von der Mystik der Aurora Borealis. Für die samische Bevölkerung gelten sie als böses Omen, die Finnen vergleichen die Lichter mit Feuerfüchsen und die Wikinger feierten sie als Götter.

Bei Ankunft im nördlichsten Hurtigruten-Hafen Kirkenes erwartet die Passagiere eine Schlittenfahrt mit Huskys über einen zugefrorenen Fjord. Schlittenführerin Miriam hat das Kommando. Die Nordrhein-Westfälin hat sich zuhause eine Auszeit genommen. Es gefalle ihr hier an der Grenze zu Russland sehr. Sie sei außerdem sehr tierlieb. Oftmals würden Hunde im Pensionsalter von den Führern mit nach Hause genommen. Sie hat auch einen älteren Lieblingsvierbeiner. „Mal sehen, vielleicht darf er mitkommen, wenn ich zurückgehe.“ Ganz in der Nähe, im Schneehotel, gibt es noch ein Gläschen von „Rudolf?s Rache“, wie der Drink aus Krähenbeeren genannt wird. Die Bar ist aus Eis geschnitzt. Die Übernachtung in den kunstvollen Schneesuiten und in dicken Thermo-Schlafsäcken ist recht kuschelig. Für einige ist die Reise in Kirkenes zu Ende. Neue Passagiere kommen an Bord. Für sie beginnt nun mit der südgehenden Route ein wunderbares Abenteuer.

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