Gent

Ein Altar, drei Türme und ein Kunstraub

Gent, die Hauptstadt Ostflanderns, feiert 2020 das „Van-Eyck-Jahr“. Der Maler ist berühmt für seine Gestaltung des Genter Altars.

Gent
Blick von der St.-Michaels-Brücke auf die Genter Innenstadt. Schon früh hat man begonnen, den Autoverkehr dort zu verbieten. Foto: fotolia.de

Ehrfurchtsvoll bildeten die Bürger ein Spalier, als der weltberühmte Altar, zweimal innerhalb eines Jahrzehnts geraubt, im Herbst 1945 wieder in die Kathedrale zurückkehrte: Kunstjäger der amerikanischen „Monument-Men“ hatten den Altar der Gebrüder van Eyck in der Nähe des Altsausees in Österreich in einem Salzbergwerk aufgespürt und brachten ihn nach Gent, Hauptstadt von Ostflandern, zurück. Mitgenommen hatten ihn fünf Jahre zuvor Kunsträuber des NS-Regimes kurz nach der Besetzung Belgiens im Juni 1940.

Die Anbetung des Lammes

Gent und Flandern feiern 2020 das „Van-Eyck-Jahr“, der frisch restaurierte Genter Altar kehrt aus dem Königlichen Institut für das Kunsterbe Brüssel (KIK) in seine Heimatstadt zurück. „Die Anbetung des Lammes“, enthüllt 1432, vor über 600 Jahren, zeigt in 18 Tafeln in großer Farbenpracht magische biblische Szenen mit 248 Figuren, bei denen der Auftraggeber, Kirchenvorsteher Joos Vijd und seine Ehefrau Elisabeth Borluut, nicht fehlen. Grundlage des einmaligen Altars sind Eichentafeln, bedeckt mit einer Kreide-Leim-Mischung, die Figuren bestehen aus mehreren Schichten Ölfarben. Da Hubert van Eyck seine Arbeit an dem Altar nicht beendet hatte, vollendet sein jüngerer Bruder Jan (circa 1390–1441) das Werk ein paar Jahre nach dem Tod von Hubert. Weltweit sind nur rund 20 Kunstwerke der beiden Brüder erhalten.

Auftakt des Jubiläumsjahres ist die Ausstellung „Van Eyck, eine optische Revolution“ an zwei Standorten: In der Kathedrale St. Bavo und im MSK, dem Museum für Schöne Künste in Gent. Das MSK, am Rande des Citadel-Parks gelegen, zeigt flämische Kunstwerke vom 15. bis 20. Jahrhundert. Zusätzlich gibt es Werke von van Eycks Zeitgenossen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Thema der Ausstellung ist Gent im Spätmittelalter, als die Niederlande (und das spätere Belgien) ein fruchtbares Umfeld für Künstler und Handwerker waren. Denn das Leben am Hof von Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, ist großzügig. Es entwickelt sich eine dynamische Stadtkultur, in der sich van Eyck als Künstler, Berater und Diplomat bewegt. Jan van Eyck (ca. 1390–1441) war Hofmaler Philipps des Guten (1396–1467).

Die flämischen Handelsstädte Brügge und Gent florieren. Reiche Kaufleute und Politiker umgeben sich nach dem Vorbild des Hofes mit edlen Kunstgegenständen. In diesem Umfeld wirkt Jan van Eyck. Mit unvergleichlicher Technik und scharfer Beobachtungsgabe erreicht bei ihm die Ölmalerei eine neue Qualität, richtungsweisend für die Malerei. Kein Wort ist über den Künstler überliefert. Man kann es nur in seinen Bildern lesen.

Fünf Jahrhunderte Bauzeit

Drei große Türme hintereinander kann man von der St. Michaels-Brücke aus sehen, sie überragen das Stadtzentrum von Gent: St. Niklaas, der Belfried und St. Bavo, die Kathedrale von Gent und Wahrzeichen der Stadt. Fünf Jahrhunderte wird gebaut, aus der romanischen wird eine gotische Kirche, 1569 ist St. Bavo vollendet. In der großräumigen Krypta, mit Resten des Baues von 942, gibt es alte Lektionare, Schriftrollen, Kelche und Monstranzen, historische Kunst zu sehen.

Bereits vor dem Kunstraub der NS-Besatzer war der Genter Altar Opfer von Dieben geworden: Unbekannte Täter hatten in der Nacht zum 11. April 1934 die zwei Tafeln „Die Gerechten Richter“ und „Johannes, der Täufer“ entwendet. Entsetzen in Gent. Eine Million Francs Lösegeld wird gefordert. Später bringt ein Unbekannter die Tafel „Johannes, der Täufer“ zurück, die „Gerechten Richter“ bleiben unauffindbar. Doch die Diebstähle führen dazu, dass sich spannende Geschichten und Theorien um den Altar ranken.

Neben der Kathedrale ragt der Belfried, Symbol der Macht von Zünften und Bürgern, in den Himmel. 91 Meter ist er hoch, er erwächst aus der Lakenhalle, der Tuchhalle und bietet eine gute Aussicht über die Stadt Gent, bis 1550 die größte Stadt der Niederlande. Die 52 Glocken seines Carillons sind weit zu hören. Zwischen den Belfried und die Bürgerkirche Sint-Niklaas am Kornmarkt mit ihrer beeindruckenden Vierung hat sich die moderne Stadthalle gedrängt, unter deren Doppelspitzendach Konzerte, Tanzvorführungen und Märkte stattfinden.

Ein Dach voller Schinken

Vleeshuis heißt die ehemalige überdachte Markthalle in Gent, wo das Dach voller Schinken hängt. Die Halle wurde im Mittelalter erbaut, da es verboten war, in einem Privathaus Fleisch zu verkaufen. Geblieben ist in Gent die Tradition, nach der Ganda-Schinken hergestellt und getrocknet wird, im knorrig alten Holzgebälk, unter dem man 175 regionale Spezialitäten Ostflanderns kosten und erwerben kann. So gibt es hier Tierenteyn-Senf, der seit 1818 in einem Familienbetrieb hergestellt wird, dazu kommen ostflämischer Bierkäse, regionale Biere und auch ein flämischer Korn-Genever. Wer es gern süß mag, greift zu Genter Schneebällen, gefüllt mit Vanille, überzogen mit zartbitterer Schokolade und gewendet in Puderzucker. Und dann die Cuberdons, kegelförmige Süßwaren, gefüllt mit Himbeergelee.

Gent kann der Besucher auch vom Wasser aus entdecken, dreiviertelstündige Bootsfahrten werden angeboten. An sechs Stationen kann man von April bis Ende Oktober in den „Wasserbus“ einsteigen, der in einer Schleife um die Stadt herumfährt.

Burg Gravenstein

Ein massiver Block im Stadtbild ist Burg Gravensteen, ab 1180 aus Blaustein von Tournai von den Grafen von Flandern errichtet. Gravensteen war Sitz für Adelige, Gericht und Gefängnis. Ein Audio-Guide versetzt in die Glanzzeit der Burg im 12. Jahrhundert, gruselig geht es im Foltermuseum zu.

Die Jakobs-Kirche, robust und romanisch, hat Genter Aufstiege, Niedergänge und einen Bildersturm überstanden. Am Wochenende ist vormittags der Trödelmarkt eine feste Größe, inzwischen gibt es Läden, die Kunst und Krempel anbieten. Der Bij Sint-Jacobs-Platz ist Mittelpunkt Genter Feste, das größte im Juli dauert zehn Tage. Anfang Mai gibt es die Genter Floralien, dieses Jahr unter dem Motto „Mein Paradies, ein weltlicher Garten“. Am 8. Oktober 2020 wird in der St. Bavo-Kathedrale ein komplett neues Besucherzentrum eröffnet, in dem die restaurierten Tafeln des Altares und weitere Kunstschätze präsentiert werden.

Autofreie Innenstadt seit 2018

Schon früh begann man in der Viertelmillionen-Stadt Gent, Autos aus der Innenstadt zu verbannen. Seit April 2018 ist die Innenstadt autofrei – ausgenommen sind Anwohner, Taxis und Anlieferer bis 12 Uhr mittags. Vorausgegangen waren jahrelange Diskussionen, besonders Händler hatten Befürchtungen um ihren Umsatz. „Wandelbus“ steht auf drei blauen Elektrokleinbussen, die einheimische Einkäuferinnen ebenso wie fußkranke Touristen tagsüber kostenlos in der City befördern und so das Netz der drei Straßenbahnlinien ergänzen. Inzwischen wurde der Donnerstag Veggie-Tag, wo in allen Kitas, Schulen und Uni-Mensen und der Kantine für die Stadt-Bediensteten vegetarisch gekocht wird. Selbst vor dem belgischen Nationalgericht, den Fritten, macht der Wandel nicht halt: In Gents Frites-Buden wird – wie in Deutschland – mit Pflanzenfett gebrutzelt und nicht – wie in Belgien üblich – mit Rinderfett. Und die autofreien Zonen in der Innenstadt sollen ausgeweitet werden. 2025, so Catherine vom Tourist Office, will Gent „Europas Öko-Stadt” werden. Zuvor sind allerdings 2024 noch Kommunalwahlen.

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