Der „hültzin Gott“

Noch heute eifern Christen am Sonntag vor Beginn der Karwoche den Palmprozessionen zu Ehren des Herrn im alten Jerusalem nach. Der Palmesel darf dabei nicht fehlen. Von Karl-Heinz Wiedner

Palmsonntag mit Palmprozessionen
Heute sind zwar die meisten Palmesel aus Holz, doch immer wieder nehmen auch lebende Grautiere an den Prozessionen teil. Foto: dpa
Palmsonntag mit Palmprozessionen
Heute sind zwar die meisten Palmesel aus Holz, doch immer wieder nehmen auch lebende Grautiere an den Prozessionen teil. Foto: dpa

Noch heute eifern Christen am Sonntag vor Beginn der Karwoche den Palmprozessionen zu Ehren des Herrn im alten Jerusalem nach. Der Palmesel darf dabei nicht fehlen Von Karl-Heinz Wiedner

Ostern als höchstes Fest der Christenheit ist mit vielerlei religiösem Volksbrauchtum verbunden, dessen Ursprünge bis ins 4. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind. Insbesondere trifft das auf prunkvolle und pompöse Prozessionen am Palmsonntag zu. Anfangs symbolisierten während der Umzüge aus Holz geschnitzte Christusfiguren auf Leiterwagen den triumphalen Einzug Jesu Christi nach Jerusalem. Man wollte auf diese Weise ein Stück biblischer Geschichte szenisch darstellen und die Gläubigen eng in das Geschehen einbinden.

Die Evangelisten Matthäus und Johannes berichten in der heiligen Schrift von alljährlichen Palmprozessionen zu Ehren des Herrn im alten Jerusalem. Dem nachzueifern, sind noch heute die Christen am Palmsonntag aufgerufen. Allerdings hat sich das Bild im Laufe der Zeit ständig gewandelt. Die ursprünglich auf dem Holzwägelchen mitgeführte Christusfigur saß ab dem 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung auf einem lebenden Esel – ein Brauchtum zur Erinnerung an den Einzug des Heilands auf einer Eselin. Aus der Biografie des Bischofs Ulrich von Augsburg wissen wir, dass derartige Prozessionen mit einem „Palmesel“ auf das Jahr 970 zurückgehen.

Priester oder Ministranten in entsprechenden Gewändern stellten im Mittelalter häufig Christus auf dem Esel dar und mischten sich unter die Teilnehmer der sehr verbreiteten Palmsonntagsprozessionen. Das lebendige Grautier wurde im 10. Jahrhundert mehr und mehr durch einen hölzernen Esel ersetzt, auf dem zunächst kostümierte Christusdarsteller saßen, später aus Holz geschnitzte, segnende Christusfiguren im Umzug mitgeführt wurden. Jeder Teilnehmer war bestrebt, den Palmesel ein Stück des Weges zu ziehen oder zumindest zu berühren, denn im Volksglauben verband man damit die Vergebung aller Sünden.

Liturgische Gesänge, inbrünstige Gebete und Jubelrufe der Gläubigen gehörten zu den Umzügen am Palmsonntag. Den „hültzin Gott“, wie der Palmesel schließlich abgöttisch genannt wurde, behängten die Gläubigen mit Blumengirlanden, Ostereierkränzen, Würsten und Edelsteinen. Er wurde zu einer Kultfigur, die dem strengen christlichen Anliegen abträglich war.

Der Klerus musste immer wieder feststellen, dass viele Menschen mit dem Palmesel regelrecht Unfug trieben. Man zog mit ihm schließlich sogar durch Wirtshäuser; Betrunkene ließen ihren Spott an ihm aus. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Martin Luther dieser Volkssitte schon während der einsetzenden Reformation in protestantischen Regionen kurzerhand ein Ende bereitete. Auch die katholische Kirche nahm an den Gepflogenheiten Anstoß und ließ zu Zeiten der „josephinischen Reformen“ ab 1780 die Palmesel als „übertrieben aufgeputzte, unerwünschte figürliche Heilsdarstellung“ verbieten. Dennoch bei Prozessionen mitgeführte hölzerne Esel wurden bis 1800 sogleich konfisziert, zerschlagen und verbrannt oder verschwanden in Kirchenverliesen und auf Dachböden.

In manchen Kirchen, wie etwa in Schwabach oder Landsberg am Lech, in Volkskundemuseen und Heimatstuben sind heute noch vereinzelt hölzerne Palmesel zu finden. Daneben legen in einigen bayerischen Gemeinden – beispielsweise in Kößlarn, Zwiesel, Kühbach oder Deggendorf – immer noch Palmsonntagsumzüge unter Mitführung von Palmeseln Zeugnis ab von der einstigen Beliebtheit dieses Brauches.

Die „Weihe der Palmen“ steht heute in fast allen katholischen Gemeinden im Mittelpunkt des Palmsonntags. Statt des Brauches der Mitführung eines Palmesels zur Prozession erinnern in unserer Zeit „Palmboschen“ an den Einzug Jesu in Jerusalem, als dort zur Feier des Tages Palmzweige geschwungen wurden. Stechpalme, Buche, Wacholder, Eibe, Hasel, Weidenkätzchen, Tannenzweige in Form von Handsträußen, Buschen oder Ruten werden von den Geistlichen gesegnet. Häufig sind Pflanzenbüschel mit bunten Bändern, Kreuzen, Herzen, Eiern oder roten Beeren geschmückt und stehen nach dem Gottesdienst in Vorgärten oder vor den Häusern und schmücken – zum Kranz gebunden – die Eingangstüren bis nach dem Osterfest. Den Maien und Lebensruten ähnlich, gelten Palmbuschen als heilsam und Segen bringend, wie einst besonders ausgewählte, gesegnete Kräuterbuschen Hexen, Schrate oder wilde Jäger zu Fronleichnam vertreiben und im Volksbrauchtum Haus, Hof und Garten vor Ungeziefer und Unkraut schützen sollten.

Der Begriff des „Palmesels“ wurde im Volksbrauchtum des 19. Jahrhunderts allerdings gar zum Schimpfnamen für Langschläfer und Ungeschickte, die am Palmsonntag verspätet zum Gottesdienst erschienen. Ebenso verulkte man damit den ersten und letzten „Palmträger“ an der Kirchentür, wie auch in vielen Regionen derjenige, der nicht in neuen Kleidern zum vorösterlichen Gottesdienst erschien, „Palmesel“ gerufen und durch ein Kreidekreuz auf dem Rücken bloßgestellt wurde.