Bulgariens verborgene Schätze

Im Grenzgebiet zwischen Orient und Okzident überrascht Bulgarien mit grandiosen Kulturlandschaften. Von Bernd Kregel

Deckenbemalung im Batschkovo-Kloster. Foto: Kregel
Deckenbemalung im Batschkovo-Kloster. Foto: Kregel

Wo steppt der Bär?“ möchte man verwundert fragen. Denn die Ankündigung eines „Tanzbärenparks“ führt umgehend zu ungläubigem Staunen. Zum Glück warten die Ranger Jana und Dimitar bereits am Eingang der gut gesicherten Anlage und reden Klartext: „Nein, getanzt wird hier nicht“, hält Dimitar dagegen. Und spielt damit an auf jene unselige Zeit, in der heimische Roma ihren Bären die Flötentöne beibrachten, indem sie sie auf heißen Metallplatten das „Tanzen“ lehrten.

Alle auf diese oder ähnliche Weise missbrauchten Braunbären, so Jana, sind noch lange danach tief traumatisiert. Monty ist einer von ihnen. Nun ist er hinter dem stabilen Zaun der Anlage vorerst in Sicherheit. Ob seine entspannte Haltung an diesem sonnigen Vormittag wohl darauf schließen lässt, dass er unaufgeregt besseren Zeiten in unberührter Umgebung entgegensieht?

Denn davon gibt es in Bulgarien reichlich. Nicht so sehr an der von Badegästen überfluteten Schwarzmeerküste im Osten des Landes. Wohl aber in den drei Gebirgszügen, die im Südwesten auch bei Wander- und Abenteuerurlaubern die Herzen höherschlagen lassen. Wilde Landschaften an der Grenze zwischen Orient und Okzident, die sich bereits seit den Thrakern vor dem Zugriff der Regionalmächte vorzüglich als Rückzugsgebiete eigneten.

Und die zugleich Symbolfiguren hervorbrachten, die bis in die Gegenwart hinein für das Land typisch sind. Wie beispielsweise Spartakus, der legendäre Freiheitskämpfer, der einst als Anführer des nach ihm benannten Sklavenaufstands das römische Weltreich gehörig aufmischte. Legendär auch der Musen-geküsste Orpheus, dem es durch die Macht seiner wohlklingenden Stimme fast noch gelungen wäre, seine viel zu früh verstorbene Eurydike aus den Tiefen des Hades zu befreien.

Doch trotz dieses der Liebe geschuldeten Misserfolgs sah man in Orpheus fortan stets ein Symbol für die reiche bulgarische Kultur. Besonders für die hohe Gesangskunst, wie sie sich eindrucksvoll jeden Sonntag vom Chor der orthodoxen Alexander-Newski-Kathedrale in der Landeshauptstadt Sofia vernehmen lässt. Anziehungspunkt ist auch das mitten im Rila-Gebirge verstecke Rila-Kloster, das in orthodoxer Prachtentfaltung die Pilger aus allen Himmelsrichtungen anlockt.

Als Eingangstor zu den Kostbarkeiten des bulgarischen Südwestens dient auch die ausgefallene Formation des Pirin-Gebirges. Einst war es eine mächtige Sandsteinplatte, die sich unter tektonischem Druck erhob und dann langsam erodierte. Dabei hinterließ sie spitze Sandstein-Pyramiden, wie man sie nie zuvor gesehen hat. Ein Anblick, der die Schritte während der Gebirgswanderung zunehmend beflügelt.

Und noch eine weitere Erhebung hält der bulgarische Südwesten bereit. Es ist das Rhodopen-Gebirge, das bei weitem größte von allen. Besonders lässt es sich genießen aus dem Waggon einer romantischen Schmalspurbahn. Über 125 Kilometer führt diese entlang dem Nordrand des Gebirges bis nach Kostandovo, der legendären Spa-Hauptstadt des Balkans.

Doch dann gibt es kein Halten mehr, denn schon kündigt sich mit Plovdiv die Hauptstadt der Rhodopen an. Nach der Wende einst zusammen mit Weimar eine der europäischen Kulturhauptstädte. Und nun wird sie es schon wieder. Denn für das Jahr 2019 erhielt das schmucke und traditionsreiche Städtchen mit seiner berühmten Flaniermeile, der historischen Altstadt sowie seinem römischen Theater erneut den Zuschlag. Damit wird, völlig zu Recht, das südliche Bulgarien mit seinen Kultur- und Naturschätzen wieder verstärkt in das europäische Blickfeld rücken.