Würzburg

Vater-Fahndung

Unter der Überschrift „Eine Hälfte fehlt – Spenderkinder suchen ihre Väter“ beschäftigte sich vergangene Woche eine Folge der Radiosendung „Quarks“ (WDR 5) mit den Hypotheken der Reproduktionsmedizin.

Vatersuche
Für Kinder, die aus Samenspenden entstanden sind, bleibt der Vater oft im Dunklen. Foto: Charlie Riedel (AP)

Marina wurde mit einer Samenspende gezeugt. Anders als ihre Geschwister war sie sportliche 1,85 cm groß und kein Typ, der in der Familie sonst als Phänotyp ein Vorbild gehabt hätte. Schon bald machte sich Marina Gedanken darüber, wer denn ihr biologischer Vater sein könnte, wenn es denn der soziale Vater nicht gewesen ist.

„Wessen Gene stecken in mir?“ „Woher kommen die Interessen, die ich habe, die aber in meiner sozialen Familie nicht vorkommen?“ „Von wem sind meine Ohren?“ – alles Fragen, die die Mutter über Jahre ausweichend oder abwiegelnd beantwortete. Kinder, deren Leben mit einer Samenspende eines unbekannten Mannes begonnen hat, quälen sich teilweise Jahre, weil sie über ihr Schicksal im Unklaren gelassen werden. So die Beobachtung der WDR-Sendung vom 8. Juli über anonyme Samenspender in der Reproduktionsmedizin.

Seelische Verletzungen ausgeblendet

Dass diese Geheimhaltung seitens der beteiligten Institutionen seelische Verletzungen zufügt, war lange nicht im Focus. Es galt noch bis zur Einrichtung des Samenspenderregisters, das seit Mai 2020 beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte(BfARM) in Köln geführt wird, dass sich die Wahrheit über den Samenspender „für die Geheimhaltung anbietet“. So wurden seitens der reproduktionsmedizinischen Einrichtungen oft schon nach zehn Jahren die Akten vernichtet, so dass Rechtsfolgen, biologische Risiken im geschlechtsfähigen Alter und deren finanzielle Folgen verschleiert oder unterdrückt wurden.

Die Radiosendung präsentierte auch den Fall von Sibylle. Sie erfuhr erst, dass sie aus einer Samenspende entstanden war, als sie selbst Mutter wurde. Ihre Blutgruppe passte nicht zu der ihrer Eltern. Diese waren ein Leben lang der Auffassung, dass das Verleugnen der Herkunft ihrer Tochter zu deren Wohl erfolgte, weil sie sich sonst eventuell vom sozialen Vater distanzieren würde. Sibylle hatte sich ihr ganzes Leben gefragt, ob Papa ihr leiblicher Vater sei. Ein Gespür hatte ihr gesagt: Da stimmt etwas nicht. „Vielleicht bist Du das Ergebnis einer Vergewaltigung?“, spekulierte sie über Monate. Auch die Ärzte hatten in ihrem Fall den Eltern dringend dazu geraten zu schweigen – mit dem Argument, den sozialen Vater nicht zu kränken.

Fünf Millionen künstlich gezeugte Kinder

Mit dem neuen Samenspenderregister und den Möglichkeiten, das Genom teilnehmender Menschen zu vergleichen, würden durch die Fortpflanzungsmedizin „neue Lebensgeschichten zusammengebaut“ heißt es euphemistisch in der Sendung.

Der zitierte Verein „Spenderkinder e.V.“ hat mit Hilfe einer DNA-Datenbank inzwischen vielen interessierten Betroffenen Kenntnisse über genetische Halbgeschwister oder genetische Väter vermittelt. Er trägt in gewisser Weise zur Abarbeitung des Unrechts der Nicht-Information der Betroffenen bei.

Wie aus der Quarks-Radio-Sendung schließlich zu erfahren war, gibt es inzwischen fünf Millionen künstlich gezeugte Kinder auf der ganzen Welt. Zwischen 1997 und 2017 sind allein in Deutschland etwa 300 000 Babys auf solche oder andere Weise im Labor entstanden. Inzwischen ist eine Milliarden-Industrie daraus geworden.

Fehlender Respekt für die künstlich gezeugte Personen

Auch die betroffenen Kinder kritisierten am Ende der Sendung die Reproduktionsmedizin: Das Baby stehe bei einer künstlichen Befruchtung zunächst nur scheinbar im Mittelpunkt. Es habe eigentlich nur einen Objektstatus. Der Mensch, der daraus entsteht, werde ausgeblendet. Weder wenn es darum geht, wie solche Menschen von ihrer Entstehung erfahren, noch was es für den Einzelnen bedeuten kann, nicht informiert zu sein, sei bei der Entscheidung für eine künstliche heterologe („donogene“) Befruchtung von Interesse.

Lösung aller Probleme gemäß der Sendung: „Den Kinder schon im Kindergarten mit einfachen Worten sagen: Es gibt einen anderen Mann, von dem der Samen kommt“, was gleichzeitig das Plädoyer für sexuelle Frühaufklärung darstellte.

Beratung erforderlich

Die Initiative „Spenderkinder“ fordert, dass eine verpflichtende psychosoziale Beratung der Eltern notwendig ist, und zwar aus einem einzigen Grund: Die Position und Denkweise der Eltern sei in Sachen Reproduktionsmedizin eine völlig andere als die Perspektive der Kinder auf ihre eigene Herkunft und Zukunft. Im Interesse der Kinder läuft derzeit eine Postkartenaktion, um weitere Menschen, die künstlich mit Fremdsamen gezeugt worden sind, zur Identifizierung genetischer Väter zu motivieren. Was wünschen sich die Kinder? „Die Erfahrung zu machen, dass mein genetischer Vater ein guter ist!“, sagte Sibylle. Das bleibt zu hoffen.

Wie die „Tagespost“ berichtete, wurde das Gesetz über ein Samenspenderregister (SaRegG) im Jahr 2017 beschlossen. Damit sollte als Folge von Gerichtsurteilen verhindert werden, dass Daten über Samenspender irgendwann einmal nicht mehr verfügbar sind. Praktisches Vorgehen: Wenn jemand vermutet, dass für die Zeugung Fremdsamen in Anspruch genommen worden ist, kann dieser Auskunft über die personenbezogenen Daten des Samenspenders verlangen. Bis zum 16. Lebensjahr können die Eltern die Auskunft erhalten, ab dann nur die Person selbst (§ 10 SaRegG). Vier Wochen nach der Auskunftserteilung wird der Samenspender informiert (§ 10 Abs. 5 SaRegG). Samenspender und Empfängerin haben Auskunftsansprüche nur auf die jeweiligen persönlichen Daten.

Kirchliche Warnungen waren berechtigt

Die Fakten aus der Quarks-Sendung belegen, dass die kirchlichen Warnungen vom 22. Februar 1987, wie sie in der Instruktion „Donum vitae“ der Glaubenskongregation unter Josef Ratzinger als Kardinal formuliert worden sind, ihre Berechtigung hatten. Die heterologe künstliche Befruchtung widerspricht nach den Worten des Dokuments der Würde der Eheleute, weil die Zeugung von Kindern vom Grundsatz her an die Ehe gebunden sein soll – zum Wohl der Kinder. Die heterologe Befruchtung verletze die Einheit der Ehe, weil die Würde der Eheleute, die den Eltern eigene Berufung und das Recht des Kindes, in der Ehe und durch die Ehe empfangen und zur Welt gebracht zu werden, missachtet werden. Das waren frühe Einsichten, die vielleicht auch den Weg in eine rechtliche Zukunft bahnen können, wenn etwa das Personenrecht des neu entstandenen Menschen vermehrt in den Mittelpunkt rückt.

Kurz gefasst

Dass Kindern, die durch eine Fremd-Samenspende gezeugt wurden, die unklare Herkunft zu einer lebenslangen psychischen Belastung werden kann, war Thema der Sendung „Quarks“ im WDR-Radio am 8. Juli 2020. Auf der WDR-Mediathek kann die Sendung bis zum 8. Juli 2025 nachgehört werden. Quintessenz: Die vorgefundenen Probleme sind dann besonders groß, wenn Familien mit der Wahrheit über die Samenspende nicht früh offen umgehen. Dass die psychischen Belastungen in einer künstlichen Zeugung mit Fremdsamen und auch in einer Verletzung eines Menschenrechts nach wahrhaftiger Information über den eigenen Ursprung begründet sind, wird in der Sendung nicht diskutiert.

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