Pandemie

„Eine neue Sicherheit muss erobert werden“

Die Kollateralschäden wachsen: In der Corona-Krise haben sich die psychischen Probleme vervielfacht. Peter Stippl, Initiator vieler ehrenamtlicher Krisenhilfen, beschreibt die Ursachen.

Depression
Vor allem viele junge Menschen sind durch die Corona-Pandemie hoch belastet. Die Anzahl der Depressionserkrankungen nimmt zu. Foto: Adobe Stock

Herr Dr. Stippl, in der Corona-Krise steigen Depressionen, Angst- und Schlafstörungen. Um den Jahreswechsel war ein Viertel der Bevölkerung betroffen, bei jungen Erwachsenen die Hälfte. Warum?

Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP)
Peter Stippl ist Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP). Foto: Hans-Georg Maier

Was im Moment sehr belastet, sind die Unsicherheiten hinsichtlich der Lockdowns, der Lockerungen und der Impfstoffe. Es macht sich Verunsicherung breit. Unsicherheit ist aber noch schlimmer und belastender als schlechte Nachrichten.

Tun sich autokratische und diktatorische Regime hierbei leichter? Dort herrscht scheinbar Klarheit, nämlich nur eine Meinung, während in Demokratien permanent von vielen Akteuren um den richtigen Weg gerungen und viel diskutiert wird?

Da stimme ich zu. Wir haben Covid-Leugner, dann Menschen, die zwar Covid nicht leugnen, aber die Maßnahmen unangemessen finden, dann den politischen Streit um die richtigen Maßnahmen und ständig oszillierende wissenschaftliche Meinungen. Auch gibt es in der EU verschiedene Wege und Resultate. Lange wurde uns Schweden als leuchtendes Beispiel vorgestellt, jetzt bricht Schweden bei den wirtschaftlichen Kennzahlen wie bei den psychischen Belastungen und Todesfällen ein. Diese Gesamtverunsicherung ist eine atmosphärische Belastung. Da wächst bei manchen eine Sehnsucht nach dem starken Mann oder einer Autorität, die sagt, wo es langgeht. Man kann natürlich die Zahlen aus China schwer beurteilen, aber offenbar war die Radikalität, die man in China eingeschlagen hat, nicht ganz verkehrt. Zumindest, was die Wirtschaftsdaten betrifft; die psychische Situation lässt sich nicht beurteilen.

Sind viele Menschen jetzt einfach erschöpft, nachdem sie so lange durchgehalten haben? Politiker sprachen vor Monaten bereits vom „Licht am Ende des Tunnels“; jetzt geben alle zu, dass keiner weiß, wie weit wir im Tunnel sind. Geht vielen nun die Luft aus?

Sie sind durch die Unsicherheit erschöpft. Meine Meinung ist, dass wir das Corona-Phänomen medikamentös so weit in den Griff bekommen müssen, dass wir damit leben können wie mit der Grippe: mit Vorbeugeimpfungen und Medikamenten zur Behandlung. Heute regt sich kein Mensch mehr über Grippewellen unterschiedlicher Intensität auf, weil wir bewährte Medikamente haben. Jeder nimmt auch in Kauf, dass die Medikamente nicht zu hundert Prozent wirken und es jedes Jahr Todesopfer gibt. Ich glaube, dass der Gewöhnungseffekt zusammen mit den medizinischen Hilfen zu einer neuen Normalität führen wird, die aber gesellschaftliche Veränderungen auslösen wird. Anzunehmen, dass alle Probleme durch die Impfung gelöst werden, ist falsch. „Ein Sommer, wie es früher einmal war“, um einen Schlagertitel zu zitieren, das wird es nicht sein.

Warum sind junge Erwachsene von Depressionen, Angst- und Schlafstörungen am härtesten betroffen?

Wegen der Kollateralschäden: Die Altersklasse der 18- bis 24-Jährigen ist am stärksten von Depressionen betroffen. Stark betroffen sind auch die 12- bis 18-Jährigen, wie wir auf den psychiatrischen Abteilungen sehen. Hier sind die Symptome oft so stark, dass klinische Hilfe geboten ist. Die Kinder und Jugendlichen brauchen eine Struktur und Klarheit über das Leben, sichere Annahmen und Stützen. Doch Zukunftsplanung ist jetzt fast nicht möglich. Was immer ihre Visionen waren: Jetzt ist der Weg dorthin stark erodiert. Die Peergroups fehlen, aber die Jugendlichen brauchen die persönliche Begegnung. Die Resilienz fördernden Faktoren sind jetzt nicht möglich. Manches kann man im Internet nicht lernen, etwa emotionale und soziale Intelligenz. Für alte Menschen, deren Jugend von ganz anderen Belastungen überschattet war, ist es natürlich eine Provokation, wenn junge Menschen heute sagen, ihnen werde die Jugend gestohlen, weil sie ein Jahr mit Einschränkungen leben müssen. Diese Jugend ist doch sehr verwöhnt, verglichen mit der Jugend der 1930er und 1940er Jahre. Unsere Jugend ist in ein Paradies hineingeboren worden und hat Chaos nicht als lebensbegleitendes Phänomen erlebt.

Spielt bei jungen Erwachsenen die wirtschaftliche Unsicherheit die entscheidende Rolle?

Die Krise stört die Zukunftsplanung und die Bildung von Visionen. Dabei ist die Herausbildung persönlicher Ziele einer der Motoren der Persönlichkeitsentwicklung. Pensionisten haben keine großen Karrierepläne mehr und gesicherte Einkommen.

Sie untersuchten vor allem Depressionen, Angst- und Schlafstörungen. Wie sieht es mit dem Wachsen von Aggressionshandlungen und Suiziden aus?

Aus den Rückmeldungen der Kriseninterventionseinrichtungen ist die Befürchtung fundiert, dass die Zahl der Suizide gestiegen ist, die Autoaggression und – wie wir bei Demonstrationen sehen – auch die Aggression nach außen. Nach Meldungen von Frauenschutzeinrichtungen dürften die häusliche Gewalt, die Wegweisung gewalttätiger Männer und die Betretungsverbote um 20 bis 30 Prozent gestiegen sein. Die Diskussion über den Anstieg der Suizide wird Ende März beginnen, wenn die endgültigen Todesursachenstatistiken für 2020 vorliegen.

Derzeit sind die meisten noch auf Durchhalten gestimmt. Kann es sein, dass bei vielen Menschen der psychische Zusammenbruch erst nach der Corona-Krise kommt?

Der Verdacht ist naheliegend. Die Erschöpfung des Marathonläufers erfolgt, wenn er durchs Ziel ist. Dort wird der professionelle Marathonläufer gut aufgefangen: Sein Masseur oder Arzt erwartet ihn, und er bekommt Ruhetage. Genau das Gegenteil erwartet uns, wenn die Infektionsgefahr gebannt ist. Die psychische Belastung der Arbeitslosen ist – etwa bei Depressionen, Angst- und Schlafstörungen – doppelt so hoch wie bei jenen, die Arbeit haben. Wenn wir die Infektionsgefahr „im Griff“ haben, wird deshalb noch nicht die Wirtschaft sofort wieder anspringen oder die Arbeitslosigkeit sinken. Im Januar 2020 hatten wir die glänzendsten Prognosen für die Volkswirtschaft. Daran lässt sich der emotionale Bruch ablesen: Nun sprechen viele von Unsicherheiten und sozialen Veränderungen.

Irgendwann kommt die Gesellschaft wieder aus dem Krisenmodus. Aber gibt es dann in den pandemisch verwüsteten Wirtschaftslandschaften noch die Kraft für einen Wiederaufbau?

„Jetzt entsteht durch Not und Druck der Krise die Energie zur Veränderung.“

Nicht nur der Wiederaufbau, auch die gesellschaftlichen Veränderungen sind die Herausforderung für die nächsten zwei bis drei Jahre. Dennoch bin ich überzeugt: Wenn wir uns in zehn Jahren über die Veränderungen unterhalten werden, die mit der Krise 2020/21 begannen, werden wir überwiegend positiv bilanzieren. „No pain, no change“ (ohne Schmerz keine Veränderung), sagen wir in der Psychotherapie. Es standen auch vor Covid große wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme an, die durch den ökonomischen Erfolg verdeckt wurden. Jetzt entsteht durch Not und Druck der Krise die Energie zur Veränderung. Covid ist nicht das einzige Thema, aber der aktuelle Schmerzauslöser, der uns die anderen Themen deutlicher wahrnehmen lässt.

Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die „wilden zwanziger Jahre“, nach dem Zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder. Welche Veränderungen kommen nach der Pandemie?

Damals hat es Zielsetzungen, Wünsche und Sehnsüchte gegeben. Woher werden Menschen jetzt die Kraft und Energie zur Veränderung gewinnen? Wenn es Politik und Wissenschaft gelingt, uns von der Unsicherheit zu befreien, so dass wir realistisch Ziele wählen und Motivationsquellen erschließen, werden sie der psychischen Gesundheit und Lebenszufriedenheit einen entscheidenden Dienst erweisen. Wir müssen weg von der Ausgeliefertheit an den unbekannten Gegner Covid – hin zur Selbstbestimmtheit. Niemand kann es auf den Monat genau sagen, aber wir wissen: Die Impfungen und die Medikamente werden eine hohe Erfolgsrate haben. Aber natürlich ist die Bedrohung durch Krankheit für den Menschen permanent. Es gab noch nie eine unfall- und krankheitsfreie Gesellschaft. Die Restrisiken werden in der Kategorie „Ständige Lebensrisiken“ abzulegen sein. Es wird uns jetzt durch die Krankheit die Unsicherheit des Lebens bewusster. Es muss eine neue Sicherheit erobert werden.

Trägt die Unsicherheit dazu bei, dass Verschwörungstheorien boomen: vermeintlich klare Antworten auf völlig unübersichtliche Herausforderungen?

Genau. Die verrückteste Idee, die eine Scheinsicherheit suggeriert, ist besonders für unsichere Menschen ein Rettungsanker. Sie ist ihnen lieber als die Wahrheit, dass wir auf vieles keine Antwort haben. Das ist das Milieu, in dem Verrücktheiten wuchern.

Wie viele Lockdowns schaffen wir psychisch noch?

Disziplin und Verzicht sind eine Leistung. Sie verlangen nach Belohnung. Aber die Belohnungs-Systeme sind uns ebenso abhanden gekommen wie die Aggressionsabbau-Rituale. Wir erleben einen Wanderboom, weil es eine der wenigen Möglichkeiten ist, sich etwas zu gönnen. Was uns fehlt, ist eine wissenschaftliche Evidenz, wo die Hauptinfektionsquellen sind. Wir brauchen eine ABC-Analyse über häufige, seltene und geringe Ansteckungsgefahr. Danach kann man entscheiden, was freizugeben ist. Ohne Belohnungen wird die Disziplin jedenfalls nicht halten.

Laut einer aktuellen Studie der Donau-Universität Krems leiden mittlerweile 26 Prozent der Bevölkerung Österreichs an depressiven Symptomen, 23 Prozent an Ängsten, 18 Prozent an Schlafstörungen. Vor der Pandemie waren es zwischen 3,5 und sechs Prozent. Dramatischer ist der Anstieg bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren: Hier zeigen 50 Prozent depressive Symptome. Am stärksten belastet sie die Unsicherheit in der Corona-Krise.

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