Würzburg

Moral für Institutionen?

Ethische Perspektiven für komplexe Probleme verlangen neue Denkansätze.

Engel, Teufel, Mensch
Der permanente Zwiespalt zwischen Engel und Teufel. Ethische Prinzipien helfen bei Entscheidungen. Foto: Adobe Stock

Bertolt Brechts Drama „Der gute Mensch von Sezuan“ (Uraufführung am 4. Februar 1943, Schauspielhaus Zürich) ist ein Stück über Moral in schlimmen Zeiten. Es geht darin um die Frage, ob ein „guter Mensch“ sich „bösen Umständen“ entziehen kann. Brecht verneint diese Frage: Erst muss sich die Welt ändern, dann kann sich der „gute Mensch“ entfalten. In einer schlechten Welt werden auch die besten Menschen irgendwann korrumpiert sein. Adorno hat ihn später mit der vielzitierten Aussage bestätigt, es gäbe „kein richtiges Leben im falschen“.

Tugend oder Norm?

Funktioniert eine Gesellschaft gut, weil die Regeln oder weil die Menschen gut sind? Bertolt Brecht setzt auf die Regel. Sein Ansatz richtet sich damit gegen die „Sauerteig-Theorie“ der christlichen Ethik aus der Vorstellung des Evangeliums, dass einige wenige gute Menschen eine Gemeinschaft allmählich zum Guten verändern können, und löst das uralte moraltheoretische Norm-Tugend-Problem zugunsten der Norm: Erst müssen sich die Verhältnisse ändern, dann kann sich der Mensch ändern.

Nicht alle Autoren, die unter der nationalsozialistischen Diktatur litten, sind dieser Ansicht. Von Erich Kästner, der es vorzog, in Deutschland zu bleiben und in der Zeit der NS-Diktatur mehr oder weniger unpolitische Kinderbücher schrieb (die ironischerweise seinen Ruhm begründeten) stammt der Spruch „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ – also auch keine „gute Norm“. Die kommt nicht von selbst, die muss man machen. Am Anfang des Guten steht also immer das tugendhafte Tun.

Dagegen wiederum wird man einwenden können, dass in einem moralisch verkommenen System selbst der tugendhafteste Mensch an Grenzen stößt. Dass es also „böse“ Verhältnisse gibt, „ungerechte“ und – wie der Friedensforscher Johan Galtung meinte – „gewaltsame“ Strukturen. Freilich kommen diese nur dann auch als solche zur Entfaltung, wenn es Menschen in ihnen gibt, die bereit sind, entsprechend der normativen Vorgaben zu handeln. Das „Wannsee-Protokoll“ selbst (als beschriebenes Papier) hat niemandem geschadet, erst dessen Durchführung. Es brauchte Menschen, die das, was beschlossen und dem eine Struktur gegeben wurde, in die Tat umsetzten. Andererseits wäre keiner dieser Menschen als Einzelner willens und in der Lage gewesen, die grauenvolle Vernichtungsabsicht des NS-Regimes zu realisieren, die insoweit auf die Struktur angewiesen war. Dass die Strukturen, in denen sich Menschen organisieren, selbst Gegenstand ethischer Betrachtungen werden müssen, ist damit offenkundig. Das ist längst erkannt worden und wird in der Institutionenethik verhandelt.

Normativitäts- und Tugendethik

Die Normativitätsethik hat dabei gegenüber der Tugendethik einen Vorteil: Sie kann das Individuum ansprechen, aber auch die Institution. Regel und Gesetze können – im Gegensatz zu Tugenden – auf Kollektive ausgedehnt werden. Eine Tugend wie „Pünktlichkeit“ kann nur der Einzelne leben, die Gemeinschaft braucht dafür eine Norm (mit Sanktionen bei „Unpünktlichkeit“). Diese kann auch strukturell wirken und damit die Institution selber an die Tugend binden, wenn etwa – um im Beispiel zu bleiben – „pünktliche Lieferung“ als wichtiger Aspekt des Produktionsprozesses eines Unternehmens in den Zielsetzungen festgeschrieben wird. Dann steht die Institution über die (selbstgegebene) Norm als Ganze für die Tugend „Pünktlichkeit“ ein. In diesem Sinne kann man dann sagen, Firma XY „liefert pünktlich“. Auch wenn es immer Menschen sind und bleiben, die pünktlich liefern oder pünktliche Lieferung veranlassen, so tun sie dies doch – wenn nicht allein, so doch vor allem – aufgrund der institutionellen Zielsetzung.

Institutionenethik ist immer dann gefragt, wenn der einzelne Mensch machtlos vor der Struktur zu kapitulieren droht, also bei hochkomplexen Themen wie der Armut und dem Hunger in der Welt. Da tut man, was man kann und spendet zu Weihnachten, merkt aber: Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Hier müssen andere Kräfte ans Werk, hier müssen sich Strukturen ändern, damit sich überhaupt etwas ändern kann. Jemand, der diese Intuition innerhalb der akademischen Philosophie schon seit einigen Jahren klug begründet, ist Thomas Pogge. In „World Poverty and Human Rights“ (2002) plädiert er für eine gerechte Weltordnung, die im Rahmen einer „globalen institutionellen Reform“ erreicht werden soll. Denn, so Pogge, die vorhandene Ungerechtigkeit könne auf „institutionelle Faktoren zurückgeführt werden“, sowohl „auf die nationalen institutionellen Strukturen vieler Entwicklungsländer, für die primär deren politische und ökonomische Eliten die Verantwortung tragen“, also auch „auf globale institutionelle Strukturen, für die in erster Linie die Regierungen und Bürger der wohlhabenden Staaten verantwortlich sind“. Er prangert in diesem Zusammenhang eine „kollektive Menschenrechtsverletzung“ durch die bestehende Organisation des Welthandels an und markiert als „Täter“ Institutionen wie die WTO oder den IWF. Diese Institutionen müssten sich ändern.

Das Problem der Verantwortung

Hier zeigt sich nun das große Problem der Institutionenethik: die Verantwortungszuschreibung. Vor allem dann, wenn Organisationen und Institutionen eine ungerechte Ordnung geschaffen haben. Spätestens seit den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptverbrecher des NS-Regimes oder dem Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann wissen wir, wie schwer es ist, die Verantwortlichkeit des Einzelnen innerhalb komplexer Handlungsketten zu erkennen und zu bemessen, weil sich der Mensch in der Struktur einer Institution verlieren oder auch bewusst verstecken kann. Das (bei beiden Gelegenheiten vorgebrachte) Rechtfertigungsargument „Befehlsnotstand“, das dem Einzelnen die Verantwortung nehmen soll, verfängt allerdings nur, wenn man der Norm (in Gestalt des Befehls) eine zwingende und durchschlagende Wirkung auf das Handeln zuspricht. Das wiederum funktioniert ethisch nicht, weil es übersieht, dass dem Menschen immer noch sein Gewissen bleibt, um Gebote und Gesetze in Frage zu stellen. Und Befehle auch. Die Verantwortung des Einzelnen ist also nicht „weg“, nur weil man dem Ganzen noch einmal separat eine Kollektivverantwortung gibt – als Institution, die in ihrer Struktur moralisch gut oder schlecht aufgestellt sein kann.

Gerade heute sind institutionenethische Ansätze der einzige Weg, um komplexe Moralthemen zu bewältigen. Dabei handelt es sich nicht um eine „neue Ethik“, sondern um eine andere Sicht auf unser Handeln, das im Kontext von strukturellen Vorgaben stattfindet. Sich diese selbst einmal anzuschauen, eröffnet keine neue Bereichsethik mit inhaltlich eigenen Fragen und Antworten, sondern ermöglicht eine neue Perspektive auf unsere Handlungspraxis, indem sie die Dimension der normativen Vorgaben der Struktur (mit Wirkung nicht nur für die Struktur, sondern aus der Struktur) mitberücksichtigt, unter denen Menschen handeln. Umgekehrt gerät auch in den Blick, wie das Handeln von Menschen Strukturen stärken oder gar schaffen kann, die Moralität (oder ihr Gegenteil) befördern helfen – auch ohne, dass sich diese selbst normativ oder institutionell manifestieren (in Gestalt fluider sozialer „Bewegungen“, die keine Organisationsform annehmen). Das Individuum kann damit die Institution mitgestalten („Macht des Verbrauchers“), was wiederum Rückwirkung auf die künftigen Handlungsoptionen des Einzelnen hat – eine prägende Wechselbeziehung von hoher moralischer Relevanz. Gerade dieser Aspekt ist heute unerlässlich, um gesellschaftliche Entwicklungen (etwa Bewegungen im Bereich des Klimaschutzes) ethisch vernünftig einordnen zu können.

Katholische Kirche

Der Sauerteig allein reicht oft nicht. Die Kirche sieht das mittlerweile auch so – nicht nur für moralische Fragen innerhalb der eigenen Institutionen. Die katholische Moraltheologie nimmt in den komplexen globalen Fragen (neben dem Armuts- und Hungerproblem sei hier auch an das Thema Klimawandel gedacht) auch die Institutionen in den prüfenden Blick. Sie kann dabei auf die Soziallehre der Kirche bauen, die den Bereich der Ethik schon über das Individuum ausdehnt und Vorstellungen einer gemeinschaftlich realisierten Moralität formuliert. Kardinal Turkson wies im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Enzyklika Laudato Si‘ von Papst Franziskus 2015 darauf hin, dass „eine gründliche Gewissensprüfung nicht nur unsere individuellen Mängel sondern auch die unserer Institutionen erkennt“. Die Deutsche Bischofskonferenz appellierte 2019 in einem Papier zum Klimaschutz an die Weltgemeinschaft, „durchsetzungsfähige internationale Institutionen“ zu schaffen. In diesem Sinne sollte die Katholische Kirche und die sie beratende katholische Moraltheologie die hohe ethische Relevanz von Systemen und Strukturen verstärkt berücksichtigen.

Vor dem Hintergrund immer komplexerer Entscheidungen braucht es eine Ethik, die auch Systeme und Strukturen moralisch bewerten hilft. Das ist gewöhnungsbedürftig, gerade für eine Tugendethik katholischer Prägung, die auf die Natur des Menschen schaut. Eine vernünftige Institutionenethik ist jedoch die einzig sinnvolle Antwort auf die globalen Herausforderungen. Bei ihrer Formulierung muss darauf geachtet werden, dass der Einzelne seine Verantwortung nicht auf das abstrakte Ganze abwälzen kann. Das Gewissen bleibt als Leitmotiv des Handelns gefragt..

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