Würzburg

In der Sackgasse gestrandet

Warum wir jetzt den Gesundheitsgötzen stürzen müssen.

Kampf gegen Corona kann Sackgasse sein

Die Klassenfahrt unseres Sohnes fällt aus. Wegen Corona. In diesem Jahr und wohl auch im nächsten. Für das neue Schuljahr dürfen nur stornosichere Fahrten gebucht werden, sagt das bayerische Kultusministerium. Das heißt also dann keine. Denn es wird keinen Reiseveranstalter mehr geben, der gute Stornobedingungen bieten kann. Der ministerielle Beschluss wurde verkündet im Zuge der Rede von einer schrittweisen Rückkehr in die Normalität.

Zur neuen Normalität gehört also, dass Kinder nicht im Klassenverband aus den Städten heraus in die Berge oder ans Meer fahren dürfen, nicht aus der schlechten Luft in die gute Luft zwecks gemeinsamer Bewegung in der freien Natur. Sie dürfen nicht das Gesunderhaltende tun, im Namen der Gesundheit, und das auf längere Sicht hin. Dabei gehören sie nicht zur "Risikogruppe". Die diesjährige Klassenfahrt hätte im Juli stattgefunden, zur infektionsarmen Zeit. Dieses Vorgehen beunruhigt, es zeigt keineswegs Normalität an, es ist völlig unverhältnismäßig und einfach verkehrt.

Es fehlt das soziale Gefüge

Die Kinder entbehren seit Wochen ihr außerfamiliäres soziales Gefüge, sie lernen zuhause (wenn sie lernen), isoliert von ihren Mitschülern und Freunden, denen sich vielleicht noch elektronisch begegnen. Kein Musikunterricht, kein Sport im Verein. In besseren Verhältnissen intakter Familien mit Haus und Garten kann man das für eine Weile auffangen. Herunter fallen schon jetzt diejenigen, die in häuslich schwierigen Verhältnissen leben. Wenn der Unterricht wieder aufgenommen wird, dann nach dem obersten Gebot der Hygienevorschriften unter möglichster Vereinzelung. 

Ja, man kann jetzt ein Lob auf die Familie anstimmen. Glücklich, wer Geschwister und zugewandte Eltern hat. Aber so wichtig die Familie ist, sie ist kein Selbstzweck. So sehen es nicht nur Philosophen wie Aristoteles: "Der Staat ist der Natur nach früher als die Familie und der einzelne Mensch" (Politeia 1253a), will heißen, der Mensch ist nur ganz Mensch im überfamiliären Gemeinwesen. So sieht es auch die Bibel: Mit "wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist fur mich Bruder und Schwester und Mutter" (Mt 12,50), begründet Jesus die Zugehörigkeit zur Gottesfamilie, die der leiblichen Familie übergeordnet ist.

Der Wert der Kleinfamilie

Die Kleinfamilie ist der Weg in die Gesellschaft, in den Menschen- wie in den Gottesstaat. Sie dient dem Aufbau der Gesellschaft, das bestimmt ihren hohen Wert, aber sie ist nicht selbst die Gesellschaft, in die der Mensch hineinwachsen soll. Und dieses gesellschaftliche Leben ist ausgesetzt, der Gesundheit halber. "Bleiben Sie gesund", ist jetzt überall zu lesen. Kann man gesund bleiben, wenn alles nur noch auf Hygiene und den Erhalt des Körpers abgestellt ist? Wenn man sich gar nicht oder höchstens auf Abstand, ohne Berührung und mit vermummtem Gesicht begegnen darf? Wenn man sich angstvoll ausweicht? Die ältesten, bis heute gemeinhin anerkannten Definitionen, was der Mensch sei, erklären ihn nicht vom Körper her, sondern als ein sprechendes und auf Gemeinschaft angelegtes Lebewesen.

Kommunikation ist elementar

Für Menschen ist es elementar, zusammenzukommen und miteinander zu sprechen, im Nahverhältnis sich zu berühren, körperlich wie geistig. Der eigene Körper ist für Menschen das Kommunikationsmittel hin zum Du. Das menschliche Gesicht ist ihm das liebste und wichtigste Anschauungsobjekt, ganz natürlich, weil er darauf angelegt ist, einmal Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen, schon für Moses das erstrebenswerteste Ziel (Ex 33,11.18). Was wird passieren, wenn unmittelbare menschliche Begegnungen unabsehbar lange ausgesetzt sein werden? Schauen wir auf die Gruppe derer, die wir vor allem schützen wollen, die Alten, vor allem die Alten in den Heimen.

Unsere Schutzbemühungen sind für sie zu einem unentrinnbaren Gefängnis geworden, dem sie hilflos ausgeliefert sind. Mein Mann darf seine demenzkranke Mutter, die er täglich besuchte, seit Mitte März nicht mehr sehen, der Zutritt zum Heim ist ihm verwehrt. Auch die tägliche Heilige Messe dort, an der sie teilnahm, wurde eingestellt, obwohl der Priester im Haus wohnt. Die Alten empfangen keinen Besuch, Gruppenaktivitäten sind heruntergefahren, sie dürfen die Einrichtung nicht verlassen, die Pfleger begegnen ihnen mit Mundschutz und Schutzanzügen. Es wird von Alten berichtet, die zur Ansteckungsvermeidung in Zimmern vereinzelt werden und aus dem Fenster um Hilfe rufen. Sie sind alleingelassen krank, oft sterben sie allein. So kommt der Slogan "Hauptsache gesund" an sein bitteres Ende.

Hilfsbedürftige Alte

Welche Gesundheit? Gemeint ist der bloße Erhalt eines Körpers, der ohnehin nicht mehr lange zu leben hat. Solch ein Leben ist des Menschen nicht würdig, ist unmenschlich. Gerade der hilfsbedürftige Mensch braucht Nähe statt Sterilität, er braucht das ihn aufmunternde Lächeln ohne Gesichtsmaske, die ihn haltende Hand ohne Gummihandschuhe. Was den Einzelnen hart trifft, erstreckt sich auf das ganze öffentliche Leben. Es ist im Namen der Abwehr des Krankheitserregers faktisch ausgesetzt. Kultur und Politik erlebt der Burger höchstens noch virtuell. Die Kirche hat vorauseilend die öffentlichen Gottesdienstvollzuge eingestellt und sich damit als beflissener Musterstaatsbürger ausgewiesen. Auch bei der zaghaften Öffnung der Gotteshäuser wird die Hygiene dominieren. Singen mit Gesichtsmaske trotz meterweisem Freiraum ringsum. Fantastisch, was die Leute alles hinnehmen unter dem Leitwort "Gesundheit geht vor", im gläubigen Vertrauen darauf, damit ließen sich Virus und Gefahr schnell bannen.

Ohne Abstand geht gar nichts mehr, bald auch nicht mehr ohne Gesichtsmaske. Auch hier ist wieder die "Risikogruppe" besonders getroffen. Herz- und Atemwegskranke geraten mit der Maske in Atemnot. Mit Drohkulissen, gespeist aus einseitigem und verzerrend ausgelegtem Datenmaterial, bringen Medien den Bürger auf Linie und stellen widerständige Zweifler in die Ecke, um die ergebene Akzeptanz in der Bevölkerung zu befestigen. Über Verhältnismäßigkeit laut nachzudenken ist ein Tabu. Vielleicht war der Stillstand, den Politiker ihren Ländern zur Corona-Abwehr verordnet haben, ein nötiger Schritt. Er hat dazu geführt, einmal innezuhalten, auszusteigen aus dem Wahnsinn hemmungslosen Verbrauchs und des ständigen Außersichseins.

Der Stopp ist nicht das Konzept

Aber der Stopp ist nicht schon das erfolgreiche Konzept zur Bewältigung der Krise. Er dient bestenfalls dazu, zur Besinnung zu kommen: sich über die Ausrichtung klar zu werden, die bisherige Strategie zu überprüfen und das Handlungsziel vielleicht auch neu zu bestimmen. Ansteckungsvermeidung um jeden Preis ist kein wirkliches Ziel, für das Mensch und Gesellschaft leben. Außerdem muss nüchtern die Corona-Therapie des "social distancing" auf Wirksamkeit untersucht und mit den Nebenwirkungen abgewogen werden (DT vom 23.4.). ?

Zu hinterfragen ist das Therapiemotiv, die alleinige Fixierung auf die körperliche Gesundheit. Es hat in die Sackgasse geführt. Mit "social distancing" ist nicht einmal dieses zu kurz gegriffene Ziel zu erreichen. Seine Fortsetzung wird die Therapie selbst ad absurdum führen. Wirtschaftliche Einbrüche untergraben die Versorgung, die Anwendung harter Intensivmedizin zeigt Folgeschäden, neue Gesundheitsgefahren liegen in den "Nebenwirkungen" psychischer und psychosomatischer Erkrankungen, notwendige Untersuchungen und Behandlungen werden verschoben, die körpereigene Abwehr wird durch Überhygiene und die mangelnde Auseinandersetzung mit Keimen geschwächt.

Zivilisatorische Schäden

Dazu werden zivilisatorische Schäden unabsehbaren Ausmaßes kommen. Man kann eine gewachsene Zivilisation nicht ohne tiefgreifende Folgen über längere Zeit "anhalten". Corona, eine Pandemie, die mehr in den Köpfen als in Wirklichkeit existiert   derartige Behauptungen gibt es. Auch sie können sich auf Berechnungen stützen. So oder so markiert der jedes Verhältnis sprengende Umgang mit Corona die Endstation des seit Jahrzehnten herrschenden Gesundheitskults und macht deutlich, dass der Gesundheitsgötze gestürzt werden muss. Was, wenn erst weitaus gefährlichere Keime pandemisch würden, ähnlich tödlich wie Ebola oder die Pest?

Um die richtige Antwort auf eine todbringende Krankheit zu finden, muss wieder der ganze Mensch mit Leib und Seele in den Blick treten, auch in seiner Ausrichtung auf ein Höheres, das über sein irdisches Leben hinausweist. Diesem eigentlichen Leben muss die Sorge gelten, es bildet den Maßstab für eine gelingende Bewältigungsstrategie. Es setzt Handlungsoptionen zueinander ins Verhältnis und sorgt für verantwortliche Entscheidungen. Gesundheit ist eben nicht das höchste Gut, sondern Gott und die menschliche Seele. Die Kirche muss das zur Sprache bringen und wir Laienchristen mussen dies als Staatsbürger in die Gesellschaft einbringen. Damit das Leben in unserer Gesellschaft wahrhaft menschengemäß wird. 


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