Mensch

Die drei Kränkungen Freuds

Sigmund Freud sprach von drei Kränkungen, die der Mensch in der Neuzeit erlitten habe: einer kosmologischen, einer biologischen und einer psychologischen. Ein einseitiger Blick, findet Tagespost-Autor Dieter Hattrup.

Sigmund Freud
Der Paderborner Moraltheologe Dieter Hattrup sieht bei dem österreichischen Psychologen und Begründer der Psycho-Analyse, Sigmund Freud, Ungenauigkeiten. Foto: General (imago stock&people)

Sigmund Freudspricht 1917 von den drei Kränkungen, die der Mensch in der Neuzeit erlitten habe, kosmologisch, biologisch, psychologisch. Er meinte: „Der Mensch ist nichts anderes und nichts Besseres als die Tiere.“ Das europäische Abendland hatte das anders gesehen und den Menschen die Krone der Schöpfung genannt. Das hat einen immensen Lästerungsreiz ausgelöst. Die Formel stammt aus Psalm 8: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“

Kopernikus hat zunächst einmal recht. Die Erde umkreist 330 000 mal mehr die Sonne als umgekehrt, weil die Sonne so viel mehr Masse besitzt. Die neuere Kosmologie kennt überhaupt kein Zentrum im Universum. Freud hätte also auch sagen können: „Der Mensch ist nichts Besseres als die Steine.“

Die Abschaffung des Todes

Dann hat der Mensch viel Ähnlichkeit mit den Tieren, daher die Kränkung durch Darwin. Nietzsche lässt seinen Zarathustra sofort verkünden: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, was überwunden werden soll.“ Wird der Übermensch den Tod abschaffen? Der Mensch ist dasjenige Lebewesen, das von seinem Tode weiß. Leider verbraucht die Abschaffung des Todes mehr Energie, als der Kosmos besitzt. Es bleibt also dabei: Mensch und Übermensch wissen vom Tode, damit sind sie das gleiche Wesen.

Die dritte Kränkung ist die psychologische. Nach Freud ist der Mensch nicht Herr im eigenen Hause. Die Erkenntnis von Freud über die innere Entfremdung ist so neu nicht. In Römer 7 beschreibt Paulus den inneren Riss im Gewissen. Paulus ist genauer als Freud, da dieser nur das Entweder-Oder kennt und das Ich einfach abschafft. Bei der Lektüre Freuds meine ich etwas verspürt zu haben, das ich unehrenhaft nennen möchte. Es ist wie bei Einstein, der um 1950 schreibt: „Es zeigt mir das Buch deutlich, vor was ich geflohen bin, als ich mich mit Haut und Haar der Wissenschaft verschrieb: Flucht vom Ich und vom Wir in das Es.‘ Ehrenhafter für beide wäre es gewesen, dem Menschen einen Platz innerhalb der Wissenschaften zu verschaffen oder es doch zu versuchen.

Die Erde im Mittelpunkt

Wie wird aus der ersten Kränkung eine Krönung? Nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen, ist eine schwere Beleidigung. Das alte Bild der Erde können wir aber nicht wieder herstellen. Doch das Bild des Menschen sollten wir überprüfen. Die Erde räumlich aus dem Mittelpunkt zu nehmen, war das eine, den Menschen zum Zigeuner am Rande des Universums zu machen, das andere.

Es ist merkwürdig: Der Domherr Kopernikus schreibt 1543 ein Buch für den Papst, und der Dominikaner Giordano Bruno fällt deswegen vom Glauben ab. Fortan will er an die Natur glauben. Bruno schwärmte als erster von der Größe des Kosmos. Er erklärt 1584 die Sterne zu Sonnen, die unserer Sonne ganz ähnlich sind, was eine gute Idee ist, denn sie ist richtig. Auch muss für ihn das Universum unendlich sein mit einer unendlichen Anzahl von Welten. Das ist keine so gute Idee, denn sie ist falsch, was aber erst im 20. Jahrhundert ganz klar geworden ist. Dann sollten diese Welten von einer unendlichen Anzahl beseelter Lebewesen bevölkert sein.

Der Mars als zweite Erde

Ein Theologe wie Joseph Pohle konnte im 19. Jahrhundert die Planeten ebenfalls beseelen. Im Jahre 1885 ließ er ein Buch erscheinen „Die Sternenwelten und ihre Bewohner.“ Darin finden sich Sätze wie: „Mars ist in mancher Rücksicht eine zweite Erde und folglich bewohnbar.“ Davon kann keine Rede sein. Zwar gab es ab der Mitte des 20. Jahrhunderts die Suche nach außerirdischer Intelligenz, SETI genannt, aber sie hat keinen Erfolg gehabt. Alle Suche war vergebens!

Eher hat sich die Wissenschaft gedreht, sie fördert den Kopernikanischen Überblick nicht mehr. Erst theoretisch hat die Quantentheorie den Überblick eingeschränkt, dann praktisch die Erkenntnis von der „Rare Earth“: Die Verbindung von Sonne, Planeten und Milchstraße ist sehr günstig, um komplexes Leben hervorzubringen. Selbst bei Milliarden anderer Planeten ist das kaum wiederholbar. Hier wird das Gegenteil von SETI verkündet: Höheres Leben ist sehr selten im Kosmos, bis hin zur Einmaligkeit.

Wegen der großen Leere im Weltall nimmt jetzt alles Leben an der Singularität teil. Im Versuch, den Menschen zu naturalisieren, ist das Leben über die Natur erhoben worden. Wenn sich also früher der Mensch als Krone der Schöpfung empfand, so nehmen jetzt auch Tiere und Pflanzen an dieser ersten Krönung teil.

Der Mensch und der Affe

Kommen wir, zweitens, zu Charles Darwin! Welche Angst die Zeitgenossen hatten, zeigt eine Anekdote. „Meine Liebe, wir stammen vom Affen ab? Das ist hoffentlich nicht wahr, wenn aber doch, dann wollen wir beten, damit es nicht allgemein bekannt wird.“ So die Frau eines anglikanischen Bischofs zu einer Freundin. Wir fragen: Lässt sich mit der Biologie die Sonderstellung des Menschen begründen? Ich meine Nein. Es ist kein Körperteil zu finden, das den Unterschied zum Tier ausmacht, weshalb wir auf die innere Erfahrung angewiesen sind.

Die Definition nach Aristoteles lautet: Der Mensch ist ein vernünftiges Lebewesen, ein „animal rationale“. Die Definition ist nicht tadellos, weil auch Tiere einige Vernunft haben. Besser wäre: Der Mensch ist das Lebewesen, das von seinem Sterben weiß. Aber auch viele Tiere ahnen ihren Tod voraus, und dennoch hat der Mensch den Eindruck, ein anderes Wesen zu sein als das Tier.

Die Endlichkeit abschütteln

Der Anthropologe Arnold Gehlen nannte im 20. Jahrhundert den Menschen ein Mängelwesen. Der Mangel reizt ihn, sich nicht nur die Fähigkeiten zuzulegen, um zum Tier aufzuschließen, sondern um darüber hinaus zu gelangen. Er will nicht nur fliegen wie ein Vogel, er fliegt bis zum Mond. Es ist, als ob der Mensch nicht nur seinen Mangel beheben, sondern als ob er seine Endlichkeit loswerden will. Dieses Verlangen kennt schon die Bibel: „Dann ihr werdet sein wie Gott.“ Wir definieren: Der Mensch ist das Lebewesen, das seine Endlichkeit ablegen will. Kein Tier versucht, aus seiner Haut zu fahren und zum Übertier zu werden. Der Mensch aber kennt die Versuchung, die Endlichkeit abzuschütteln, auch wenn nichts daraus wird. Das ist das Alleinstellungsmerkmal, ich nenne es die zweite Krönung. Es ist zugleich eine fatale Erhöhung, sogar ein Fluch, denn das Endliche wird nicht unendlich.

Die Freiheit der Menschen

Kommen wir zur dritten Kränkung. Ist der Mensch der Herr im eigenen Hause? Der Hausherr scheint in den Augen Freuds eine von nichts abhängige Freiheit zu besitzen. Eine solche Freiheit leugnet er zu Recht, sie ist ein Phantom. Eine solche Freiheit würde den Anfang einer Kausalkette setzen, ohne durch eine Ursache bedingt zu sein. Hier sollten wir vorsichtig sein. Zwischen der unbedingten Wahl, die eine Kausalkette anfängt, und der Unfreiheit eines Steines ohne jede Wahl steht die endliche Freiheit.

Um 1980 versuchte Benjamin Libet, die Freiheit zu vermessen. Ich nehme an, als Amerikaner stellte er sich die Freiheit nach dem Muster von John Wayne vor. Der steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Jetzt überlegt er: Ziehe ich rechts oder ziehe ich links?

Tatsächlich konnte Libet etwas messen, aber es kam das Gegenteil heraus. Unstrittig ist das Ergebnis: Der Zeitpunkt, an dem die Entscheidung der Person bewusst wird, liegt hinter dem Zeitpunkt, an dem die Aktivität für die Handlung begonnen hatte. John Wayne meinte nur, er wolle rechts oder links ziehen, aber etwas in ihm hat schon vorher entschieden, und dies empfindet er dennoch als seinen freien Willen.

Der Zufall unterbricht die Kausalketten

Libet war schwer enttäuscht. Sollte der Entschluss, zu handeln, unbewusst im Gehirn gefallen sein, bevor er ins Bewusstsein tritt? Ohne Zweifel lässt sich die Bereitschaft schon 1 000 ms vor der Handlung messen, während das Bewusstsein erst 300 ms vorher zu bemerken ist. Zum Beispiel: An der Haustür werde ich einen Regenschirm nehmen, wenn ich die Türe öffne und es draußen regnet. Ich kann es mit einem Veto auch unterlassen, wenn ich bemerke, wie wenig doch von oben kommt. Dieses Zusammenspiel des notwendigen Gedächtnisses mit der zufälligen Reaktion des Bewusstseins ist die Gestalt der endlichen Freiheit. Dieses Spiel zeigt die Bruchstücke der Freiheit an, die selber nicht in Erscheinung tritt.

Wir haben es hier mit einer Situation wie in der Physik zu tun. Mit Notwendigkeit laufen in der Natur die Kausalketten ab, unterbrochen durch den Zufall, der manchmal, bei gleicher Ursache, eine andere Wirkung liefert. Damit ist die Freiheit im Schatten erkennbar. Ich brauche die Notwendigkeit in der Natur, um meinen Willen auszuführen, zugleich darf die Notwendigkeit nicht alles bestimmen, sonst wäre auch mein Wille vorweg bestimmt.

Mehr ist nicht erkennbar, weil die Notwendigkeit ein Wissensprinzip ist, der Zufall ein Nichtwissensprinzip. Damit sind wir der Gestalt der endlichen Freiheit auf die Spur gekommen. Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Hause, die absolute Freiheit hat er nicht, darin hat Freud Recht. Dieser wollte aber jede Freiheit verbieten, darin hat er Unrecht. Die endliche Freiheit ist die dritte Krönung.

Der Autor ist emeritierter Professor für Dogmatik und promovierter Mathematiker.

 

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