Würzburg

"Er, der eine Sie gewesen ist"

Das katholische Lehramt hält sich mit Aussagen zu Transsexualität und Geschlechtsdysphorie zurück. Der Grund: Die Problematik ist in erster Linie eine medizinische und keine moraltheologische. Trotzdem gibt es eine Reihe interessanter Äußerungen der Päpste, die Christen hier Orientierung bieten.

Toilette für Alle
Ein Schild "WC für alle Geschlechter" hängt an der Tür zu einer ehemaligen Damentoilette. Foto: Soeren Stache (dpa)

2016: Auf dem Rückflug von Baku in Aserbaidschan nach Rom hat Papst Franziskus mitreisenden Journalisten von einem Vater aus Frankreich erzählt, der bei Tisch mit den Kindern redet. „Er katholisch, seine Frau katholisch, die Kinder katholisch, ein bisschen lau, aber katholisch – und dass er seinen zehnjährigen Sohn gefragt hat: ‚Und was möchtest Du einmal werden, wenn du groß bist?‘ – ,Ein Mädchen.‘ Der Vater stellte fest, dass in den Schulbüchern die Gendertheorie gelehrt wird. Und das ist gegen die natürlichen Dinge.“ Papst Franziskus erinnert sich auch an einen jungen Spanier, der dem Papst einen Brief schrieb und ihm mitteilte, dass er sehr darunter litt, dass er sich wie ein Junge fühlte, obwohl er körperlich ein Mädchen war. Seine Mutter war gegen einen chirurgischen Eingriff. Als junger Mann war er später Angestellter in einem Ministerium einer spanischen Stadt. Als er seine bürgerliche Identität durch eine Heirat geändert hatte, bat er Papst Franziskus, dass es ihm ein Trost wäre, mit seiner Braut zu ihm zu kommen. „Er, der eine Sie gewesen ist, aber ein Er ist. Und ich habe sie empfangen. Sie haben sich gefreut“, erzählt der Heilige Vater.

Franziskus vertritt die konsequente Haltung des Nicht-Verurteilens jedweder Neigung. Er sagt, es sei eine Sache, dass ein Mensch diese oder jene Neigung habe, und es gebe auch Menschen, die ihr Geschlecht änderten. Etwas anderes sei es, diese Linie in der Schule zu lehren, um die Mentalität der Menschen zu ändern. Das sei „ideologische Kolonisierung“. Papst Franziskus lebt uns vor: Niemals den Menschen ablehnen, dafür jene konstruktivistischen Theorien, die die Sexualität von Menschen heimtückisch manipulieren. Heißt es nicht im Markus-Evangelium „Denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch gemessen werden“? Für die Pastoral hieße das übersetzt, Menschen zu begleiten, wie Jesus sie begleitet.

Biologisches Geschlecht und emotive Genitalität

Mit dogmatischer Eindeutigkeit positioniert sich das katholische Lehramt zur Genderideologie und zu der dort geforderten freien Wahl und Konstruktion des biologischen Geschlechtes. Demnach lehnt die katholische Kirche die radikale Genderideologie ab, wonach es eine völlige Trennung von „Sex“ und „Gender“ gäbe, also von biologischen Geschlechtsmerkmalen und emotiver Genitalität. Im neuesten Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“ der römischen Bildungskongregation vom Juni 2019 heißt es, der Mensch sei grundsätzlich mit Leib und Seele, mit seiner und ihrer biologischen Geschlechtsanlage Ebenbild Gottes. Dazu gehöre seine biologische, seelische, physische und psychische Verfasstheit sowie seine Berufung zur Nachfolge Jesu und zur Heiligkeit. Die Botschaft der Bibel sei unmissverständlich: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild (…) Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). In dieser Bekräftigung werde die Würde jedes Mannes und jeder Frau in ihrer naturgegebenen Gleichheit, aber auch in ihrer geschlechtlichen Verschiedenheit deutlich ausgedrückt. Sie sei eine Gegebenheit, die die Beschaffenheit des Menschen tief beeinflusst. „Aus dem Geschlecht nämlich ergeben sich die besonderen Merkmale, die die menschliche Person im biologischen, psychologischen und geistigen Bereich als Mann und Frau bestimmen.“ (Persona Humana 1)

Papst Johannes Paul II. warnte im Juni 1994 davor, die menschliche Sexualität nach Belieben zu manipulieren. „Tatsächlich besitzt sie eine typische psychologische und biologische Struktur, die die Gemeinsamkeit zwischen Mann und Frau und die Geburt neuer Menschen zum Ziel hat. Diese Struktur und die unauflösliche Verbindung zu achten bedeutet nicht „Biologismus“ oder „Moralismus“, sondern Aufmerksamkeit für die Wahrheit des Menschseins und des Personseins. Aufgrund dieser auch im Licht der Vernunft erfassbaren Wahrheit sind die sogenannte „freie Liebe“ und die Empfängnisverhütung moralisch unannehmbar. Denn es handelt sich um Verhaltensweisen, die die tiefe Bedeutung der Sexualität umkehren, indem sie diese daran hindern, der Person, der Gemeinschaft und dem Leben zu dienen“, so Papst Johannes Paul II. In seiner Rede im Deutschen Bundestag im September 2011 warnte auch Papst Benedikt XVI.: „Der Mensch (…) kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. (…) Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten.“ Es gäbe auch eine Ökologie des Menschen. „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“

Phänomen "Geschlechtsdysphorie"

Ungeachtet der Tatsache, dass es in seltenen Fällen medizinisch feststellbare Uneindeutigkeiten im biologischen Geschlecht geben kann, wie beispielsweise eine doppelte biologische Geschlechtsanlage, bleibt es statthaft, wenn Mediziner operativ der Vereindeutigung nachhelfen, sagt der Moraltheologe Peter Schallenberg. Hier handele es sich aber nicht einfach um ein subjektiv geäußertes Empfinden der angestrebten Geschlechtsumwandlung, sondern um ein wenn auch seltenes medizinisches Phänomen. „Ist der medizinische Befund eindeutig, dann besteht aus derzeitiger Sicht der Moraltheologie kein Anlass zur Ablehnung medizinisch indizierter Maßnahmen zur Erlangung der Übereinstimmung von physischer und psychischer Geschlechtsanlage, sei es durch hormonelle Therapie, sei es durch eine operative Geschlechtsumwandlung, die der hormonell unterlegten Disposition entspricht“, so Schallenberg. „Es handelt sich hier nämlich näherhin nicht um ein moralisches, sondern um ein medizinisches Problem, sofern allerdings die medizinische Diagnose seriös und eindeutig ist.“ Zu solchen Fällen gebe es bisher keine offiziellen Äußerungen der Bischofskonferenz oder des katholischen Lehramtes. „Grundsätzlich gilt natürlich, wie auch stets in allen Katechismen unterstrichen, dass Personen mit doppelter oder dysphorischer Geschlechtsanlage mit Achtung und Respekt und Zuwendung zu begegnen ist“, sagt Schallenberg, „dazu verhilft auch der zunächst nüchterne Blick auf die medizinische Diagnose, der dann unter Umständen eine hilfreiche Therapie folgen muss, die eine sexuelle integrale Identität der Person zum Ziel haben muss.“