Würzburg

Der Geschmack des Wahren

Das menschliche Gewissen ist ein erstaunliches Phänomen. Wo es ordnungsgemäß funktioniert, vermittelt es erfolgreich zwischen rücksichtslosem Objektivismus und beliebigem Subjektivismus. Und: Niemanden sonst kann man auf Bildungsreise schicken, ohne zumindest zeitweise auf ihn verzichten zu müssen.

Das Menschliche Gewissen.
Das Menschliche Gewissen Foto: adobe stock

Immer öfter hört man in Gesprächen über moralische Fragen, man müsse „so etwas“ doch „selbst entscheiden“. Eine Antwort könne nur „im Gewissen“ gegeben werden. Der Rückzug auf das Gewissen wird dabei so routiniert vorgetragen, dass man unweigerlich an einen „Joker“ denkt, den man spielt, um einen Mangel an regulären Optionen auszugleichen. Damit wird jedoch unterschätzt, dass die Figur des Gewissens unter inflationärem Gebrauch genauso leidet wie andere Begriffe der Praktischen Philosophie, etwa „Liebe“ oder „Würde“.

Normen und Moral sind zu erneuern und zu überdenken

Weiterhin wird übersehen, was normative Ethik leisten kann, nämlich begründen und damit einsehen helfen, dass und warum ein bestimmtes Verhalten falsch ist (etwa wegen inhärenter logischer Widersprüche oder fehlender Verallgemeinerbarkeit).

Es ist wahr, dass der Einzelne letztlich die meisten Dinge im Leben selbst entscheiden muss – oder kann, soll, darf, will. Dennoch gibt es verbindliche ethische Normen (wie das Tötungsverbot) und absolute Maßstäbe der Moral (wie der, das Gute dem Bösen stets vorzuziehen). Andererseits gibt es Situationen, die bei der Entwicklung von Moraltheorien nicht bedacht wurden oder die sich für das Subjekt als so gravierend anders darstellen, dass eine Abweichung von der Norm vor dem Gewissen gerechtfertigt ist.

Doch an der Geltungskraft der Norm ändert das wiederum nichts. Es bleibt schwierig. Im Konflikt zwischen Objektivismus (es zählt die Geltung der Norm) und Subjektivismus (es zählt das Gewissen des Einzelnen) gibt es keine einfache Auflösung, die uns auf ewig zur Ruhe kommen lässt. Ethik ist immer neu zu bedenken, viele moraltheoretische Normen müssen immer mal wieder erneuert werden – je spezifischer sie sind, desto öfter. Andererseits können wir bestimmte Annahmen als gegeben voraussetzen, müssen dies sogar, um überhaupt weiterdenken zu können.

Bildung des Gewissens

Diese Spannung betrifft auch das Verhältnis des katholischen Christen zur Lehre der Kirche. Wenn es so wäre, dass der Katholik lediglich immer nur das tun soll, was die Kirche ihm sagt, ohne Rückfragemöglichkeit, ohne jeden Spielraum für die Reflexion der Normen, dann wäre das Gewissen ein rein idealistisches Programm ohne praktische Bedeutung für den Gläubigen. „Hier ist die Norm, halte dich daran!“ Basta. Das aber ist geradezu unkatholisch. Die katholische Morallehre traut der menschlichen Natur durchaus mehr zu, als nur Befehlsempfängerin zu sein – und das schon seit Thomas von Aquin und dem von ihm maßgeblich entwickelten Naturrechtsgedankens.

Wenn nun aber in Konsequenz dessen bereits in der Lehre der Kirche auf das Gewissen Bezug genommen wird und der Christ normativ ermutigt wird, bei moralischen Entscheidungen auf sein Gewissen zu achten, wie dies seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil explizit der Fall ist, dann ergibt sich für ihn einerseits die Möglichkeit der Selbstbestimmung, andererseits die Notwendigkeit für die Kirche, diese Autonomie so zu orientieren, dass der Gewissensbezug am Ende nicht den bequemsten, sondern den besten Weg zur moralischen Wahrheit ebnet. Das geht gerade über die Gewissensbildung, welche die Kirche mit ihrer Lehre anbietet.

Also: In der Lehre der Kirche schließt die Norm immer eine gewissensgestützte Normkritik mit ein. Dabei soll sich das Gewissen wiederum an der Norm orientieren und sich von ihr formen lassen. Der Gewissensgebrauch ist also ein sich selbst immer wieder neu ins Gleichgewicht bringender Balanceakt von Subjekt (Haltung des Christen) und Objekt (Lehre der Kirche). Man erkennt hier sehr deutlich: Das Leben des Katholiken ist mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil keineswegs leichter geworden. Der katholische Christ findet aber – nicht zuletzt auch aus Gewissensgründen – in der Lehre der Kirche genügend zuverlässige Hinweise, die ihm das Leben erleichtern wollen und können.

Willkür und Wertordnung

Das Problem ist aber kein innerkirchliches. In jedem Gewissensgebrauch trifft die subjektive Perspektive des Individuums auf die objektive Normativität der Gemeinschaft. Während aus dem Blickwickel des Subjekts Beliebiges erkannt wird und der Gewissensgebrauch damit in einen „So sehe ich das!“-Relativismus herabzusinken droht, der Authentizität und persönliches Wohlergehen zu den alleinigen Kriterien von Moral macht, kann die objektive Ordnung durch zu starke Verbindlichkeit jeden Spielraum eigener Verantwortungsübernahme zunichte machen.

Wird der Gewissensgebrauch im Subjektivismus durch Relativität und fehlende Verbindlichkeit in Bezug auf die objektive Norm- und Wertordnung in seiner Unberechenbarkeit zur Gefahr für die Allgemeinheit, so wird er im Objektivismus vom Vorrang der Normativität im Keim erstickt. Polemisch gesagt: Das subjektivistisch formierte Gewissen ist zu allem fähig, das objektivistisch eingefasste Gewissen zu nichts zu gebrauchen.

Auf der einen Seite steht also die Furcht vor Willkür und Anarchie, vor einem losgelösten Individuum, das die Fähigkeit verloren hat, sich überhaupt noch an allgemeine Werte und Normen zu binden, auf der anderen Seite der Vorwurf, das Gewissen werde in seiner Fähigkeit zur Kritik der Werte und Normen unterschätzt, gerade dadurch, dass man es zu sehr auf eben diese Werte und Normen festlegt.

Der Grundkonflikt zwischen Subjektivismus und Objektivismus bedarf eines Ausgleichs. Religion und Recht, Kirche und Staat suchen dabei nach Wegen, ausgehend von anthropologischen und ethischen Grundannahmen. Beide normativen Ordnungssysteme – der Staat und die Kirche –, deren Regelwerk einerseits das Gewissen bilden, andererseits aber nicht einschnüren soll, sind um einen Kompromiss bemüht: durch normative Vorgaben soll das Gewissen gebildet und durch die Bildung zu verantwortetem Gebrauch befähigt werden, was die Kritik von Normen einschließt.

Die Katze droht sich hier in den Schwanz zu beißen: Was geschieht, wenn gerade die Bildungsgesetze des Gewissens selbst zum Gegenstand der gewissenhaften Normkritik werden? Das wäre dann der erste Schritt in Richtung Subjektivismus. Was, wenn diese Bildungsgesetze den eigenständigen Gewissensgebrauch hemmen? Dann kippte die Waage zur anderen Seite, zum Objektivismus.

Beständige Fortbildung

Gesucht ist also ein Rückbindungsmodus des Gewissens (auch „Information“, „Formung“ oder „Bildung“ genannt), der den Einzelnen befähigt, gegebene Normen kritisch zu reflektieren, der ihn jedoch soweit binden, dass er sich nicht gleich selbst zur einzig gültigen Norm macht. Dabei muss neben der Anerkennung der Bedingungen Freiheit und Verantwortung weiterhin sichergestellt sein, dass sich der Vernunftgebrauch der Wahrheitssuche verpflichtet weiß. Denn wer die Wahrheit als Zielgröße der praktischen Rationalität ablehnt, nimmt letztlich auch das Gewissen nicht ernst.

Der Schlüssel für den Rückbindungsmodus liegt folglich in der Beziehung des Gewissens zur Wahrheit. Erst wer hier ebenfalls Subjektivität unterstellt (meine „Wahrheit“, deine „Wahrheit“), kommt aus der Falle der Unbestimmtheit, ja Beliebigkeit nicht heraus. Wer aber davon ausgeht, dass es eine gemeinsame Quelle von Vernunft und Wahrheit gibt, die auch für das Gewissen gesorgt hat, nämlich Gott, hat den Grund einer Objektivierung gefunden, die jedoch nur durch das Subjekt wirksam wird (eben in Gestalt des Gewissensgebrauchs) und die damit von der Zustimmung des Subjekts abhängig bleibt.

„Gewissen und Gesetz werden nicht als Gegensätze gedacht, sondern als Bezugsgrößen, die im Naturrecht eine gemeinsame Rechtfertigungsbasis haben.“

In der katholischen Morallehre wird einerseits an der Wahrheit festgehalten, andererseits beachtet, dass der Einzelne in seiner Freiheit nie von außen gezwungen werden kann. Aber eben von innen beziehungsweise von einem „verinnerlichten Außen“, vom Gewissen, einem durch göttliche Norm informierten Gewissen. Im Glauben an den Gott der Bibel, der Gebote erlässt und zugleich qua Vernunft Teilhabe an der Einsicht in ihre Notwendigkeit gewährt, konvergieren Freiheit und Wahrheit und damit letztlich die subjektive menschliche Sittlichkeit und das objektive göttliche Gebot.

Gewissen und Gesetz werden nicht als Gegensätze gedacht, sondern als Bezugsgrößen, die im Naturrecht eine gemeinsame Rechtfertigungsbasis haben. Dies ist die Grundannahme der katholischen Morallehre. Daran kann und will auch das Zweite Vatikanische Konzil nicht vorbeigehen. Das Zusammenspiel von autonomer (aber von Gott durchdrungener) Rationalität sowie heteronomer (aber in die menschliche Natur eingewobener) Normativität setzt freilich die ständige „Weiterbildung“ des Gewissens voraus – ein sich selbst verstärkender Prozess in Richtung moralische Wahrheit.

Wenn also in einem Gespräch die Rede davon ist, diese oder jene moralische Frage müsse „jeder für sich“ beantworten, kann man durchaus nicken, sollte aber hinzufügen: „Nachdem die betreffende Person mindestens drei Antworten aus der philosophischen und theologischen Ethik betrachtet hat“. Denn oft wurde bereits – auch in der Kirche – über gerade diese Frage nachgedacht – angestrengt, lange und systematisch. Das sollten wir uns zunutze machen und unser Gewissen ständig in die Fortbildung schicken.

 

Kurz gefasst

Das Gewissen ist die Ausprägungsinstanz einer subjektiven Moralität, die genau dann nicht in Beliebigkeit fällt, wenn sie mit objektiven Normen korrespondiert, die der Mensch zuvor als unverzichtbare Basis seiner Gewissensbildung akzeptiert hat. Und dies aus Vernunftgründen, aus Einsicht in die Notwendigkeit, aus Respekt vor der Wahrheit, die ihm von Gott, der die Wahrheit ist, offenbart wird. Der Mensch ist gerufen, einem derart gebildeten Gewissen zu folgen. Und zwar unabhängig davon, wie es sich „anfühlt“.

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