Würzburg

Das Baconische Projekt

Das Baconische Projekt, die totale Naturbeherrschung, sollte die Situation des Menschen in der Welt erträglicher gestalten. Dafür opferte es die teleologische Naturbetrachtung. Doch wo es keine Lebewesen eingeschriebene Interessen geben darf, lässt sich auch der menschliche Organismus nach Gutdünken manipulieren.

Baconisches Projekt.
Der Mensch in Einklang mit der Natur. Foto: adobe stock

„Nun sag, wie hast du‘s mit der Religion?“ Dies war eingangs des 19. Jahrhunderts die Frage des jungen Gretchens an Goethes Faust, seines Faches einflussreicher Wissenschaftler. Die Gretchenfrage, mit denen die heutigen Reichen und Mächtigen der Welt, zum Beispiel in Davos in der Schweiz, konfrontiert werden, ist etwas anders gelagert. Es ist die Frage nach der Natur oder der Umwelt.

Warnung vor Erderwärmung schon 1979

Die Anliegen der Umweltbewegung, welche jüngst die schwedische Schülerin Greta Thunberg als neue Galionsfigur auserkoren hat, sind nicht neu. Schon 1972 sprach der Club of Rome von den Grenzen des Wachstums, und 1979 veröffentlichte der deutsch-jüdische Philosoph Hans Jonas sein bedeutsames Werk „Das Prinzip Verantwortung“. Jonas warnte schon damals vor der Erderwärmung und spekulierte über Möglichkeiten einer klimaneutralen Energiewirtschaft. Prophetisch meinte er, dass wir uns nicht anschicken dürften, heute in Saus und Braus zu leben und dabei nicht nur die Lebensqualität, sondern gar die nackte Existenz zukünftiger Generationen aufs Spiel zu setzen.

Die Wurzel der absehbaren Krise war für Jonas die Baconische Sichtweise der Natur, oder, wie der amerikanische Theologe und Bioethiker Gerald McKenny es formuliert, das „Baconische Projekt“ der Naturbeherrschung. Der englische Empirist Francis Bacon (1561–1626) lebte noch zu einer Zeit, da niemand geneigt gewesen wäre, von der ungezähmten Natur oder Umwelt als von einem Zuhause zu sprechen. Der Mensch erlebte den Wald, das Meer, die wilden Tiere als feindliche Kräfte, vor denen er sich schützen musste. Wer sich als Wanderer im Wald verlief, konnte nicht hoffen, lange zu überleben.

Situation des Menschen in der Welt erträglicher gestalten

Zu vieler waren der feindlichen Mächte: von der Kälte, über Wölfe und Schlangen, Spinnen und jeder Summe an düsteren Fabelwesen, die zwar der Fantasie entsprangen, welche aber wiederum angespornt war durch die wirkliche Erfahrung des Ausgeliefertseins und der Bedrohung. Das gleiche galt für das Meer. Dass wir nicht den Menschen vor dem Wald und dem Meer schützen müssen, sondern vielmehr den Wald und das Meer vor dem Menschen, dies ist ein Gedanke, der erst gegen Mitte des letzten Jahrhunderts auftauchte, als die Menschen zum ersten Mal die Erfahrung machten, dass unsere neue technologische Zivilisation Auswirkungen auf unseren ganzen Planeten haben kann.

Das Baconische Projekt der totalen Naturbeherrschung, wie es in der technologischen Revolution des 17. Jahrhunderts seinen Anfang nahm, hatte und hat ein nachvollziehbares Anliegen: die Situation des Menschen in der Welt erträglicher zu gestalten (Gerald McKenny). Um dies zu ermöglichen, galt es für Bacon jedoch, systematisch von den Zielen in den natürlichen Dingen abzusehen.

Die vormals weitverbreitete, sogenannte teleologische Naturbetrachtung wurde nun als anthropomorphisch, das heißt als unwissenschaftliche Vermenschlichung nichtmenschlichen Seins verschrien. Ziele seien nicht in den Dingen. Sie seien nur im Wissenschaftler, der nun in Wirklichkeit ein Techniker geworden ist.

Nicht mehr das Was zählt, sondern das Wie

Während ein Wissenschaftler zuvor an der Frage nach der Natur der Dinge interessiert war, die zu großen Teilen auf die Frage, worum es den Dingen geht, hinauslief, so interessiert er sich heute, insofern er sich dem Baconischen Projekt weiterhin verpflichtet fühlt, primär dafür, wie die Dinge funktionieren, damit man sie manipulieren kann.

Nicht mehr das Was zählt, sondern das Wie. Überspitzt gesagt würde ein vorrevolutionärer Naturwissenschaftler, etwa im Stile eines Aristoteles, beim Studium einer Eiche danach fragen, unter welchen Bedingungen dieser Baum wächst und gedeiht, was er zum Leben und zum guten Leben braucht, was die ihm eigenen Neigungen und, analog gesprochen, „Interessen“ sind. Nach der technologischen Revolution hingegen wird ein Wissenschaftler im Sinne eines Francis Bacon vielmehr an der Beschaffenheit des Eichenholzes interessiert sein und an der Frage, was man alles damit bauen kann.

Während für Bacon die technologische Revolution noch anthropozentrisch war und auf den Nutzen für den Menschen ausgerichtet war, so hat sich diese jedoch im weiteren Verlauf verselbstständigt und macht nun auch vor dem Menschen nicht mehr Halt. Wenn es keine natürlichen Ziele gibt, keine in den Dingen und speziell in den Lebewesen selbst eingeschriebene Interessen, dann gibt es solche Ziele auch im Menschen nicht, und dann kann man den menschlichen Organismus nach Gutdünken manipulieren.

Risiken und Nebenwirkungen des Baconischen Projektes

Schaden und frustrieren kann man ja nur Wesen, denen es um etwas geht. Hier kommen sofort Themen wie Pubertätsblocker, sogenannte geschlechtsangleichende Operationen oder Beihilfe zum Selbstmord in den Sinn. Die Fruchtbarkeit oder das Leben selbst werden nicht mehr als natürliche Ziele angesehen, die dem Menschen als Menschen zu eigen sind. Dann kann man schon kleinen Kindern die Möglichkeit verbauen, je selbst einmal Vater oder Mutter zu werden und ihre zukünftige Fruchtbarkeit aufs Spiel setzen, als sei sie etwas gänzlich Beliebiges und Nebensächliches.

„Einer Natur, der es um nichts geht, kann man auch nicht schaden. Alles ist erlaubt; nichts wird sanktioniert.“

Dann kann man auch einen Verzweifelten in seiner Verzweiflung bestärken und ihn gar bei seiner größten Verzweiflungstat noch unterstützen, und dabei sogar behaupten, ihm etwas Gutes zu tun. Um es mit Jonas zu sagen: Einer Natur, der es um nichts geht, kann man auch nicht schaden. Alles ist erlaubt; nichts wird sanktioniert.

So sehr wir uns heute auch der Risiken und Nebenwirkungen des Baconischen Projektes bewusst sind; so sehr wir wissen, dass menschliches, durch Technologie verstärktes Handeln Auswirkungen auf den ganzen Planeten haben kann – so wenig scheinen wir doch an die Wurzel des Problems zu gehen, solange wir fortfahren, das Baconische Projekt auf den Menschen selbst anzuwenden, selbst da, wo uns im Falle anderer Lebewesen schon lange Zweifel kommen.

Wiederentdeckung natürlicher Ziele in allen Lebewesen

So ist ein beachtlicher Teil von Jonas’ „Das Prinzip Verantwortung“ ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der teleologischen Naturbetrachtung, das heißt für die Wiederentdeckung natürlicher Ziele in allen Lebewesen, den Menschen eingeschlossen. Dies ist später auch zu einem der Grundanliegen Robert Spaemanns (1927–2018) geworden.

Es erstaunt, dass es uns heute scheinbar leichter fällt, die Bedingungen gedeihenden Lebens bei Tieren zu definieren als bei Menschen. Sowohl in Tierparks als auch in der Nutztierhaltung gibt es klare Regeln für artgerechte Behandlung der Löwen und Tiger, der Rinder und Schafe. Diese Regeln werden aus der Natur des jeweiligen Tieres abgeleitet, ohne dass irgendjemand aufschreien würde, hier vollzöge man den sogenannten naturalistischen Fehlschluss, man leite aus einem Sein ein Sollen ab, aus einem Indikativ einen Imperativ, wenn man etwa sagt, dies ist ein Löwe und deshalb muss sein Gehege mindestens so und so viel Quadratmeter groß sein. Ein Löwe ist ein Wesen, dem es um etwas geht.

Interessenstrukturen menschlicher Natur erkennen

Und diese seiner Natur eigenen Interessenstrukturen gilt es soweit wie möglich zu achten, will man ihm keine Gewalt antun. Warum fällt es uns dagegen so schwer, die der menschlichen Natur eigenen Interessenstrukturen zu erkennen und anzuerkennen, wie zum Beispiel das Interesse, zu wissen oder überhaupt sinnhafterweise sagen zu können, wer die eigenen Eltern sind (Stichwort: künstliche Befruchtung oder auch Leihmutterschaft)? Menschen demonstrieren gegen genetisch modifizierten Mais und Lebensmittelhersteller werben damit, dass ihre Produkte frei von genetisch modifizierten Organismen sind. Wer demonstriert andererseits gegen die genetische Manipulierung des Menschen und Versuche, Mischwesen aus menschlichem und tierischem genetischem Material zu produzieren?

Wenn es gilt, die Ziele in der Natur wieder zu entdecken – und es ist ja das Verdienst der Umweltbewegung, uns daran zu erinnern – dann gilt es, diese Ziele auch und zuallererst im Menschen wiederzuentdecken. Ja, der Mensch kann sich an äußerst viele Umstände anpassen; er ist formbarer als jedes andere Lebewesen, instinktarm und von Natur her der kulturellen Prägung bedürftig. Und doch gibt es Bedingungen für gelingendes menschliches Leben. Es geht uns Menschen um etwas. Es gibt Ziele, die jeder Entscheidung vorausgehen, Interessenstrukturen, die wir nicht wählen, sondern die vielmehr unserem Wählen erst die Richtung geben.

Humanökologie zum Schutz des Menschen und der Natur

Diese haben zu tun mit dem Leben selbst, mit unserer Sexualität und Fruchtbarkeit, mit unserem Leben in Gemeinschaft und Streben nach Freundschaft, und schließlich mit unserer Suche nach der Wahrheit und dem Sinn des Lebens. Diese Güter oder Ziele gehören dem hl. Thomas von Aquin zufolge zu den fundamentalen Interessenstrukturen eines jeden Menschen. Sie sind in der menschlichen Natur verankert.

Eine durch das Baconische Projekte geformte Sicht des Menschen übersieht sie, weil diese Güter nicht im strengen Sinne herstellbar oder instrumentalisierbar sind. Wollen wir die Natur, verstanden als Umwelt, vor den Folgen des Baconischen Projektes der uneingeschränkten, manipulierenden Naturbeherrschung schützen, dann müssen wir anfangen, uns Menschen selbst, unsere menschliche Natur, vor der Anwendung dieses Projektes auf uns selbst zu schützen, und zwar ganz im Sinne der sowohl von Papst Benedikt XVI. als auch von Papst Franziskus betonten Humanökologie. Somit fängt Naturschutz an mit dem Schutz der menschlichen Natur.

  • Der Autor ist Professor für philosophische Anthropologie am Päpstlichen Theologischen Institut „Johannes Paul II.“ für Ehe- und Familienwissenschaften, Rom.
 

Kurz gefasst

Ein Verdienst der Umweltbewegung besteht darin, die Menschen daran zu erinnern, dass die Natur Ziele hat, die es wiederzuentdecken gilt. Nur gilt das auch für den Menschen selbst. Auch dem Menschen geht es um etwas. Auch der Mensch hat Ziele, Interessenstrukturen, die er nicht wählt, sondern die seinem Wählen Richtung geben. Zu ihnen zählen Sexualität und Fruchtbarkeit, das Leben in Gemeinschaft, das Streben nach Freundschaft, die Suche nach der Wahrheit und dem Sinn des Lebens. Thomas von Aquin zufolge gehören diese Ziele zu den fundamentalen Interessenstrukturen eines jeden Menschen, die in seiner Natur verankert sind. Eine durch das Baconische Projekt geformte Sicht des Menschen übersieht sie, weil sie weder herstellbar noch instrumentalisierbar sind. Dem gilt es sich – im eigenen Interesse – zu widersetzen.

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