Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung "Tagespost"-Serie zu den entscheidenden Fragen der KI

Mensch und KI verbinden sich

Müssen wir eine künstliche Super-Intelligenz fürchten oder sollen wir uns mit KI verbünden? Teil 2 der großen "Tagespost"-KI-Serie.
Mensch und KI verbinden sich
Foto: via imago-images.de (www.imago-images.de) | Kooperation oder Widerstand: Was ist der richtige Umgang mit KI?

Trotz KI-basierter wissenschaftlicher Fortschritte, insbesondere in der Quantenphysik, konnte bisher keine umfassende Theorie der Wirklichkeit zur Entschlüsselung ihres Wesenskerns entwickelt werden. Viele Rätsel unserer Welt, die durch binäre Codierung um ein virtuelles Metaversum erweitert wird, bleiben ungelöst. In der Digitalphilosophie wird deshalb ein Perspektivwechsel vom Objekt zum Subjekt vollzogen. Nun steht nicht mehr eine Erkenntnis der Außenwelt, sondern der Innenwelt des Menschen im Fokus. Worin besteht das Spezifische des menschlichen Bewusstseins? Im Bewusstseinsvermögen des Menschen wird der Schlüssel zur Welterkenntnis vermutet. Die Gegenstandswelt existiert in Abhängigkeit vom Bewusstsein, das mit seinen ordnenden Kategorien empirische Erfahrungen unserer Sinnesorgane auswertet. Durch diese einheitsstiftende Bewusstseinsleistung konstituieren wir aus Erscheinungen (Phänomenen) ein Weltverständnis.

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Bewusstsein setzt Intentionalität und Reflexion voraus, zwei Fähigkeiten, über die der Mensch, nicht aber künstliche Intelligenzagenten (KIA) verfügen. Intentionalität ist ein Ausgerichtet-Sein des Menschen auf Gegenstände, Eigenschaften und Sachverhalte, zu denen er Stellung nimmt und sich verhalten kann. Reflexion ist die Fähigkeit zur kritischen Prüfung und ermöglicht Selbstbesinnung. Nur der Mensch weiß, dass er so und nicht anders existiert; er verfügt über die Fähigkeit, sich reflexiv zu sich selbst zu verhalten und hat in diesem Sinne ein Selbstbewusstsein.

KI ist dumm und mächtig zugleich

Der Begriff "Künstliche Intelligenz" wurde 1956 auf einer Konferenz in Hanover, USA geprägt, bei der die Teilnehmer untersuchten, wie Maschinen menschliche Intelligenz simulieren können. Muss sich die Digitalforschung Jahrzehnte später eingestehen, dass sie trotz enormer Fortschritte in der Informationsverarbeitung an dieser Aufgabenstellung scheitert? Die Intelligenz des Homo sapiens sapiens ist reflexiv und intentional, der Mensch hat ein Bewusstsein, KI hingegen nicht. Zwar vermag KI auf atemberaubend schnelle Weise Programmbefehle zu erfüllen, aber sie weiß nicht, was sie tut, und hat keine Wahl es zu lassen. In diesem Sinn ist KI dumm und mächtig zugleich.

Ein KIA kann Programmbefehle für unterschiedlichste vom Menschen vorselektierte Problemstellungen ausführen, zum Beispiel Schachspielen oder Röntgenbilder auswerten, aber er kann nicht beides. Auf dem einen oder anderen Feld ist er den besten menschlichen Experten haushoch überlegen, aber er bleibt ein Fachidiot mit engem Problemlösungshorizont und wird deshalb als Artificial Narrow Intelligence (ANI) bezeichnet. Allerdings lernen diese thematisch begrenzten Expertensysteme dank sogenannter Deep Mind-Technologien mit rasanter Geschwindigkeit, sich eigenständig weiterzuentwickeln auf eine für Programmierer oftmals nicht mehr nachvollziehbare Weise. Dieser steigende Kapazitätszuwachs von KIA mit einhergehendem Kontrollverlust der Softwareingenieure ist der wesentliche Grund, warum zahlreiche KI-Forscher jetzt ein weltweites Moratorium der KI-Entwicklung fordern.

Die Suche nach einem Master-Algorithmus

Trotzdem sucht die IT-Industrie, mit Milliardenbudgets und einer Computerpower ausgestattet, die alle staatlichen Institutionen und Universitäten deklassiert, nach einem Master-Algorithmus für jede noch so komplexe Problemstellung, quer durch alle Wissensgebiete und Fachbereiche. Den Vorgeschmack einer solchen allgemeinen künstlichen Intelligenz (AGI) erleben wir derzeit mit Chat-GPT, dem für jedes Wissensgebiet alle digitalen Datensätze, ob fehlerhafte Pamphlete oder wissenschaftliche Uni-Paper für eine Auswertung per Mustererkennung zur Verfügung stehen. Damit entwickelt sich KIA vom Spezialisten zum Generalisten mit multidisziplinären Kompetenzen, über die kein menschliches Universalgenie verfügt.

Nun wissen wir aus praktischer Erfahrung um die Fehleranfälligkeit der GPT-Technologie; nicht jede Antwort stimmt, viele hingegen doch. Auch lernt KIA durch jede Korrektur und kann mit Kritik besser umgehen als so mancher Mensch. KIA kennt keine Eitelkeiten, er ist sich seiner Stärken und Schwächen nicht bewusst und erzeugt aufgrund seiner Informationsverarbeitungskapazität nur den Eindruck, als wäre er intelligent. Genau diese Simulation von menschlicher Intelligenz durch eine Maschine ist seit Anbeginn die Zielsetzung der KI-Forschung. Schiffe schwimmen, nicht so wie Fische, aber sie schwimmen; Flugzeuge fliegen nicht so wie Vögel, aber sie fliegen, KI-Maschinen denken nicht so wie Menschen, aber sie verarbeiten Informationen schneller und präziser als der klügste Mensch und erweisen sich damit als wichtige Verbündete im Überlebenskampf.

KIA als Verbündete im Überlebenskampf

So können wir eine Klimakatastrophe nur mit KI verhindern, da die Berechnung von Entwicklungsszenarien und Handlungsalternativen auf digitaler Informationsverarbeitung beruht. Wir stünden allen menschheitsgefährdenden Herausforderungen von der atomaren Bedrohung bis zur Pandemiebekämpfung hilflos gegenüber, da wir angesichts einer unüberschaubaren Datenfülle nur mittels KI die entscheidenden Problemlösungsmuster erkennen können. Deshalb ist abzuwägen, ob wir den digitaltechnologischen Fortschritt, der durch ein Moratorium ausgebremst würde, nicht zur Krisenbewältigung von morgen benötigen. Die Moratoriumsbefürworter befürchten hingegen, dass wir uns mit der Entwicklung einer AGI dem Wendepunkt der technologischen Singularität  nähern.

Ein solcher menschheitsgefährdender Kippmoment würde durch die Entwicklung einer künstlichen Superintelligenz (ASI) ausgelöst. ASI könnte als nächster KI-Entwicklungsschritt aus den Fähigkeiten einer AGI erwachsen, die größten menschlichen Intelligenzleistungen durch rekursive Selbstverbesserung und exponentielle Lernkurven auf allen Gebieten um ein Vielfaches zu übertreffen und selbst gesetzte Ziele auf hoch effiziente Weise zu erreichen. Bereits auf der Konferenz in Hanover wurde die Sorge formuliert, dass die Erfindung einer solchen ultraintelligenten Maschine die letzte Erfindung des Menschen wäre, da er hilflos zurückbliebe und die Kontrolle über die weitere Entwicklung verlieren würde.

Warnungen vor einer KI-Apokalypse

Exponierte KI-Forscher sehen einen solchen Kontrollverlust in absehbarer Zeit auf uns zukommen: es drohe eine KI-Apokalypse, durch die der Mensch als Krone der Schöpfung von KIA abgelöst würde. Eine solche Nahzeiterwartung ist unter Posthumanisten verbreitet; sie hoffen mit einem quasi-religiösen Fanatismus auf dieses singuläre Ereignis, das unsere Welt vom Menschen baldmöglich erlösen soll. Schließlich sind es Mitglieder unserer Spezies, die Kriege anzetteln, Artgenossen ausbeuten und missbrauchen, jeden Tag zwanzigtausend Hungertote in Kauf nehmen und die Welt an den Rand einer atomaren sowie klimatischen Katastrophe geführt haben. Die Hoffnung auf eine bessere Welt manifestiert sich in einer KI-basierten Superspezies, die den korrupten Menschen hinter sich lässt. In dieser posthumanistischen Vision werden wir unsere künstlich erzeugten Nachkommen lieben, da sie mit dem Besten der menschlichen Kultur programmiert sind und über keine negativen Wesenszüge verfügen, die den Frieden auf Erden stören könnten.

Angesichts dieses antihumanen Programms, das dem Menschen keine verantwortungsvolle Gestaltung seiner planetarischen Zukunft zutraut, stellt sich die anthropologische Frage in neuer Dringlichkeit: Wer ist der Mensch und was ist sein Platz in der Welt? Die posthumanistische Antwort ist eindeutig. Aufgrund seiner dramatischen Defekte soll er von einer hochqualifizierten KI abgelöst werden. Demgegenüber stellt der nicht nur im Silicon Valley verbreitete   Transhumanismus das menschliche Streben nach Glück, Erfolg und langem Leben in den Mittelpunkt und beklagt zugleich die krankheitsanfällige körperliche Konstitution des Menschen aus Fleisch und Blut, abfällig "Wetware" genannt. Digitaltechnologien sollen einer Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit (Human Enhancement) dienen, von der Zeugung bis zum Tod. Weitreichende genetische Eingriffe ermöglichen die Vererbung gewünschter Merkmale und die Ausrottung von Erbkrankheiten. Altern ist aus transhumanistischer Perspektive eine Krankheit und die Überwindung des Todes das visionäre Ziel.

Das Enden unseres Lebens ist ein Schutz vor Langeweile

Wäre es dem Menschen zu wünschen, dass er ewig leben könnte, oder beraubt er sich damit der Essenz seiner Existenz, weil doch gerade die Endlichkeit des Lebens eine Voraussetzung für dessen Sinnhaftigkeit sein könnte? Zumindest ist das Enden unseres Lebens ein Schutz vor Langeweile, Überforderung und Hoffnungslosigkeit, würde doch die Todlosigkeit ein dauerhaftes Leben in einer Welt bedeuten, die dem Paradies keineswegs entspricht. Mittels digitaler Technologien die Trostlosigkeit unserer Welt zu lindern ist hingegen ein allgemein zustimmungswürdiges Ziel. Beispielhaft genannt seien Brain-Computer-Interfaces, die das zentrale Nervensystem mit einem impulsgebenden Computer verbinden; Querschnittsgelähmte können nun wieder gehen und Taube dank digitaler Cochlea-Implantate hören. Die Verbindung des Menschen mit KI schreitet weiter voran, der Cyborg (Cybernetic organism) als maschinenverstärktes leib-geistiges Wesen ist mehr Science als Fiction und immer dann zu begrüßen, wenn dadurch die "Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden" gefördert wird (Hans Jonas).


Der Autor ist Philosoph, Wirtschaftswissenschaftler und Vizepräsident der Päpstlichen Stiftung "Centesimus Annus"

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