Schwangerschaftsabbruch

Eine intellektuelle Zumutung

Was von dem „Neuen Regelungsmodell für den Schwangerschaftsabbruch“ des Deutschen Juristinnenbunds zu halten ist. Eine Analyse.
Der Mensch entwickelt sich als Mensch
Foto: AdobeStock | Der Juristinnenbund tut so, als handele es sich bei einem Schwangerschaftsabbruch nicht um die Tötung eines ungeborenen Menschen.

Auf dem Instagram-Account des „Deutschen Juristinnenbundes“ (DJB) stellen Mitglieder seit Anfang Dezember täglich ein neues Buch vor. Einverstanden, in der ersten Woche waren auch zwei Comics dabei. Dennoch ist so ein Adventskalender, beim DJB nennt frau ihn „Winterkalender“, eine gute Idee. Bietet er doch neben der Chance, eine breite Öffentlichkeit auf wenig beachtete Literaten und Comic-Zeichner hinzuweisen, den Mitgliedern zugleich die Möglichkeit, auch selbst einmal „gesehen“ zu werden.

Natürlich könnte frau fragen, warum der „Winterkalender“ bereits läuft. Startet doch der kalendarische oder astronomische Winter, der sich nach dem Stand der Sonne richtet, heuer erst am 21. Dezember. Eine mögliche Antwort wäre, weil der meteorologische oder klimatologische Winter stets am 1. Dezember beginnt. Verhielte es sich so, müsste sich der „Winterkalender“ des DJB allerdings bis Ende Februar erstrecken. Schließlich beginnt der klimatologische Frühling stets am 1. März. Was in diesem Fall sicher nicht nur Comic-Zeichner freute, sondern auch mehr Juristinnen die Möglichkeit gäbe, „gesehen“ zu werden.

Rotzig und görenhaft

Wer sich außer in den „Winterkalender“ des DJB in das vergangene Woche veröffentlichte „Neue Regelungsmodell für den Schwangerschaftsabbruch“ vertieft, wird es allerdings genauso gut für möglich halten, dass sich der DJB auch bei seinem „Winterkalender“ nicht die Zimtstange um Stimmigkeit scherte. Frei nach dem Motto: Winteranfang? Papperlapapp. Was Ihr „Advent“ nennt, nennen wir einfach Winter. Warum? Weil wir es können! Verstehst Du? Nein? Macht nichts! Dein Problem!

Sprachlich gehobener, aber unter dem Strich nicht minder rotzig und görenhaft, ist der Duktus, in dem das 10-seitige Positionspapier verfasst wurde. Sein Inhalt ist schnell erzählt. Streichung des § 218 aus dem Strafgesetzbuch; Zulassung vorgeburtlicher Kindstötungen bis zur 25. Schwangerschaftswoche; Übernahme sämtlicher Kosten durch die Solidargemeinschaft der Krankenversicherten; Verpflichtung von Krankenhäusern und Kliniken, Abtreibungen anzubieten – andernfalls Ausschluss aus der Bedarfsplanung der Bundesländer; Bereitschaft zur Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen im Mutterleib als Einstellungsvoraussetzung für medizinisches Personal; Aufnahme der Durchführung vorgeburtlicher Kindstötungen in die Studienpläne medizinischer Fakultäten.

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Moralische Bankrotterklärung

Begründet wird das, was etwa die Bundesvorsitzende der „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA) e.V., Cornelia Kaminski, in einer ersten Reaktion als „moralische Bankrotterklärung“ und „intellektuelle Zumutung“ treffend charakterisierte, unter anderem wie folgt: „Das derzeitige Regelungsmodell des Schwangerschaftsabbruchs“ trage „dem Selbstbestimmungsrecht der schwangeren Person nicht hinreichend Rechnung“. Eine Schwangerschaft führe zu „erheblichen körperlichen und psychischen Veränderungen, die das Leben einer schwangeren Person stark beeinflussen“ könnten. „Durch die derzeitige Regelung“ werde „der schwangeren Person eine Pflicht zur Austragung des Fötus auferlegt und damit faktisch dem Fötus gegenüber der schwangeren Person ein ,Leistungsrecht‘ zugesprochen“. Woraus sich „eine solche Pflicht der schwangeren Person gegenüber dem Fötus“ ergeben solle, sei „unklar“.

Und weiter: „Mit der Bewehrung eines Verbots mit Strafe“ würden „die handelnden Personen mit einem sozialethischen Unwerturteil belegt“. „Ein solches staatliches Unwerturteil“ sei jedoch „bereits im Grundsatz ungeeignet, einen höchstpersönlichen Konflikt wie die Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung einer Schwangerschaft zu lösen“. „Der Erhalt (vermeintlicher) moralischer Wertvorstellung“ dürfe jedoch nach verfassungsrechtlicher Rechtsprechung nicht „das unmittelbare Ziel strafgesetzgeberischer Tätigkeit sein“.

Singuläres Ereignis der Menschheitsgeschichte

In Wirklichkeit verhält sich genau andersherum. Die Jungfrauengeburt, von der in der Heiligen Schrift berichtet wird, ist nämlich ein singuläres Ereignis der Menschheitsgeschichte. Schwanger werden konnte vorher und kann auch seitdem wieder nur, wer zuvor geschlechtlich verkehrt. Und auch das keineswegs jedes Mal: Um schwanger werden zu können, muss der Geschlechtsverkehr auch noch während der maximal sechs fruchtbaren Tage im Zyklus einer Frau erfolgen.

Heterosexuelle Paare, die auch während der fruchtbaren Tage der Frau nicht voneinander lassen wollen, wissen, dass sämtliche Verhütungsmethoden nur einen relativen und keinen hundertprozentigen Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft bieten. Wer also unter allen Umständen die Zeugung eines Kindes – weil unerwünscht – ausschließen will, hat genau zwei Möglichkeiten: Er muss entweder während der fruchtbaren Tage einer Frau geschlechtlich enthaltsam leben oder aber sich sterilisieren lassen. So oder so gilt: Nicht unerwünscht schwanger zu werden, ist nichts, was außerhalb des Menschenmöglichen läge. Es verlangt, auch wenn der Geschlechtstrieb zweifellos zu den stärksten Trieben des Menschen zählt und seine Beherrschung erst erlernt werden muss, von Menschen beiderlei Geschlechts nichts Unzumutbares.

Schwangerschaft ist kein Naturereignis

Eine Schwangerschaft ist also kein Naturereignis, das über ein Paar hereinbräche. Sondern eines, das gemäß dem Prinzip von Ursache und Wirkung von ihm selbst, ja sogar ausschließlich von ihm selbst, initiiert wurde. Und weil das so ist, kann hier auch niemand – anders als in dem höchst seltenen Fall einer Schwangerschaft nach Vergewaltigung – das Recht auf körperliche Selbstbestimmung der Frau noch nachträglich in Stellung bringen. Selbstbestimmung, setzt, wie das Kompositum anzeigt, ein Selbst voraus, das sich bestimmt. Und ein Selbst, das kein Kind will, bestimmt nur, wer auch jene Handlungen meidet, die zu diesem Ergebnis führen können. „Ungewollt“ schwanger zu werden, bedeutet also im Normalfall, dass sich ein Paar eben nicht selbstbestimmt verhalten hat. Kommt es zu einer ungewollten Schwangerschaft, dann nicht, weil dem Paar das Recht auf körperliche Selbstbestimmung verwehrt worden wäre. Sondern, weil es von ihm keinen Gebrauch machte. Zumindest keinen, der sich mit Absicht, kein Kind haben zu wollen, auch verträgt.

Im Grunde argumentiert der DJB wie jemand, der meint, er könne sich von Schokolade ernähren. Nehme er infolgedessen dessen in einer Weise zu, die ihm missfalle, ermögliche ihm das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, einen Arzt zu verpflichten, ihm das Fett abzusaugen und der Solidargemeinschaft die Kosten dafür aufzubürden. Mehr noch, weil es unzumutbar sei, dafür weite Strecken zu reisen, müsse der Staat ein flächendeckendes Netzwerk von fettabsaugenden Ärzten vorhalten. Einrichtungen, die sich weigerten, müssten die staatlichen Fördergelder entzogen werden. Die Bereitschaft, Menschen Fett abzusaugen, müsse zur Einstellungsvoraussetzung von Ärzten gemacht werden. Studenten der Medizin müssten bereits im Studium lernen, wie man Fett absaugt. Last but not least hätten sich Gesellschaft und Staat jedweden sozialethischen Unwerturteils zu enthalten.

Der Mensch entwickelt sich als Mensch

Natürlich ließe sich hier einwenden, nicht alles, was hinkt, sei auch schon ein Vergleich. Und genauso ist es. Aber wenn wir bereits die Forderungen eines Menschen, der meint sich von Schokolade ernähren zu können, sich zugleich jedoch für berechtigt hält, die Gesellschaft unter Berufung auf sein Recht auf körperliche Selbstbestimmung für die Beseitigung der Folgen heranziehen zu dürfen, mit Recht absurd finden – um wie viel mehr dann, wenn es sich, anstatt um Fett, um einen einzigartigen, unwiederholbaren, wehrlosen und unschuldigen Menschen handelte? Und genau das trifft hier zu. Dass der DJB so tut, als handele es sich bei einem Schwangerschaftsabbruch nicht um die Tötung eines ungeborenen Menschen, mag er vielleicht für „clever“ halten, ändert aber nichts an den Fakten.

Kein semantischer Trick vermag aus der Welt zu schaffen, was Biologie und Embryologie längst wissen: Etwa, dass sich der Mensch nicht „zum“ Menschen, sondern „als“ Mensch entwickelt. Dass während des Befruchtungsvorgangs aus den mütterlichen und väterlichen Chromosomen ein neuer Chromosomensatz hergestellt wird, der das einmalige, individuelle, genetische Entwicklungsprogramm eines neuen und einzigartigen Menschen – einschließlich seines Geschlechts – beinhaltet. Dass obwohl die befruchtete Eizelle für das bloße Auge noch unsichtbar ist, sie – schon vor ihrer Einnistung in die Gebärmutter – eine ganze Reihe komplexer Vorgänge wie koordinierte Zellteilung, Zellspezialisierung, Wanderung durch den Eilleiter sowie ein Selbstheilungsprogramm steuert, welches ihr das Erkennen und Abstoßen sich abnorm entwickelnder Zellen ermöglicht. Dass der neu entstandene Organismus bereits zwischen dem Vier- und Acht-Zellstadium biochemische Signale an den Organismus der Mutter sendet, die den embryo-maternalen Dialog einleiten und zu einer Umstellung des mütterlichen Organismus führen.

Empfindungen an der Wirklichkeit orientieren

Anders ausgedrückt: Lange bevor der Mutter überhaupt bewusst ist, dass sie schwanger ist, sorgen diese embryonalen Signale dafür, dass sich ihr Organismus auf Schwangerschaft umstellt. Auf diese Weise schafft sich die befruchte Eizelle selbst die Voraussetzungen für ihre erfolgreiche Einnistung. Oder dass der Fötus bereits zwischen der 9. und 10. Woche anfängt seinen Kopf zu drehen, mit seinen Händen zu greifen, am Daumen zu lutschen und Purzelbäume zu schlagen. Oder dass in der 12. Woche – hier endet bisher die Frist für die in Deutschland derzeit geltende Abtreibungsregelung – sämtliche inneren Organe des Fötus voll funktionsfähig sind und das ungeborene Kind schluckt, verdaut, uriniert, auf Lärm reagiert und schläft.

Es mag ja sein, dass ein Paar, das „nur“ Sex haben wollte, das dabei gezeugte Kind hernach nicht als Bereicherung seiner Zweisamkeit oder im besten Falle als Siegel seiner Liebe, sondern bloß als unerwünschte Nebenfolge seiner körperlichen Vereinigung oder gar als Bedrohung empfindet. Doch richtet sich die Wirklichkeit nun einmal nicht den Empfindungen von Menschen. Vielmehr ist der Mensch gerufen, seine Empfindungen an der Wirklichkeit zu orientieren. Und wenn es falsch und verwerflich ist, einen x-beliebigen Menschen zu töten, der einem nicht nach Leib und Leben trachtet, dann ist erst recht falsch und verwerflich, die Tötung eines wehrlosen und unschuldigen Menschen in Auftrag zu geben, dessen Existenz man selbst verursacht hat.

Das ist der Grund für das „sozialethische Unwerturteil“, das Eltern, die vorgeburtliche Kindstötungen beauftragen und Ärzten und Hebammen, die sie ausführen, zuteil wird. Der Gesetzgeber hat dieses Faktum nicht selbst kreiert, sondern – wenn überhaupt – in eine rechtliche Form gegossen. Zumal in eine, die seinem in der Verfassung verbürgten Schutzauftrag „Jeder hat ein Recht auf Leben“ (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1) allenfalls mehr schlecht als recht genügt.

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Themen & Autoren
Stefan Rehder Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V. Schwangerschaftsabbruch

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