Energiekrise

Atomkraft – Ja, bitte?

In Zeiten des Klimawandels erleben emissionsarme Kernkraftwerke eine Art „Revival“. Zudem wird
KINA - Atomkraftwerke sollen länger laufen
Foto: Armin Weigel (dpa) | Auch eine Kernkraft der Zukunft besitzt gravierende Schattenseiten.

Einige EU-Staaten bezweifeln, dass sich das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 ohne Atomstrom realisieren lässt. Auch Bill Gates investiert mit seiner Firma „TerraPower“ in Atomkraft. Und selbst Patrick Moore, Mitbegründer von Greenpeace, meint, wir bräuchten Atomkraft für den Klimaschutz. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte Moore bereits 2010: „Die Atomkraftwerke abschalten zu wollen, ist nicht nur unverantwortlich, wenn man sich die Energieversorgung anschaut. Auch was die Senkung der Kohlenstoffdioxidemissionen angeht, ist es falsch.“ Bereits 2001 wurde das Generation IV International Forum (GIF) gegründet, ein Forschungsverbund, der sich der gemeinsamen Erforschung und Entwicklung zukünftiger Kernkraftwerke verschrieben hat, die sicher, nachhaltig und wirtschaftlich sein sollen. Die ersten Reaktoren dieses neuen Typs sollen 2030 einsatzfähig sein.

Tatsächlich ist Atomenergie aufgrund geringerer Emissionswerte mehr oder minder klimafreundlich, doch aufgrund des Risikos eines Austritts tödlicher Strahlung zugleich hochgefährlich. Auch das Müll-Problem ist ungelöst. Bis 2010 hat die zivile Nutzung der Atomkraft weltweit insgesamt bereits 300 000 Tonnen radioaktiven Abfall verursacht. Die Endlagerung des Atommülls ist nicht sicher, von „Entsorgung“ kann also keine Rede sein. Der Abfall wird noch tausende Jahre strahlen und niemand kann heute sagen, welche Folgen das haben wird. Es gibt derzeit noch überhaupt kein Endlager für den Atommüll, es gibt nur „Zwischenlager“.

Atomenergie braucht  Ressourcen

Hinzu kommt: Auch die Atomenergie ist auf Ressourcen angewiesen, auf Uran. Die Uranvorkommen sind endlich, reichen aber immerhin noch etwa 200 Jahre. Weltweit gibt es derzeit etwa 400 Reaktoren, die vier Prozent der benötigten Primärenergie erzeugen. Zu 80 Prozent wird die Erzeugung der global erforderlichen Primärenergie mit fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl und Gas) bewältigt. Das würde bedeuten: Um den derzeitigen Bedarf decken zu können, müsste man das 20-fache an Kernkraftwerken bauen. Das würde die Ressourcen jedoch bereits nach wenigen Jahrzehnten erschöpfen.

Allerdings wäre das nur dann der Fall, wenn auch die Reaktoren der Zukunft mit Uran 235 betrieben würden. Könnte man auf das sehr viel häufiger vorkommende Uran 238 umsteigen, wären die Ressourcen praktisch unbegrenzt. Ein neuer Reaktortyp leistet dies: der Laufwellenreaktor. Allerdings hat auch er einen Haken: Als Kühlstoff wird flüssiges Natrium verwendet, das, durch menschliche Entscheidungen situativ gesteuert, in den Kühlkreislauf eingebracht wird. Ein fehleranfälliges Verfahren mit einem hochgefährlichen Stoff; Natrium ist leicht brennbar und reagiert heftig, wenn es mit Wasser in Berührung kommt.

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Wohin mit dem Müll?

Und der Müll? Der wird bleiben bzw. langfristig weiter zunehmen – bei ungelöstem Lagerproblem. Doch auch hier gibt es inzwischen eine technische Innovation, die möglicherweise Abhilfe schafft: der Flüssigsalzreaktor. Der soll nicht nur sicher sein und keinen Abfall mehr produzieren, sondern auch den alten schlucken. Was sich wie ein Wunder anhört, verbleibt womöglich in der Phantasie der Entwickler, denn für einige Konstruktionsanforderungen (etwa korrosionsresistente Materialien für Rohrleitungen) gibt es bislang noch keine überzeugende Idee.

Laufwellenreaktoren existieren bisher nur auf dem Papier (oder in der Computersimulation), bei den Flüssigsalzreaktoren gibt es bisher nur kleinere Forschungsanlagen. In der energiewirtschaftlich nötigen Dimension wurde noch keines der neuen Kraftwerkstypen gebaut. Ob das ökologisch sinnvoll wäre, ist sehr umstritten. Auch ökonomisch wäre ein Verbleib bei oder gar ein Ausbau der Atomkraft ein Irrweg: Wir haben hohe (und steigende) Kosten pro KWh (etwa 13 Cent), während erneuerbare Energie niedrige (und sinkende) Kosten aufweisen (Wind- energie: 4 bis 10 Cent, Solarenergie: 3 bis 12 Cent); bezieht man externe Effekte (also: Umweltkosten) mit ein, sieht die Bilanz noch schlechter aus.

Die Schattenseiten der Kernkraft

Auch eine Kernkraft der Zukunft besäße gravierende Schattenseiten. Orientierung vermag hier der verstorbene große katholische Philosoph Robert Spaemann zu geben. Jahrzehnte lang wandte sich Spaemann gegen die Nutzung der Kernenergie – aus Gründen des Lebensschutzes. Seine frühen Aufsätze zum Thema – „Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik“ (1979) und „Ethische Aspekte der Energiepolitik“ (1980) entstanden in einem geistigen Ambiente wachsender Sensibilität für Fragen des Natur- und Umweltschutzes: 1979 erschien Hans Jonas’ „Prinzip Verantwortung“, im gleichen Jahr gründet sich in Deutschland eine neue Partei – Die Grünen. In dieser Zeit wurden die Folgen der Endlichkeit fossiler Brennstoffe diskutiert, und das Atom schien eine günstige, saubere und praktisch endlos verfügbare Quelle für Licht und Wärme zu sein. Spaemann gehörte von Beginn an zu den Bedenkenträgern – mit einer bestechend klaren Argumentation, die philosophische und theologische Ideen in ihrer abstraktesten und allgemeinsten Form aufnimmt und überzeugend anwendet.

Spaemanns These lautet: „Wir haben nicht das Recht, über die Gefahren hinaus, die der Natur innewohnen – Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme usw. –, durch unsere Transformation von Materie zusätzliche Gefahrenquellen in unseren Planeten einzubauen.“ Allerdings: Was für die Atom- energie gilt, gilt zweifellos gleichermaßen für Kohle, Öl und Gas: Auch hier findet eine „Transformation von Materie“ statt, die geeignet ist, „zusätzliche Gefahrenquellen in unseren Planeten einzubauen“. Das allein kann es also nicht sein. Spaemann legt nach und begründet auf der Höhe des technik- und umweltethischen Diskurses, immer wieder auf Carl Friedrich von Weizsäcker rekurrierend, warum er die Kernenergie für prinzipiell lebensfeindlich hält: Ihr Funktionieren basiere auf Zerstörung, ihr wohne gleichsam der Tod bereits konstitutiv inne: „Es ist nicht von ungefähr, dass die erste Nutzung der Kernenergie ein Massenmord war, der Massenmord an den Bewohnern von Hiroshima und Nagasaki.“ Die Entfesselung der Kernenergie in der Atombombe sei der „Anfang des Unfriedlichen“ dieser Energie überhaupt, so dass die Rede von der „friedlichen Nutzung“ nur Augenwischerei bedeute, um an dieser Lebensfeindlichkeit vorbeisehen zu können. Spaemann hält die Kernspaltung für ein Phänomen, dessen Kraft wir in erster Linie deswegen ungenutzt lassen sollten, weil wir es nicht beherrschen. Auch wenn die Technologie das Risiko einer unkontrollierten Entfaltung von Atomenergie minimieren kann, wird es nie gleich Null. Und erst dann wäre eine Nutzung zu verantworten, denn man verwette nicht das Leben seiner Kinder, so Spaemann, auch nicht, wenn die Gewinnchance bei 99:1 läge.

Nebenwirkungen und Risiken

Ein wichtiges Anwendungsgebiet dieser Ideen im Kontext der Kernenergie ist der Diskurs um die „Zumutbarkeit der Nebenwirkungen“. Dazu gehören die Risiken eines GAUs ebenso wie das (nach wie vor ungelöste) Problem der Lagerung des Atommülls. Hier argumentiert Spaemann mit dem moraltheoretischen Begriff Zweck (der eben die Mittel nicht heiligt) und dem handlungstheoretischen Begriff Verantwortung (die hier generationenübergreifend zum Tragen kommt). Er betont, dass jeder Mensch nur insoweit handeln kann, „als andere zuvor ihm nicht seinen Handlungsspielraum durch exzessive Ausdehnung des ihren genommen haben“ und wir, die wir heute leben, nicht das Recht haben, „unsere augenblicklichen Wertschätzungen, also das, was uns wichtig erscheint, zum Maßstab dafür zu machen, was wir künftigen Generationen als natürliches Erbe hinterlassen“. Hier klingt sehr deutlich Jonas‘ „Imperativ des Gattungslebens“ an: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Was das im Fall der Kernenergie bedeutet, liegt auf der Hand: Billiger und CO2-emissionsarmer Strom heute ist angesichts der Hypothek für die Zukunft nicht gerechtfertigt. Wenn die Atomkraft eine „Brückentechnologie“ sei, dann müsse man, so Spaemann, diese Brücke „so schnell wie möglich überqueren, und das auch unter einschneidenden Opfern an Geld und Wohlstand“. Robert Spaemanns beachtenswerte Mahnung bleibt hochaktuell.

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