Familien

Wohnbedürfnisse von Familien: Schwieriges Wohnen

Die Wohnbedürfnisse von Familien brauchen mehr Beachtung seitens der Politik und der Stadtplaner.  
Der Traum vom Eigenheim rückt durch steigende Immobilienpreise oft in weite Ferne.
Foto: (www.imago-images.de) | Der Traum vom Eigenheim rückt durch steigende Immobilienpreise oft in weite Ferne.

 Wohnen gehört zu den Grundbedürfnissen von Menschen, wie Nahrung und Kleidung, das ist sowohl in der Politik als auch in der Wissenschaft unbestritten. Wie dieses Grundbedürfnis zu stillen ist, da gehen die Meinungen wohl auseinander. In Österreich ist gerade die Unterschriftenwoche für ein Volksbegehren zum Thema „Recht auf Wohnen“ zu Ende gegangen. Mit immerhin 134 664 Unterschriften haben die Betreiber des Volksbegehrens einen Achtungserfolg erzielt, denn ab 100 000 Unterschriften müssen in Österreich die Anliegen eines Volksbegehrens im Nationalrat (Pendant zum deutschen Bundestag) behandelt werden. 


Der genaue Wortlaut: „Die Republik hat grundsätzlich alle Staatsbürger bzw. Staatsbürgerinnen ab einem bestimmten Alter auf Antrag beim Erwerb oder der Erhaltung von Wohneigentum in Österreich z.B. durch zinslose Darlehen bedarfsorientiert zu unterstützen. Die Republik hat jedem Menschen in Österreich auf Antrag eine kostenfreie Unterkunft zur Verfügung zu stellen, wenn und solange dieser sich keine Unterkunft leisten kann.“


Explodierende Wohnkosten treffen auch Familien


Das Volksbegehren trifft den Nerv der Zeit. Bedürfnisgerechtes Wohnen ist gerade für Familien mit (mehreren) Kindern nahezu unfinanzierbar. Die Mieten steigen vor allem in den größeren Städten in astronomische Höhen. Eigentum zu erwerben ist ohne Erbschaft praktisch unmöglich. Seit August 2022 gilt in Österreich: Finanzierungen, also Kredite, gibt's nur dann, wenn die Familie 20 Prozent Eigenkapital einbringen kann. Der Traum vom eigenen Häuschen rückt damit für viele Familien in weite Ferne.


Dabei ist der soziale Wohnbau in Wien traditionell besonders ausgeprägt, was die Durchschnittsmieten in der Statistik senkt. Etwa jede vierte Wohnung ist eine sozial gebundene Mietwohnung. Jedoch sind gerade in den letzten Jahren die Ausgaben für wohnungspolitische Maßnahmen gesunken. Die Ausgaben der neun österreichischen Bundesländer für Wohnbauförderung sind seit dem Jahr 2014 rückläufig und lagen im Jahr 2018 mit 2,08 Milliarden Euro 18 Prozent unter dem Zehnjahresschnitt. Die durchschnittlichen Mietkosten pro Quadratmeter haben sich in den letzten zehn Jahren durchschnittlich von 5, 65 Euro (2008) auf 7, 83 Euro (2018) erhöht. Das entspricht einer Teuerung von 38, 6 Prozent. Dabei ist Wohnen in Salzburg weiterhin am teuersten (aktuell 9, 21 Euro/m²), die niedrigsten Mietpreise finden sich im Burgenland (aktuell 6, 06 Euro/m²).

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Noch ein Detail am Rande: Familien bevorzugen Neubauwohnungen, da diese in der Regel besser an die Bedürfnisse von Familien angepasst sind. Über 40 Prozent der Haushalte im Neubau sind Familien mit Kindern. Demgegenüber sind dies im Altbau nur etwas mehr als 22 Prozent. Paarhaushalte und Ein-Eltern-Haushalte sind in Alt- und Neubauten etwa gleich verteilt. Single-Haushalte finden sich tendenziell häufiger im Altbau.
Gefahrloses Spielen mit den Nachbarskindern, auf Bäume klettern, auf der Wiese Fußball spielen, nach Herzenslust lachen und Lärm machen dürfen: Diesen Luxus können sich viele Eltern gerade in der Stadt für ihre Kinder heute nur noch selten leisten. Kleine Wohnungen in Betonburgen mit lieblosen Spielflächen und Nachbarn, die bei der Polizei anrufen, weil Kinder wieder einmal zu laut im Hof gespielt haben. In der Theorie ist die große Bedeutung eines kindgerechten Wohnumfeldes als zentraler Lern- und Erfahrungsraum für eine gesunde kognitive, emotionale und soziale Entwicklung mittlerweile unumstritten. 


Wohnpsychologische Aspekte beachten


Je nach Lebensalter stehen dabei unterschiedliche Bedürfnisse im Zentrum: Während im Säuglings- und Kleinkindalter das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit im Vordergrund steht, spielt das Bedürfnis nach Rückzug und Privatheit in der Pubertät eine wichtige Rolle. Junge Menschen erweitern ihr „Homerange“ außerhalb des unmittelbaren Wohnbereiches. Praktische Berücksichtigung finden wohnpsychologische Aspekte im Rahmen des Konzepts der Sozialen Nachhaltigkeit. Im Jahr 2018 wurden von der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) neue Standards für Soziale Nachhaltigkeit entwickelt, die eine Messbarkeit dieses Aspekts und damit die Zertifizierung von entsprechenden Bauprojekten ermöglichen.


Ein gelungenes Beispiel für die Verwirklichung zahlreicher Aspekte sozialer Nachhaltigkeit im Bereich Familie ist das Wiener Baugruppenprojekt LiSA (Leben in der Seestadt Aspern), das 2015 fertiggestellt wurde. Es bietet die Möglichkeit, je nach Lebensphase die Wohnfläche zu ändern, indem Einheiten an- oder abgekoppelt werden können. Aus der Single-Wohnung kann eine größere Wohnung für das Wohnen als Paar werden oder aus der Familienwohnung eine geteilte Wohnung. So ist es etwa möglich, dass ein erwachsenes Kind, das eine eigene Wohnung beziehen möchte, in eine kleine Startwohnung gleich nebenan zieht, die eine abgeschlossene Wohneinheit mit eigenem Eingang ist, aber dennoch eine interne Tür zur Elternwohnung hat. In der Seestadt Aspern gibt es auch eine Reihe von Begegnungsräumen für alle Altersgruppen und Abenteuerspielplätze mit Sitzflächen, wo sich „Alt“ und „Jung“ zu einem Pläuschchen treffen können.


Als weiteres Beispiel wurde 2019 das Bauvorhaben einer gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft in Niederösterreich („Arthur Krupp“) gestartet. Das Konzept verbindet vier Viertelhäuser mit Garten und zwei Dachterrassenwohnungen und bietet klimaneutrale, „begrünte“ und günstige Familienwohnungen, die in ihrer Langlebigkeit an den Familienzyklus angepasst sind. „Viertel hoch zwei“ bietet zweigeschossige kompakte 5-Zimmer-Wohnungen, allerdings mit nur knapp 100 m². Das Besondere ist die Trennbarkeit der beiden Geschosse. Mit geringem Aufwand können aus der 5-Zimmer-Wohnung zwei 2-Zimmer-Wohnungen gemacht werden: als Startwohnung für die Kinder, für die Betreuung der Großeltern oder für die Untervermietung zur Aufbesserung der Pension. 

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Co-Housing als Prophylaxe gegen Einsamkeit


Vor 90 Jahren in Dänemark „erfunden“, ist Co-Housing heute als alternative Wohn- und Lebensform weltweit etabliert. Es bietet viele Vorteile, ist aber nur für kontaktfreudige Menschen mit hoher Toleranz eine echte Alternative. Beim Co-Housing leben mehrere Bewohner meist verschiedenen Alters unter einem Dach und teilen sich die Aufgaben des täglichen Lebens. Vergleichbar ist diese Lebensart mit Strukturen, die in einem Dorf vorherrschen. Jeder unterstützt jeden, bringt das in den Haushalt ein, was er am besten kann. Trotzdem hat jeder seine eigenen Rückzugsmöglichkeiten und entscheidet, wann er Gemeinschaft leben möchte. Um Konflikte zu vermeiden, gibt es Koch- und Reinigungspläne. Besonders für Familien, die Unterstützung brauchen und ältere Menschen, die keine Familie vor Ort haben, kann das zu einem gelungenen Mehr-Generationenprojekt werden. 


Die Beispiele zeigen, dass es bereits gute Ansätze gibt, Wohnen wieder zu einem Ort der Gemeinschaft zu machen und die anonymen Betonbunker, in denen jahrelang Menschen wohnen, ohne ihre Nachbarn zu kennen, der Vergangenheit angehören. Es bleibt für Familien aber noch die ungelöste Frage der Finanzierbarkeit. Das österreichische Parlament muss sich nun dieser Frage stellen.

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Alice Pitzinger-Ryba Deutscher Bundestag Österreichisches Parlament

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