Erziehung

Wer prägt mehr?

Vater und Mutter – für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder beide. Dabei geht es weniger um geschlechtsspezifische Rollenmodelle, sondern vielmehr um das biologische Geschlecht an sich
Väter und Mütter prägen ihre Kinder auf unterschiedliche Weise.
Foto: Uwe Umstätter via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Väter und Mütter prägen ihre Kinder auf unterschiedliche Weise.

 Wenn Babys Mutter und Vater gleichermaßen zur Verfügung haben, bevorzugen sie... beide“, meint der schwedische Familientherapeut Jesper Juul. Von der These, dass Mütter in den ersten drei Lebensjahren des Kindes wichtiger seien, hält er nichts. Sind Vater und Mutter damit nicht nur gleich wichtig, sondern letztlich austauschbar? So will Juul nicht verstanden werden. Seine therapeutische Erfahrung zeige seit einigen Jahrzehnten, dass Kinder, die zu beiden Eltern Zugang haben, „besser zurechtkommen und sich harmonischer entwickeln“. 
Vor allem in den ersten vier Jahren, während des entscheidenden Bindungsprozesses zwischen Eltern und Kind, müssten Kinder „beide ,Geschmacksrichtungen‘ erleben und integrieren“. Der Vorteil für die Kinder: eine Verdoppelung ihrer sozialen Kompetenzen. Daher ermutigt Juul in seinem Buch „Leitwölfe sein – liebevolle Führung in der Familie“ dazu, dass Eltern ihren Kindern Orientierung geben. „Das Geheimnis einer von Mutter und Vater gemeinsam ausgeübten Führung besteht darin, den Raum zu schaffen, dass ihre Verschiedenheit Wirkung zeigen kann.“

„Ein Junge braucht seine Mutter hier als Lotsin: sie hilft ihrem Sohn, seine Gefühle zu erkennen, zu benennen und mit ihnen umzugehen.“


Die Beziehung von Mutter und Vater zu ihrem Kind ist von Anfang an höchst unterschiedlich. Die Mutter empfängt das Kind und trägt es neun Monate bis zur Geburt aus. Danach ist sie ihm auch durch das Stillen physisch sehr nahe. Die starke innere, seelische Beziehung beginnt schon in der Zeit der Schwangerschaft. Oft wissen Mütter intuitiv, wie es ihren kleinen und großen Kindern geht. Der Vater dagegen erlebt Schwangerschaft und Geburt seines Kindes als Begleiter von außen. Er ist nicht körperlich betroffen und muss keine Rücksicht etwa beim Essen nehmen. Schon in der Schwangerschaft kann der Vater Kontakt zum Kind aufnehmen, aber der eigentliche Beginn seiner Beziehung liegt nach der Geburt und erfordert Eigeninitiative. Im weiteren Verlauf entwickelt sich eine Bindung und seine Beziehung zum Kind wächst.

Kinder schauen sich Männlichkeit und Weiblichkeit von den Eltern ab

Im täglichen Leben lässt sich leicht beobachten, dass Väter und Mütter tendenziell anders mit ihren Kindern umgehen. Während Mütter eher vorsichtig sind, dem Kind Geborgenheit, Schutz und Wärme geben, leben Väter Pragmatismus und Risikofreude vor. Väter ermutigen ihre Kinder, etwas Neues zu wagen, zum Beispiel vom Drei-Meter-Brett im Schwimmbad zu springen.
Für ihre Kinder sind die Eltern ein lebendiges Vorbild dafür, was es heißt, Frau oder Mann zu sein. Gerade für Jungen haben aktive, engagierte Väter angesichts der weiblichen Dominanz im Bildungsbereich eine immense Bedeutung. Jungen lernen von ihrem Vater, was Männlichkeit, und Mädchen von ihrer Mutter, was Weiblichkeit bedeutet. Es geht dabei nicht in erster Linie um Rollenmodelle, also darum, wie sich das Paar konkret Familien- und Erwerbstätigkeit aufteilt. In diesem Bereich hat sich viel getan. Die heutige Elterngeneration ist nicht mehr auf eine feste Rollenverteilung festgelegt, Frauen und Männer können sich dadurch auch persönlich weiterentwickeln. Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass eine Frau weder Führerschein noch Ausbildung hat oder Männer einen Bogen um den Wickeltisch machen.

Lesen Sie auch:


Anders als auf den ersten Blick zu erwarten, hat gerade der gegengeschlechtliche Elternteil einen großen Einfluss auf die gesunde Entwicklung des Kindes. Anhand konkreter Fallbeispiele aus ihrer mehr als 25jährigen Praxis beschreibt die amerikanische Kinderärztin und Familienberaterin Meg Meeker in den beiden Bänden „Starke Mütter – starke Söhne“ und „Starke Väter – starke Töchter“, wie Töchter von ihren Vätern geprägt werden und wie Mütter ihre Söhne zu außergewöhnlichen Männern erziehen. Meeker ist überzeugt, Jungen seien sensibler als Mädchen, aber der Verhaltenskodex der Gesellschaft schreibe ihnen vor, keine Gefühle zu zeigen. Da Jungen daraus oft den Schluss ziehen, sie dürften nie Wut, Trauer oder Einsamkeit empfinden, zeigen sie ihre Gefühle nicht und „werden dann wütend auf sich selbst, weil sie diese Emotionen überhaupt verspüren“. Ein Junge braucht seine Mutter hier als Lotsin: sie hilft ihrem Sohn, seine Gefühle zu erkennen, zu benennen und mit ihnen umzugehen.

Starke Mütter, starke Söhne - starke Väter, starke Töchter

Durch Befragungen zahlreicher Männer mittleren und fortgeschrittenen Alters gelangte Meeker zu der Formulierung, dass eine Mutter ein „Zuhause“ für ihren Sohn ist. Hier lernen sie Tugenden wie Mut, Offenheit und die Bereitschaft, anderen zu verzeihen. In zunehmendem Maß wird schließlich der Vater wichtiger für den Sohn, durch dessen Beispiel er das Mann-Sein lernt. Die Mutter sollte „hinter den Kulissen“ stehen und diese Beziehung fördern. Ein gesundes Loslassen ist ein Balanceakt, durch den Mutter und Sohn mehr Freiheit und sogar eine vertiefte Beziehung gewinnen, so Meeker.

Lesen Sie auch:


Mädchen hilft eine gute Beziehung zu ihrem Vater, eine starke selbstbewusste Frau zu werden. Der Vater als wichtigster Mann im Leben seiner Tochter sei ist nicht ersetzbar, bestimmte Dinge könne nur ein Vater seiner Tochter geben, betont Meeker. Dabei muss er nichts Außergewöhnliches vollbringen. Grundlegend ist, sich einfach Zeit zu nehmen. „Wenn Sie Ihrer Tochter jeden Tag nur zehn Minuten aufmerksam zuhören, hat sich Ihre Beziehung zu ihr nach einem Monat vollkommen gewandelt“, stellt Dr. Meeker in Aussicht. Die Selbstachtung der Tochter steigt und sie wird sicherer im Ausdruck ihrer Gefühle. 

Eltern sollen das vorleben, was sie für ihre Kinder wollen

Neben der regelmäßigen ungeteilten Aufmerksamkeit braucht ein Mädchen auch den Schutz, den Mut und die Weisheit seines Vaters, also dessen gesammelte Lebenserfahrung. Jeder Vater sollte sich fragen, welchen Mann er sich für seine Tochter wünscht: sicherlich einen integren Mann, der ehrlich und mutig ist, treu und zuverlässig. Dann, so die Autorin, sollte er genau das vorleben, denn die Tochter bezieht ihr Bild von Männlichkeit vom Vater.  Mann und Frau ergänzen sich in vielerlei Hinsicht. Selbstbewusst dürfen Eltern auch bei der Kindererziehung mit diesem Pfund wuchern – ihre Kinder danken es ihnen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Cornelia Huber

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Der Vorsitzende von Frankreichs Bischofskonferenz, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort, hat den katholischen Großerzbischof Schewtschuk und den orthodoxen Metropoliten Epifanij in Kiew ...
29.09.2022, 13 Uhr
Franziska Harter
Ein Gespräch mit dem Kölner Kardinal Rainer Woelki über den Synodalen Weg, den Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom und die Kölner Hochschule für Katholische Theologie.
28.09.2022, 17 Uhr
Regina Einig Guido Horst