Glaube und Familie

Was ist die Familie?

Die christliche Familie ist Kirche im Kleinen. Deshalb gilt es, die Familie zum Ausgangspunkt für alle pastoralen Überlegungen zu machen.
Menschen jubeln während des Angelusgebetes mit Papst Franziskus
Foto: Cristian Gennari (Romano Siciliani)

 Wie das vergangene Weltfamilientreffen im Juni dieses Jahres gezeigt hat, ist das Thema Familie ein zentrales Anliegen von Papst Franziskus. In „Amoris Laetitia“ schreibt er: „Das Wohl der Familie ist entscheidend für die Zukunft der Welt und der Kirche“. Mit fast demselben Wortlaut ruft Papst Johannes Paul II. am 22. November 1981 der Welt zu: „Die Zukunft der Welt und der Kirche führt über die Familie.“ Mit beiden Aussagen kommt die Aktualität, ja mehr noch die Notwendigkeit der Familie für die Zukunft und das Wohl der Menschheit, zum Ausdruck.
„Familie, was sagst du über dich selbst?“

In „Amoris Laetitia“ verweist Papst Franziskus nicht weniger als 42 Mal auf Aussagen und Texte des hl. Johannes Paul II., den „Papst der Familie“. Die Familie war das Anliegen, welches Johannes Paul II. sein ganzes Pontifikat hindurch begleitete. Bereits ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst hatte er 1979 mit einem sich über fünf Jahre erstreckenden Katechesenzyklus über den Menschen, seine Leiblichkeit und seine Sexualität begonnen. Vom 26. September bis 25. Oktober 1980 fand unter seiner Leitung die Weltbischofsynode mit dem Thema „Die christliche Familie“ statt. Am Fatimatag, dem 13. Mai 1981, hatte der Papst zwei wichtige Dokumente zur Veröffentlichung während der Mittwochsaudienz in seiner Tasche: Zum einen war es sein Anliegen, an der Lateranuniversität das Päpstliche Institut Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie zu gründen, zum anderen das Dokument zur Errichtung des Päpstlichen Rates für die Familien. Durch das Attentat auf sein Leben wurde die Gründung dieser beiden Einrichtungen fast verhindert. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass mit dem Attentat auf das Leben des Papstes auch ein „Attentat“ auf die Familienarbeit innerhalb der Kirche stattfinden sollte.

„Die Antwort der Familie lautet: Ich bin Ecclesiola, Hauskirche. Wir sind Kirche im Kleinen, berufen durch unser Familie-sein an der Verwandlung der Welt teilzuhaben und als Widerschein der dreifaltigen Liebe Gottes in der Dunkelheit zu leuchten!“

„Attentat“ auf die Familie

Am 22. November 1981 veröffentlichte Johannes Paul II. das nachsynodale Schreiben „Familiaris consortio“ über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute. Im Oktober 1994 begründete er die Weltfamilientreffen. Die Familie als „Zukunft der Welt und Kirche“, mehr noch als „Abbild der Dreifaltigkeit“ war ein zentrales Thema des polnischen Papstes in seinem über 26 Jahre währenden Pontifikat.
Vor dem Hintergrund des im Juni in Rom zu Ende gegangenen X. Weltfamilientreffens lohnt sich ein Blick auf den Beginn der Weltfamilientreffen. Seine Ansprache zum Weltfamilientreffen am 8. Oktober 1994 begann Johannes Paul II. mit einer Frage: „Familie, was sagst du über dich selbst?“ Diese Frage bringt sein Anliegen wie in einem Brennglas zum Ausdruck: Die wesentliche, ja die tiefste Frage, welche die Familie betrifft, kann nicht von außen her beantwortet werden, als ob die Familie irgendein Gegenstand intellektueller Reflexionen sei. 

Nein – die Familie selbst ist das Subjekt der Frage, sie ist es, die gefragt wird: Was sagst du über dich selbst? Wer bist du? Familie, warum bist du? Die Frage kam nicht von ungefähr. Johannes Paul II. nahm in dieser Ansprache die Frage von Kardinal Suenens zu Beginn des II. Vatikanischen Konzils auf: „Kirche, was sagst du über dich selbst?“ In seinen vorbereitenden Betrachtungen zu dieser Ansprache wurde dem Papst der Familie diese Parallele deutlich: Kirche und Familie. Die Analogie Kirche und Familie wurzelt in der frühen Kirche, in der nachapostolischen Zeit. Die Antwort der Familie lautet: Ich bin Ecclesiola, kleine Kirche, Hauskirche. Hier wird wieder eine Parallele deutlich: die Kirche in ihrer universellen und apostolischen Dimension und die Kirche in ihrer häuslichen, bergenden Dimension der Familie.

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Kirche und Familie stammen aus dem Herzen Gottes

Johannes Paul II. fährt fort: „Die eine wie die andere [Kirche und Familie] lebt aus denselben Quellen. Sie haben denselben Ursprung in Gott: in Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Mit dieser göttlichen Genealogie begründen sie sich durch das große Geheimnis der göttlichen Liebe. Dieses Geheimnis heißt Gottmensch Deus homo, Fleischwerdung Gottes, der die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen Eingeborenen Sohn dahingab, damit niemand, der Ihm nachfolgt, verloren gehe. Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Ein Gott, drei Personen: ein unauslotbares Geheimnis. In diesem Mysterium findet die Kirche ihren Ursprung und findet auch die Familie, die Hauskirche, ihren Ursprung.“


Hier wird deutlich, dass Ursprung wie auch Ziel der Kirche und der Familie identisch sind. Beide haben ihren Ursprung in der Gemeinschaft der göttlichen Personen, der Dreifaltigkeit, und ihr Ziel ist es, in der apostolischen und universellen Sendung der Kirche Licht zu sein. Deshalb ruft Johannes Paul II. den Familien zu: „Jede Familie trägt ein Licht, und jede Familie ist ein Licht, ein Leuchtfeuer, das den Weg der Kirche und der Welt in Richtung Zukunft erleuchten soll.“ Die Familie ist also Gabe und Aufgabe zugleich: Die Berufung der Familie ist es, ein Licht zu sein, das in der Dunkelheit leuchtet. Fast am Ende seiner Katechesen, denen er den Titel „Eine Theologie des Leibes“ gegeben hat, schrieb Johannes Paul II.: „Die Theologie des Leibes (…) wurzelt in gewissem Sinn in der Theologie der Familie und führt gleichzeitig zu ihr hin.“ Nicht nur der Leib „ist“ eine Theologie, nein, auch die Familie. In seinem Schreiben an die Frauen betont Johannes Paul II., dass gerade die Familie ein Abbild der Dreifaltigkeit ist.

Die Familie ist Berufung und Aufgabe

Auf diesem Hintergrund gilt es nun unseren Blick auf die Familie zu schärfen. Es scheint, dass ein Perspektivenwechsel angesagt sein könnte. Es gilt die Familie zum Herz und zur Mitte, ja zum Ausgangspunkt für alle pastoralen Überlegungen zu machen. Johannes Paul II. hat es so formuliert: Die Familie ist das Herz der Kirche. Damit gehört es zu den Aufgaben der Kirche, Familien zu stärken, zu ermutigen und auszurüsten, damit sie noch besser als christliche Familie leben können.


Vielen Familien mangelt es an Wertschätzung. Gerade von Seiten der Kirche, von Bischöfen, Priestern und Gläubigen brauchen Familien mehr Stärkung denn je, weil die Identität und das Selbstwertgefühl der Familie bedroht und nahezu verloren gegangen ist. Gerade dieses Selbstwertgefühl braucht die Familie heute, um wieder leuchten zu können. Es braucht wahre Diener der Familien – in allen Bereichen der Kirche. Denn: Woher kommen die Ordens- und Priesterberufungen, die Mitarbeiter in den Diözesen, den Pfarreien, die Mitglieder in geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, wenn nicht aus der Familie? Wodurch werden Ehepaare gestützt? Wie kann die Kirche den Familien die frohe Botschaft näherbringen, dass sie Abglanz der Dreifaltigkeit sind? Wie kann das „Familie – werde, was du bist“ in Ehe und Familie konkret werden? 
Es muss für die Kirche Priorität sein, Orte auszubauen und zu unterstützen, an denen Familien gestärkt werden, an denen sie sich als Hauskirche erleben können, Orte der Ausbildung, des Austausches, des „Familie-Seins“. Es sind Orte, in denen die Familie selbst eine Antwort gibt auf die Frage: „Familie, was sagst du über dich selbst?“ Die Antwort der Familie lautet: „Ich bin Ecclesiola, Hauskirche. Wir sind Kirche im Kleinen, berufen durch unser Familie-sein an der Verwandlung der Welt teilzuhaben und als Widerschein der dreifaltigen Liebe Gottes in der Dunkelheit zu leuchten!“

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