Psychologie

Stefan Peck: Die Arbeit am Inneren Kind

Tragfähige Bindungen eingehen und gelungene Beziehungen leben - darüber spricht der Inneres-Kind-Coach Stefan Peck spricht mit der „Tagespost“.
Schmerzhafte Erlebnisse aus der Kindheit können ein Hindernis für gelungene Beziehungen sein.
Foto: Christian Ohde via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Schmerzhafte Erlebnisse aus der Kindheit können ein Hindernis für gelungene Beziehungen sein.

Herr Peck, was ist das Innere Kind?


Mit dem Inneren Kind ist in der Psychologie jener Teil unserer Persönlichkeit gemeint, der kindliche Erfahrungen in sich trägt. Wenn wir uns als Kind zum Beispiel nicht beachtet, nicht wertgeschätzt oder unsicher gefühlt haben, gibt es das nicht beachtete oder nicht wertgeschätzte oder sich unsicher fühlende Kind in uns. Alle negativen Glaubenssätze, die wir daraus abgeleitet haben, wie: Ich bin nicht gut genug, niemand mag mich etc. sind in diesem Kind in uns zu finden. Das Innere Kind speichert unbewusste emotionale Erfahrungen, Prägungen und Glaubenssätze aus unserer Kindheit in unserem Gehirn.


Warum ist es wichtig, sich diesem Inneren Kind zuzuwenden?


Jeder von uns hat etwas erlebt, das schmerzhaft war. Es muss nichts Dramatisches sein. Es reicht, dass ich mich als Kind nicht sicher gefühlt habe oder Erziehungsmethoden da waren, die, wie wir heute wissen, uns in unseren Bindungen verletzen, wie zum Beispiel das früher übliche Schreienlassen des Babys bis es einschläft oder eine große Strenge und Hierarchie in der Erziehung. Wenn wir uns dessen nicht bewusst werden, das nicht verarbeiten und den negativen Glaubenssätzen nicht widersagen, belastet das unser Leben und unsere Beziehungen. Wie wir als Erwachsene Beziehungen führen, hat sehr viel damit zu tun, wie wir unsere ersten Beziehungen erlebt haben: Wie musste ich sein, was musste ich tun oder sein lassen, um geliebt zu werden und Nähe zu bekommen? Durfte ich Gefühle äußern? Diese ersten unbewussten Bindungen prägen uns unfassbar und die Erfahrungen spiegeln sich im Leben als Erwachsene wider. Darum ist es so extrem wichtig, sich diesem Kind und seinen Emotionen zuzuwenden.


Wann weiß ich, dass es — endlich oder wieder — so weit ist?


Immer dann, wenn es weh tut, wenn wir mit dem Partner ständig in Konflikte geraten, gemobbt werden, wenn es gesundheitlich hakt … und vor allem dann, wenn sich etwas ständig wiederholt. Das Leben präsentiert uns Themen von uns selbst so lange, bis wir sie anschauen. Oder im schlimmeren Fall: bis unser Körper es ausbadet. Wenn ich also emotional getriggert werde, mich ungeliebt, nicht wahrgenommen, nicht verstanden fühle und Ähnliches, dann ist das Innere Kind am Start.


Manche Menschen lenken immer ab, wenn ein Gespräch in die Tiefe geht und einen mit Emotionen konfrontiert …


Dann sind Schutzmechanismen sehr stark, die sich mir wie ein Stoppschild in den Weg stellen. Jemand spürt etwas, das ihn unbewusst an die Kindheit erinnert, und sagt: Das will ich nicht mehr. Denken wir an unsere Großeltern, die Erfahrungen und Emotionen aus dem Krieg verdrängen mussten, um psychisch zu überleben und dieses Verdrängen dann vorgelebt und an unsere Eltern vererbt haben. Verdrängen ist wie ein Druckkochtopf: Der Druck nimmt zu, und wenn er zu groß wird, werden wir depressiv oder brennen aus. Solche Schutzmechanismen greifen auch darum so sehr, weil wir nicht wissen, wie wir mit Emotionen umgehen sollen.


Nämlich?


Man muss zunächst das Bewusstsein für das Thema schaffen. Dafür braucht es einen sicheren Rahmen. Wenn mir nicht bewusst ist, dass meine Reaktionen sehr viel mit meiner Kindheit zu tun haben, kann ich auch nicht die Verantwortung dafür übernehmen. Wenn ich jemanden habe, der mir zuhört und hilft, bei dem ich mich sicher fühle, kann ich leichter über diese Schutzmechanismen hinweggehen.


Aber was macht man konkret mit den Emotionen?


Es geht erst einmal darum, zu erkennen, wann ich warum und wie reagiere. Was macht mein Körper? Es ist wichtig, sich zu erlauben, sein zu lassen, was da ist — und da auch hinzuschauen und hineinzufühlen. 
Eine Klientin sagte mir mal: „In meiner Beziehung stimmt grad was nicht. Wir geraten oft aneinander und ich traue mich nicht so zu sein wie ich sonst bin, wenn ich mit unserer Tochter allein oder unter Freunden bin. Irgendwas ist da, das mich immer klein fühlen lässt.“ Wir stellten fest, dass ihr Vater immer sehr dominant und aufbrausend war. Dadurch hat sie gelernt, sich zurückzunehmen. Die Beziehung von damals projiziert sie nun auf ihren Mann. Wenn man etwas verändern will, muss man lernen, das Innere Kind an die Hand zu nehmen. Das hat sie getan, hat diesem Teil ihrer Persönlichkeit erlaubt, so zu sein, wie er ist und ihm zuzusprechen: Es ist nicht mehr gefährlich. Gehirn und Nervensystem glauben ja, es sei wie damals. Durch den Kontakt zum Inneren Kind lernt das Gehirn, dass die Situation heute eine andere ist. Die Klientin hat gelernt, ihre Emotionen zu benennen. Wenn jemand Eltern mit einer ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeit hat, muss man meist den Kontakt (zunächst) abbrechen. Das schafft er aber erst, wenn er in der Inneren-Kind-Arbeit erst seinen Selbstwert gestärkt hat, denn ein Mensch, der solche Eltern hat, ist oft emotional sehr abhängig von ihnen.

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Was hat diese Innere-Kind-Arbeit mit unserer Gottesbeziehung zu tun?


Wenn ich nicht bereit bin, die Verantwortung für mein Leben, für das, was emotional seit meiner Kindheit in mir lebt, zu übernehmen und mich darum zu kümmern, schiebe ich Verantwortung von mir auf andere oder auf Gott. Das ist keine Grundlage für eine gute (Gottes-)Beziehung


Inwieweit kann das ein Hindernis sein, dass sich der Plan Gottes für unser Leben nicht entfalten kann?


Wenn wir uns nicht uns selber zuwenden, haben Emotionen Macht über uns. Zudem blockiert uns das Nicht-Hinschauen. Wir sehen nicht, was in uns ist, weil wir so sehr im inneren Kampf mit uns selbst und so sehr in uns gefangen sind, dass sich das, was in uns hineingelegt ist, nicht entfalten kann. Erst, wenn wir uns uns selbst zuwenden, tauchen wir ein in den Fluss des Lebens. 


Was können Eltern tun, damit ihre Kinder mit ihrem Inneren Kind in Kontakt kommen?


Eltern müssen zuerst ihr eigenes Kind an die Hand nehmen. Die meisten Verletzungen, die Kinder erfahren, sind Bindungsverletzungen, die dadurch passieren, dass wir selber nicht im Klaren über und nicht im Reinen mit unseren eigenen Emotionen sind. Kinder spüren, wenn Eltern Stress haben. Eltern müssen lernen, ihre Emotionen auszusprechen. Damit entlasten sie die Kinder und schaffen Klarheit darüber, was in ihnen los ist. Es reicht zu sagen: „Ich bin wütend, gestresst, verletzt, enttäuscht, überfordert.“ Und dann, das ist sehr wichtig, auch: „Aber ich kümmere mich darum.“ Wir müssen vorleben, dass wir Verantwortung für uns übernehmen.


Haben Sie ein Beispiel, wie sich das Leben verändert, wenn man sich mit dem Inneren Kind beschäftigt hat?


Das ist immer ein langsamer Prozess. Die Klientin, von der ich eben erzählt hab, hat gelernt, das Innere Kind an die Hand zu nehmen, sich nicht zu verstecken, sondern innerlich zu stehen. Neulich sagte sie, dass sie sich so gut fühlt, weil sie zum ersten Mal in einem Konflikt sagen konnte, was und wie sie fühlt. Das hat sie bei ihrem Vater nicht dürfen. Jetzt hat sich das Konfliktverhalten der beiden total gewendet. Es sind immer kleine Schritte, die man geht, aber die sind dann sehr, sehr nachhaltig.

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Dorothea Schmidt

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