Soziale Medien

Sicher unterwegs in der virtuellen Welt

Die vor kurzem an die Öffentlichkeit gebrachten Facebook-Dokumente zeigen, dass soziale Medien die mentale Gesundheit von Jugendlichen stark bedrohen. Wie ein gesunder Umgang damit aussehen kann.
Jugendlicher mit ipad
Foto: dpa | Schon früh werden Kinder und Jugendliche mit gewaltsamen und pornographischen Inhalten auf den sozialen Medien konfrontiert.

Es hat eingeschlagen wie eine Bombe. Mit der Veröffentlichung interner Dokumente hat die ehemalige Mitarbeiterin Francis Haugen Facebook ganz schön zugesetzt. Der Großkonzern selbst hatte die Akten auf Nachfrage von Politikern nicht herausgeben wollen. Nun sorgen sie umso mehr für „Bad Press“. Das Wall Street Journal hat in einer Artikelserie die brisanten Inhalte veröffentlicht, die zeigen, dass insbesondere Instagram, das zu Facebook gehört, die mentale Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen stark gefährdet.

So dokumentiert eine Präsentation aus dem Jahr 2020, dass Instagram bei 32 Prozent der Nutzerinnen Komplexe bezüglich ihres Körpers verstärkt haben. Verschiedene junge Frauen berichten dem Journal, dass sie so in eine Essstörung abgedriftet seien. Dass Instagram bei jungen Menschen Selbstzweifel auslöst, liegt daran, dass der soziale Druck dort stärker ist als bei anderen Medien, da durch den Fokus auf Bilder und Videos vor allem das eigene Aussehen und die besten Momente des eigenen Lebens dargestellt werden, wie die Recherche des Konzerns ergibt. Das bestätigt auch eine Studie aus den USA und Großbritannien unter Jugendlichen: Mehr als 40 Prozent der befragten Instagram-Nutzer gab an, sich durch die Benutzung der App unattraktiv zu fühlen oder generell einfach „nicht gut genug“.

Facebook und die mentale Gesundheit

Das „Wall Street Journal“ wirft Facebook nun vor, dass es „minimale Bestrebungen“ anstelle, um diese Probleme zu lösen und sie in der Öffentlichkeit herunterspiele. Denn Facebook-Gründer Mark Zuckerberg betonte im Frühjahr dieses Jahres noch: „Die Recherche zeigt, dass das in-Kontakt-treten mit anderen Personen über soziale Medien Vorteile für die mentale Gesundheit bringen kann.“ Die von der Firma zurückgehaltenen Dokumente beweisen nun das Gegenteil. Aber: Wie kann ein gesunder Umgang mit sozialen Medien angesichts der potenziellen Gefahren aussehen?

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Die Medienpädagogin Rebecca Michl-Krauß von der EU-Initiative „klicksafe“ betont im Gespräch mit der „Tagespost“, dass Jugendliche soziale Medien zur Bewältigung elementarer Entwicklungsaufgaben nutzen. „Durch Likes oder Kommentare sieht man: Wie sehen andere mich? Wer bin ich? Werde ich akzeptiert? Das birgt aber auch das Risiko, dass man neben positivem Feedback beispielsweise mit Mobbing und mit sexueller Belästigung konfrontiert wird.“ Junge Menschen, insbesondere junge Frauen sollten daher darauf achten, welche Bilder oder Videos sie von sich ins Netz stellen. Allerdings posteten viele Influencerinnen, Schauspielerinnen und Models freizügige und bearbeitete Bilder von sich, die den Mädchen zum Vorbild dienten und den Nutzerinnen vermittelten: „So musst du aussehen, um erfolgreich zu sein.“ Um sich nicht mit unrealistischen Idealbildern zu vergleichen, empfiehlt Michl-Krauß, zum Beispiel Hashtags wie „Body positivity“, „no make up“ oder „body love“ zu folgen. „Dort zeigen sich auch Nutzerinnen und Nutzer, die ganz natürlich auftreten. Das kann helfen, dass Heranwachsende ein realistischeres Körperbild erfahren und so wiederum ein gutes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper entwickeln können.“

Selbstwertgefühl der Kinder stärken

Die langjährige Mitarbeiterin und Referentin Karima Okura bei „Love is More“, eine christliche Initiative, die insbesondere gegen Pornographie im Netz vorgehen möchte, rät Eltern in Bezug auf Selbstkomplexe ihrer Kinder dazu, sie in ihrem Selbstwert zu bestärken: „Der beste Schutz vor beispielsweise einer Essstörung ist, das Kind von klein auf in seiner Identität und seinem Selbstwert zu bestärken, damit es gut durch die turbulenten Jugendjahre kommt. So hilft es, mit seiner Tochter beispielsweise darüber zu sprechen, dass sie wertvoll ist.“ Okura sieht auch das Problem, dass die Hemmschwelle für beleidigende Kommentare im Internet niedriger ist: „Die Anonymität im Internet verleitet viele dazu, sich im Netz ganz anders zu benehmen, als sie es im persönlichen Umgang mit anderen tun würden. Da werden dann oft Dinge gesagt, die man einem Gegenüber in der Realität nicht sagen würde. Die Eltern und der persönliche Glaube können aber dazu beitragen, dass Jugendliche sich nicht nur selbst annehmen können, sondern es ihnen auch gelingt, anderen Menschen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen. Das kann ich aber nur, wenn ich weiß, dass ich selbst geliebt werde. Und darum geht es ja eigentlich: Jesus liebt mich, deswegen kann ich auch anderen in Liebe begegnen.“

Doch Zweifel bezüglich des eigenen Aussehens und beleidigende Äußerungen sind nicht die einzigen Probleme, mit denen Jugendliche durch soziale Medien konfrontiert werden. Auch pornographische Inhalte und gewaltsame Videos tauchen trotz Verbot auf den zu Facebook gehörenden Plattformen immer wieder auf. Berichte von Mitarbeitern legen dar, dass auf Facebook Videos von Morden oder gewaltsamen Übergriffen zu finden sind, auf Instagram werden Nutzern ohne Anfrage pornographische Bilder und Videos privat zugesendet.

Kinder im Netz begleiten

Um die eigenen Kinder vor solchen Inhalten zu schützen, rät Michl-Krauß, dass die Eltern ihre Kinder bei der Einrichtung eines Social media accounts begleiten und mit ihnen gemeinsam die Sicherheits- und Privatsphäreeinstellungen festlegen. Dafür sei es allerdings wichtig, dass sich Erwachsene selbst mit den verschiedenen Plattformen beschäftigen und sich informieren.

Den Gebrauch von sozialen Medien pauschal zu verbieten, hält Michl-Krauß für keine sinnvolle Maßnahme: „Eltern müssen verstehen, warum soziale Medien im Alltag von jungen Menschen eine große Rolle spielen.“ Allerdings sei es notwendig, Kinder und Jugendliche beim Gebrauch der sozialen Medien zu begleiten, indem man sich zum Beispiel zeigen lasse, wem das Kind auf den verschiedenen Kanälen folgt und im Gespräch darüber zu sein. Neben der Überprüfung der Inhalte, die das Kind konsumiert, seien klare Regeln über den Nutzungszeitraum ein wichtiger Faktor im Umgang mit sozialen Medien oder dem Smartphone allgemein. Eine Möglichkeit, ein Nutzungszeitfenster festzulegen, sind Zeitsperren für bestimmte Apps oder das gesamte Handy.

Facebook hat reagiert

Auf die Kritik, die auf Facebook nun einhagelt, hat der Konzern bereits erste Reaktionen gezeigt: Konten von unter 16-jährigen Nutzern werden bei der Registrierung nun automatisch auf „privat“ gestellt, das heißt nur Personen, deren Anfrage sie bestätigen, können die geposteten Inhalte sehen. Außerdem soll es die Möglichkeit geben, die App zu pausieren. Der Plan, eine Version für jüngere Nutzer zwischen zehn und 13 Jahren einzurichten – Instagram ist bisher nur für Nutzer ab 13 Jahren erlaubt, auch wenn die App keinen Altersnachweis erfordert – ist erst einmal auf Eis gelegt.

Michl-Krauß begrüßt die neuen Maßnahmen, auch wenn sie bei der Durchführung noch Verbesserungspotenzial sieht: „Es ist sehr gut, wenn Profile automatisch privat und nicht mehr automatisch öffentlich sind. Das ist ein gewisser Schutz vor ungewollten Kontaktaufnahmen und davor, dass nicht jeder das Profil und alle Inhalte, also Fotos oder Videos, sehen kann.“ Allerdings sei bei allen Maßnahmen, die sowohl Eltern als auch Soziale Medien-Anbieter selbst ergreifen, das Gespräch mit den Jugendlichen darüber entscheidend. Denn letztlich bedeute die automatische Privatisierung des Accounts für Jugendliche erst einmal eine gefühlte Einschränkung, da sie weniger Likes und Kommentare erhalten. „Wenn sie die Sinnhaftigkeit nicht nachvollziehen können, werden die jungen Nutzer ihren Account schnell wieder auf öffentlich stellen. Deswegen sind diese Maßnahmen grundsätzlich gut, müssen aber immer Hand in Hand gehen mit Aufklärung. Und je enger der Austausch zwischen den Eltern und Kindern über Erfahrungen in sozialen Medien ist, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass Kinder sich letztendlich bei Problemen an ihre Eltern wenden.“

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