Kinderreichtum

Religion und Demografie

Kirchliche und säkulare Akteure können bedingt zusammenarbeiten.
Auswirkung auf Geburtenrate in Westafrika
Foto: CNA/Martha Calderon | Das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ hat überprüft, wie sich religiöse und kulturelle Normen auf die Geburtenrate in Westafrika auswirken.

Im Auftrag der „Konrad-Adenauer-Stiftung“ hat das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ den Einfluss von Religion, Religiosität und kulturellen Normen auf Kinderwunsch und Nachwuchszahlen in Westafrika untersucht und wirbt für eine Zusammenarbeit religiöser und säkularer Akteure. Dort wird sich die Bevölkerung bis 2050 von 402 Millionen auf 797 Millionen Menschen nahezu verdoppeln.

„Die Gründe für den Kinderreichtum sind vielfältig“, führte Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, letzte Woche bei der mehrsprachigen Online-Präsentation der Studie aus. Religion beeinflusse die Fertilität, aber Religionszugehörigkeit und hohe Kinderzahlen gingen nicht immer zusammen, lautet ein Studienergebnis. So seien im mehrheitlich christlichen Ghana und im mehrheitlich muslimischen Sierra Leone fast 100 Prozent der Menschen religiös, aber mit durchschnittlich 3,9 respektive 4,2 Kindern sei die Geburtenrate geringer als im westafrikanischen Durchschnitt. Demographen, Ökonomen und Sozialwissenschaftler weisen darauf hin, dass sozioökonomische Entwicklung und der Bildungsstand ebenfalls die Kinderzahl beeinflussen. Das Interesse der Studie gilt auch den religiösen Ansichten zur Weitergabe des Lebens. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in den 16 westafrikanischen untersuchten Ländern sind Muslime oder Christen; nur ein verschwindend geringer Anteil der Bevölkerung gehört indigenen afrikanischen Religionen an. Ausnahmen bilden Togo und Benin, wo der Anteil von indigenen Religionen bei um die zehn Prozent liegt.

Familienplanung im Islam

Nach einer weit verbreiteten Meinung lehne der Islam Familienplanung im Sinne von Verhütung oder Begrenzung der Kinderzahl ab, erklärt die Studie weiter. Einige islamische Strömungen hielten Familienplanung und Glaube für vereinbar und empfählen einen größeren Abstand zwischen den Geburten oder eine Begrenzung der Familiengröße. Laut der Studie betonten protestantische Traditionen die Gleichheit von Männern und Frauen vor Gott. Frauen sollten ein selbstbestimmtes (Familien-)Leben führen und bewusst über Verhütung oder Familienplanung entscheiden können. Die Haltung der katholischen Kirche zur Familienplanung wird auf das Schlagwort „Enthaltsamkeit statt Verhütung“ verkürzt, ohne die zugrundeliegenden Werte näher zu beschreiben oder die modernen Methoden der natürlichen Empfängnisregelung zu erwähnen.

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Frauen in indigenen Religionen sollten vor allem „den Ahnen Söhne schenken“ und seien über die Söhne sozial abgesichert. Direkte Einflussfelder für Religionsgemeinschaften könnten die Förderung von Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen, das Aufzeigen der Vorteile kleiner Familien sowie das Angebot von Sexualaufklärung, Beratung und Gesundheitsdiensten sein, so die Studie. Staaten und Zivilgesellschaft sollten bei Kooperationen nach der richtigen Sprache suchen, denn unter dem Begriff Familienplanung verstehen nicht alle dasselbe. Säkulare Akteure müssten „diese Feinheiten kennen und wissen, auf welchen religiösen und kulturellen Werten diese beruhen“.

Bevölkerung verstehen statt Kondome verteilen

Bei der Präsentation zugeschaltet schilderten Peter Munene vom Netzwerk „Faith to Action Network“, Essohanam Edjeou, Kabinettschef des Ministeriums für Planung und Entwicklungszusammenarbeit in Togo, sowie der senegalesische Bischof André Gueye, unterschiedliche Zugänge und Erfahrungen. Die katholische Kirche sehe das Leben als Geschenk Gottes, betonte der Bischof von Thies. „Die Kinderzahl muss an die Mittel angepasst sein, die für den Lebensunterhalt zur Verfügung stehen.“ Bei der Ehevorbereitung spreche man daher mit den Paaren über eine verantwortliche Elternschaft, die dem Wohl der Kinder und der Gesundheit der Mutter diene, und biete Schulungen in natürlicher Empfängnisregelung an. Künstliche Mittel der Verhütung lehnt Gueye ab. Er mahnt, ausländische Akteure müssten die Mentalität der Bevölkerung verstehen anstatt Kondome zu verteilen.

Für die Glaubensgemeinschaften könnte das bedeuten, die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen im Bereich der Familienplanung (nur) dort zu suchen, wo das eigene Ethos respektiert wird, anstatt dem trojanischen Pferd fremder Wertvorstellungen Einlass zu gewähren.

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