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Kindheitsbilder im Wandel der Zeit

Die moderne Erziehungswissenschaft verkauft die Geschichte der Kindheit gerne als Erfolgsgeschichte. Ein fortschrittsoptimistisches Geschichts- und Gesellschaftsbild ignoriert aber die historische Einzigartigkeit des Christentums und übersieht die blinden Flecken der Moderne.
Kinder spielen im Brunnen
Foto: dpa | Wo geht es hier zum Fortschritt? Nein, diese Frage stellen sie sich nicht. Das Spiel der Kinder im Brunnen ist sinnvoll und zweckfrei.

Für Europa ist die „Geschichte der Kindheit“ in den Sechzigerjahren von Philippe Aries geschrieben worden, einem Vertreter der französischen Annales-Schule. Sein strukturgeschichtliches Werk hat in Europa und Amerika die historische Forschung zur Kindheit angestoßen und ist bis heute in den Sozial- und Erziehungswissenschaften wirkmächtig. Aries verortet die „Entdeckung der Kindheit“ als eigenständige, schützenswerte Entwicklungsphase in den Anfängen des bürgerlichen Zeitalters. Emotionale Liebe und Wertschätzung habe es für Kinder bis dahin nur wenig gegeben.

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Als „Entdecker der Kindheit“ gilt mindestens in der Populärwissenschaft bis heute Jean-Jacques Rousseau, der als erster den Eigenwert des Kindes erkannt habe. Spannend ist dabei vielleicht nicht so sehr der Wandel der Kindheit selbst, sondern der ideologische Gebrauch, der von vermeintlichem oder tatsächlichem Wandel heute gemacht wird. Wenn die Entwicklung von Kindheitsvorstellungen seit dem Mittelalter über die Aufklärung bis hin zu modernen Kinderrechten als Erfolgsgeschichte geschrieben wird, dann blendet dies nicht nur die entscheidende Bedeutung des Christentums für den Kinderschutz aus, sondern offenbart auch blinde Flecken im Umgang mit Kindern heute.

Unfertige Erwachsene

Ausgehend von Kinderdarstellungen in der französischen Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts beschreibt Aries den Wandel von der traditionalen bis zur modernen Kindheit und ihrer Wahrnehmung von einer puren Mangelexistenz hin zu einer schützenswerten Lebensphase. Die mittelalterliche Vorstellungswelt habe keine von der Erwachsenenwelt getrennte Kindheit gekannt: Schon etwa ab einem Alter von sieben Jahren nahmen Kinder an der Lebenswelt der Erwachsenen teil, arbeiteten mit ihnen und wurden als „unfertige Erwachsene“ betrachtet. Auch sei die Vorstellung fremd gewesen, dass ein Kind „bereits eine vollständige menschliche Persönlichkeit verkörperte“, was Aries auch mit der hohen Kindersterblichkeit begründet. Damit sei eine weitgehend fehlende emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern einhergegangen. Erst mit dem Übergang in das bürgerliche Zeitalter und einer weitgehenden Privatisierung des Familienlebens habe sich auch eine emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern herausbilden können.

Gemälde „Famille de paysans dans un intérieur“ von Louis le Nain

 

Trennung von der Erwachsenenwelt

Zu einem neuen Bewusstsein von der Kindheit mit ihren eigenen Bedürfnissen haben besonders die Moralisten und Erzieher im 17. Jahrhundert und vor allem während der Aufklärung beigetragen. Exemplarisch dafür steht Jean-Jacques Rousseau, dessen Erziehungsroman „Emile“ heute noch als grundlegend für die moderne Pädagogik gilt. Mit der Entwicklung hin zu einem allgemeinen, verpflichtenden Schulsystem im 19. Jahrhundert wurde eine weitgehende Trennung der Welt der Kinder von der Welt der Erwachsenen vollzogen, soweit die schematische Beobachtung Aries‘.

Dieses Jahr ist die „Geschichte der Kindheit“ in ihrer 20. Auflage in deutscher Sprache erschienen. Die Geschichtswissenschaft hat mithin die These der „Entdeckung der Kindheit“ relativiert und der Annahme, Eltern hätten ihre Kinder in vormoderner Zeit weniger geliebt, widersprochen. Ebenfalls ist klar, dass es „die“ Kindheit nicht gibt, sondern immer gefragt werden muss, von welchen Kindern in welchen Kontexten die Rede ist. Trotzdem hält sich die These der Gefühlskälte und Gleichgültigkeit von Eltern gegenüber ihren Kindern im Mittelalter hartnäckig in den Sozial- und Erziehungswissenschaften.

Christus hat der Welt den Wert der Kinder geoffenbart

Verständlich: Wenn Gefühle letztlich sozial konstruiert sind, dann wertet das die Rolle der Pädagogen und staatlicher Erziehungseinrichtungen gegenüber der Familie deutlich auf. Ja, dies kann sogar einen Grundverdacht gegen die natürliche Familie nähren, wenn diese nämlich nicht mehr der natürliche Ort ist, an dem es Kindern am besten geht. Nicht zufällig wächst auch Rousseaus Emile nicht bei seinen Eltern auf, sondern wird von einem Erzieher fernab negativer gesellschaftlicher Einflüsse erzogen.

Einher geht damit ein fortschrittsoptimistischer und latent antichristlicher Ansatz, der die Überwindung des dunklen Mittelalters in einer Rückbesinnung auf ein antikes Erziehungsideal in der vernunftgeleiteten Aufklärung sucht. Abgesehen von zahlreichen geschichtswissenschaftlich unzulässigen Rück- und Kurzsschlüssen klammert diese Sichtweise das wirklich revolutionäre Moment in der Geschichte der Kindheit aus, nämlich das Christentum.

Da sich das Mittelalter hier als ruhmlose Episode zwischen griechisch-römischer Antike und der Aufklärung einschiebt, fällt alles hintenüber, was genau dazwischen für Kinder und ihren Schutz passiert ist. Wer aber Menschen- und Kinderrechte gegen Familie und Christentum ausspielt, riskiert damit, denselben jegliche Grundlage zu entziehen. Nicht Rousseau, sondern Jesus Christus hat der Welt den Wert der Kinder geoffenbart: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Mk 10, 14f)

Gott in der Krippe

In der Nachfolge dessen, der sich selbst seiner göttlichen Allmacht entledigt hat, um ein kleines, hilfloses Kind zu werden, haben sich die frühen Christen gegen die in der Antike geläufigen Praktiken der Kindstötung, der Aussetzung von Neugeborenen, der sexuellen Gewalt gegen Kinder und der Abtreibung gewendet. Schon Jesaja drückt die unendliche Liebe Gottes zu seinen Kindern durch das wunderbar zarte Bild einer liebenden Mutter aus: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht.“ (Jes 49,15)

Das Bild konnte schon Jahrtausende vor der Herausbildung der bürgerlichen Kleinfamilie verstanden werden, weil die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind eine kulturübergreifende Konstante des menschlichen Daseins ist. Aus dem Wert eines jeden Menschen als Gottes Kind leitet sich die besondere Sorge des Christentums für Schwache und Bedürftige ab. Das christliche Mittelalter hat an einem bedingungslosen Verbot der Kindstötung festgehalten und dieses schrittweise gegen die römischen und germanischen Gewohnheiten durchgesetzt. Die Epoche zeichnete sich darüber hinaus durch seine Sorge für Waisen, Findelkinder und behinderte Kinder aus. Wie auch in den anderen sozial-caritativen Bereichen konnte die zunehmend auch staatliche Wohlfahrt der Neuzeit nahtlos an christliche Einrichtungen der vorherigen Jahrhunderte anschließen.

 

 

Fortschritt, aber für wen?

Psychologie, Pädagogik und Medizin besitzen heute einen Kenntnisstand über Kinder und Kindheit, der dem früherer Zeiten weit überlegen ist. Kinder sind bei uns nicht nur Objekte staatlichen Schutzes, sondern als Konsumenten auch ein wirtschaftlicher Faktor und ab ihrer Geburt Staatsbürger und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Ein fortschrittsgläubiger Progressivismus übersieht aber in Hinblick auf die Kindheit als schützenswerte Phase nur allzu leicht die blinden Flecken der Moderne.

Die Kindheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, wie fragil „Fortschritt“ sein kann. Hier sei nur erinnert an die Kinder-Euthanasie im Dritten Reich, aber auch an die Grausamkeiten, die tausenden und abertausenden Kindern durch sexuellen und körperlichen Missbrauch zugefügt wurde – in Schulen, Internaten und leider auch in der Kirche. In Anbetracht der millionenfachen alltäglichen Kindstötungen durch die Abtreibung wird die Betrachtung der Kindheitsgeschichte als Erfolgsgeschichte zu glatter Hybris. Die vorgeburtliche Selektion behinderter Kinder offenbart, dass auch heute noch manche Kinder eben schützenswerter sind als andere. Das vermeintliche Recht auf das Kind erhält Vorzug vor dem Recht des Kindes, wenn sich In-Vitro-Fertilisation und Leihmutterschaft in Koalitionsverträge einschleichen.

Angesichts der aktuell katastrophalen Situation der Kinder- und Jugendpsychiatrie drängt sich auch der Gedanke auf, ob nicht das Wohl Kinder durch monatelange Lockdowns der Schule letztlich dem Überleben der Älteren zum Opfer gefallen ist. Die angebliche moralische Überlegenheit eines gesellschaftlichen Progressismus folgt sehr schnell der Logik des Triumphs des Starken über den Schwachen, wenn es hart auf hart kommt. Fortschritt für wen?

Ein Rückfall in die Barbarei ist jederzeit möglich

Auch in der Geschichte der Kindheit gibt es ein „vor Christus“ und ein „nach Christus“. Nicht Rousseau, sondern Christus bestimmt den Wendepunkt der Kindheitsgeschichte: Von der Stunde Null seiner Geburt aus leuchtet der hohe Wert des Kindes und sein Recht auf Schutz und Liebe bis in die heutige Zeit hinein. Seitdem verteidigen Christen den Wert jedes Lebens, vom ungeborenen Kind bis in das hohe Alter.

Demut ist dabei auch für Christen angebracht: Der Skandal des Kindesmissbrauchs zeigt, dass ein Rückfall in die Barbarei jederzeit möglich ist. Es ist keine Entschuldigung, dass die Psychologie etwa der Fünfziger- und Sechzigerjahre die verheerenden Auswirkungen von sexuellem Missbrauch auf die kindliche Psyche noch nicht bis ins Detail beleuchtet hatte. Fortschritt ist nicht der irreversible Gang der Geschichte und ist nur dann ein wirklicher, wenn er sich am nachhaltigen Wohl aller Menschen messen lassen kann.

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