Bindungspsychologie

Ein Wiegenlied sagt  mehr als 1000 Worte

Wie hilft man seinem Kind beim Einschlafen? Die Bindungswissenschaft und uralte kulturelle Praktiken bieten faszinierende Hilfestellungen. Teil 2.
Vorlesen, Singen, Malen, ruhig Spielen: Diese Tätigkeiten erleichtern den Übergang zum Schlaf.
Foto: imago stock&people | Vorlesen, Singen, Malen, ruhig Spielen: Diese Tätigkeiten erleichtern den Übergang zum Schlaf.

 Das kleine Kind erlebt das Einschlafen als Trennung von seinen Bezugspersonen. Überbrücken können wir diese kurzzeitige, aber unvermeidliche Trennung auf vielerlei Weise. In vielen Kulturen wird abends gemeinsam der Frühstückstisch gedeckt und dadurch die Aufmerksamkeit auf den nächsten Verbindungspunkt gelenkt. Darum geht es: Die Aufmerksamkeit des Kindes weg von der Trennung und hin zum nächsten Verbindungspunkt zu lenken. Verliebte machen das intuitiv genauso. Sie sagen bei einem Abschied nicht: „Ich bin jetzt vier Tage weg“, sondern: „Wenn wir uns wiedersehen, machen wir dieses oder jenes“, oder überbrücken die Trennung: „Sobald ich im Hotel bin, melde ich mich.“

Auch die Sprache ist intuitiv, wenn wir „Auf Wiedersehen“ sagen, „au revoir“ oder „goodbye“. Letzteres ist die Abkürzung für „May God be with you, until we meet again“. Alle traditionellen Kulturen pflegen diese Überbrückung und haben es in ihre Sprache eingebettet. Im Glauben ist das ebenfalls verankert. Christen können sich mit den Worten „Wir sehen uns spätestens im Himmel“ verabschieden. Und als Jesus in den Himmel auffuhr, sagte Er nicht etwa „Macht´s gut“, sondern „Ich werde wieder kommen …“. Auch im Judentum ist Gott allgegenwärtig, und es gibt Verabschiedungen wie „(Wir sehen uns) nächstes Jahr in Jerusalem“.

Wenn wir wachsam in unserem Kind lesen, erkennen wir seine Bindungsbedürfnisse und wissen, wie lange es die Verbundenheit zu uns bewahren kann. Schafft es zehn Minuten, sagen wir ihm, dass wir in zehn Minuten wiederkommen und nach ihm sehen – so oft, bis es eingeschlafen ist. Halten wir uns daran, damit das Kind uns vertrauen und sich geborgen fühlen kann. Und wenn wir ihm am nächsten Morgen sagen können „als ich das letzte Mal bei dir war, war es so schön, dich schlafen zu sehen“, können wir sein Erleben von Verbundenheit vertiefen. Einem älteren Kind können wir etwas Besonderes von uns geben, ein Bild, eine Locke, was immer. Indem sie daran festhalten, halten sie an uns fest! Bei Grundschulkindern, sobald sie uns ihr Herz geschenkt haben, legen wir den Fokus auf die Beziehung, auf das Zusammensein als Familie und auf die Natur von Familie und Liebe, die „ewig“ ist, um die Kontinuität von Verbindung zu wahren. Auch können wir bei älteren Kindern die Fantasie und ihr Vorstellungsvermögen nutzen und könnten etwas sagen, wie „Wir treffen uns im Traum“. 

Der Spielmodus hilft beim Loslassen


Überlassen wir es dem Spiel, die Arbeit für uns zu erledigen und die Hindernisse, die dem Einschlafen im Wege stehen, aus dem Weg zu räumen. Das Faszinierende am Spielmodus liegt darin, dass sich das Gehirn dann in einem Status von aktivierter Ruhe befindet. Diese eignet sich wunderbar für den Übergang vom Wachsein zum Schlafen. Denn sobald die Amygdala (die Kommandozentrale des limbischen Systems, des emotionalen Gehirns) in den Spielmodus umschaltet, geschieht dreierlei: Das Nähestreben kommt zur Ruhe, das Bewusstsein sowohl von Trennung als auch das von all den ergebnisorientierten Dingen, die wir im Kopf haben, wird ausgeblendet, und der Gegenwille wird deaktiviert. Schaffen wir abends Zeiten für diesen Übergang: durch entspannendes Spiel, Malen, Lesen, Singen – alles, was nicht ergebnisorientiert ist und sie in diese aktivierte Ruhe bringt. Auch Erwachsene brauchen diese Zeit. Die Rede ist hier von Spiel, das diesen Namen verdient, vergnügliches Spiel um des Spielens willen, also keine Bildschirme oder Computerspiele.

Hinzu kommt, dass auch etwas Traurigkeit erforderlich sein kann. Warum? Erst wenn ein Kind – und das gilt auch für uns – die Traurigkeit über das, was am Tag schiefgelaufen ist oder vergeblich war, fühlen und ausdrücken kann, kann es davon loslassen und zur Ruhe kommen. Zudem bringt diese Erfahrung die Resilienz-Entwicklung voran, die nicht nur mit Blick auf die Schlafenszeiten sehr hilfreich ist. Denn je häufiger das Gehirn die Erfahrung macht, die Trauer über eine Trennung oder eine Vergeblichkeit fühlen zu können und sie überlebt zu haben, umso überzeugender vermittelt genau diese gefühlte Traurigkeit dem Gehirn, dass die Trennung nicht unerträglich ist und künftig nicht mehr zwingend vermieden werden muss. Zur Schlafenszeit stehen wir also vor zwei Herausforderungen: Die Konfrontation mit Trennung zu reduzieren, und etwas Traurigkeit hervorzulocken, womit natürlich nicht gemeint ist, dass wir das Kind schreien lassen sollten. Die traditionellen Kulturen wussten darum. Ihre Antwort war das Wiegenlied, der Lullaby. Etymologisch hat dieses Wort seine Wurzeln in dem Wort „Lament“ (Klage) und ist verwandt mit den Worten „Bereavement“ (Trauerfall) und „Requiem“; es geht – so könnte man sagen – darum, dem kleinen oder dem großen Tod ins Angesicht zu sehen.  

Wiegenlieder wissen: Traurigkeit ist notwendig!


Das älteste, von Hand aufgezeichnete Lied ist ein über 4  000 Jahre altes Wiegenlied. Es ist die Genesis aller Lieder und eignet sich bestens dazu, Traurigkeit hervorzulocken und Trennung zu reduzieren. Die Kunst besteht ja darin, das Gefühl von Traurigkeit hervorzulocken. Denn sie ist das zarteste, machtvollste, problematischste und verletzlichste Gefühl überhaupt. Niemand ist gerne traurig! Traurigkeit ist der verbleibende Ort für Probleme, für die es keine Lösung gibt, und Traurigkeit benötigt häufig Musik, um gefühlt werden zu können. Der Zauber der Melancholie eines Wiegenlieds besteht gerade darin, Traurigkeit so süß zu machen, dass sie sogar verlockend wird. Schon Plato wusste das, als er sagte: Musik kann Traurigkeit süß machen. 

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Wiegenlieder beinhalten alle Eigenschaften von Spiel. Sie bewirken, dass wir uns trotz Trennung sicher fühlen. Sie bereiten die Bühne für das Einschlafen, indem sie das Gehirn und den Körper in den Ruhemodus bringen. Sie überbrücken die Trennung, da sie die Aufmerksamkeit weg von der Trennung und hin zur Musik lenken. Sie deaktivieren sowohl das Nähestreben als auch den Arbeitsmodus; sie ordnen die neuronale Aktivität, synchronisieren die Hirnströme und neutralisieren den Gegenwillen. Das aus unserem Munde gesungene Wiegenlied, diese „kulturelle“ Antwort, ist das Beste, um unser Kind langsam in den Schlaf zu wiegen.

Rückschläge gehören dazu


Es lohnt sich, vor diesem Hintergrund Wiegenlieder anzuhören und deren Texte zu lesen, sei es „Guten Abend, gute Nacht“ von Clemens Brentano, das in Großbritannien als Brahm‘s Lullaby bekannt wurde, da dieser es vertont hatte, der „Cradle Song“ von William Blake, oder das für einen Hitchcock-Film geschriebene, Oscar-prämierte „Qué séra, séra“, mit dem Doris Day weltberühmt wurde. Auch der tief berührende Text von Billy Joel´s Lullaby „Good night my angel“ sowie dessen Melodie erfüllen die Kriterien eines Wiegenliedes. Er schrieb es für seine Tochter, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte. 

Seit Jahren wird viel Forschung über das Wiegenlied betrieben. Ein spannendes Projekt ist das „Lullaby Project“ der New York´s Carnegie Hall. Musiker und Künstler entwickelten es für Schwangere und junge Mütter aus problematischen Verhältnissen, und sie helfen ihnen dabei, ein persönliches Wiegenlied für ihr Kind zu schreiben. Die ergreifenden Konzerte, bei denen diese Lieder gesungen werden, sind im Internet zugänglich. Es ist zudem unglaublich, wie hierdurch die Beziehung zwischen Mutter und Kind so gestärkt wird, dass Mütter fähig werden, für ihr Kind zu sorgen.

Trotz all dieser Erkenntnisse ist Realismus gefragt: Die Schlafenszeit wird nicht immer glatt laufen, sondern es wird Rückschläge geben, sobald zum Beispiel die Oma erkrankt oder in der Schule etwas vorgefallen ist. Alles, was tagsüber vorgefallen ist, all die Trennungserfahrungen, die das Kind erlebt hat, und die nicht verarbeiteten Emotionen, kochen nicht selten zur Schlafenszeit hoch. Wenn es uns gelingt, Zeiten für den Übergang vom Wachsein zum Schlafen zu schaffen, der unserem Kind hilft, loszulassen, zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen, ist viel gewonnen, auch für die Persönlichkeitsentwicklung unseres Kindes. Und dann werden auch wir selbst gut in den Schlaf finden.


Der erste Teil dieser zweiteiligen Artikelserie (DT vom 29. Dezember 2022) erklärte den Zusammenhang zwischen guter Bindung und gutem Schlaf. Aus Sicht der Bindungswissenschaften existieren drei Lösungsansätze für Schwierigkeiten beim Einschlafen: Reduzierung der Trennung durch Bewahrung der Bindung, Überbrückung der Trennung und Übergang in den Spielmodus. Den ersten der Lösungsansätze skizzierte die Autorin im ersten Teil.

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