Mehrsprachigkeit

Die Welt ist Schiff, nicht Zuhause

Mit der fortschreitenden Globalisierung nimmt auch das Phänomen der mehrsprachigen Familien zu. Gleichzeitig Identität für das Eigene und Offenheit für das Andere zu vermitteln ist eine Herausforderung, der sich Eltern heute verstärkt gegenübersehen. Dem Glauben kommt gerade in mehrsprachigen Familien bei der Weitergabe von Kultur und Identität eine hohe Bedeutung zu.
Europa
Foto: Adobe Stock | Im Herzen der Menschen gibt es eine universelle Sehnsucht nach „Heimat" und Identität, unabhängig davon, wo auf der Welt sie zu Hause sind.

Unsere Kinder haben die amerikanische und die luxemburgische Staatsbürgerschaft, einen Nachnamen, der eng mit mehreren europäischen Ländern verbunden ist, leben in Frankreich und sprechen Englisch, Französisch und Deutsch. Zwei von ihnen sind in der Schweiz geboren, was ihnen jedoch nicht den Vorteil der „Neutralität“ verschafft. Unsere familiäre Realität mag nicht die Norm sein, aber mit der zunehmenden Globalisierung der Welt stehen Eltern immer mehr vor der Herausforderung, den Wert von Sprachen und Kulturen im Allgemeinen zu vermitteln und gleichzeitig Stabilität, Wurzeln und die Liebe zur eigenen Sprache und Kultur im Besonderen weiterzugeben. Die Antwort auf diese Herausforderung sieht in jedem Heim anders aus. Bei unserem eigenen Abenteuer als mehrsprachige Familie lassen wir uns vom Reichtum der katholischen Traditionen inspirieren und nutzen die verschiedenen Ressourcen, die Familien heute zur Verfügung stehen.

Ein verständnisvolles Herz

Ein offenes und verständnisvolles Herz ist oft der beste Übersetzer. Als wir ein junges Paar waren, fragte ich meinen polyglotten damaligen Freund und heutigen Ehemann, welche Sprache ich zuerst lernen sollte. In den nächsten drei Jahren sprachen wir untereinander so oft wie möglich Französisch. Ich gewöhnte mich an das Leben im französischen Teil der Welt, aber irgendwann fühlte ich mich unverstanden und frustriert. Wir beschlossen, stattdessen den Schwerpunkt auf Kommunikation und Verständigung zu legen, jeweils in der Sprache, die dazu am besten geeignet war. Wir haben gelernt, dass es zwar sehr hilfreich ist, voll in eine Sprache „einzutauchen“, dass es aber wichtiger ist, sich in unseren engsten Beziehungen vollständig ausdrücken zu können. Nichtsdestoweniger bemühen wir uns weiterhin, die Sprache(n) des anderen immer besser zu beherrschen und Gelegenheiten zu suchen, die uns kommunikativ neu fordern. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für uns als Paar, sondern auch für alle unsere persönlichen und beruflichen internationalen Beziehungen: zuhören, um zu verstehen, Wohlwollen üben, sich selbst nicht immer allzu ernst nehmen, aber umgekehrt immer das Beste vom anderen annehmen.

Ganz gleich, ob Sie mit jemandem vom anderen Ende der Welt oder vom anderen Ende des Dorfes verheiratet sind, die Traditionen Ihres Ehepartners von ganzem Herzen anzunehmen, ist ein wichtiger Teil der Liebe zu ihm. Dieser Akt der Großzügigkeit ist manchmal herausfordernd, aber so notwendig, um die Identität und die Geschichte des anderen bewusst zu würdigen. Dies gilt umso mehr, wenn einer oder beide Ehepartner weit von seiner oder ihrer Familie und Heimat entfernt leben. Das kann auch Vorteile haben: Der heilige Nikolaus kommt zweimal zu uns, am 6. Dezember und noch einmal als „Santa Claus“ am 25. Dezember!

Reichtum der deutschen Kultur

Deutsch eine wichtige Sprache für die Familie Habsburg. Wir leben aber in einem französischsprachigen Teil der Welt, in dem es nicht leicht ist, diese Sprache zu vermitteln. Au-Pair-Mädchen helfen uns, dieses Dilemma zu lösen. Au-pairs schaffen eine Win-Win-Situation für alle: Die Mädchen helfen uns dabei, unseren Kindern den Reichtum einer anderen Sprache und Kultur zu vermitteln und sind gleichzeitig eine große praktische Hilfe in unserer großen Familie. Unsere Kinder schätzen den Reichtum der deutschen Kultur sehr: die schöne Musik, die Lieder, die Traditionen und lokalen Bräuche, die unsere Au-pairs aus Österreich und Deutschland zu uns mitbringen. Umgekehrt hoffen wir, den jungen Frauen, die für eine gewisse Zeit in unsere Familie kommen, eine herzliche und liebevolle kulturelle Erfahrung und ein Eintauchen in das Leben einer fremden Familie bieten zu können. Auf diese Weise können unsere Kinder ihr Deutsch perfektionieren und das Au-pair erlebt ein Abenteuer in einer anderen Kultur und Stadt – ganz zu schweigen von einer fabelhaften Ausbildung in der hohen Kunst des Windelwechselns! Wir haben viele wunderbare Freundschaften mit den Mädchen geschlossen, die wir in unserem Haus willkommen geheißen haben, und hoffen, dass sie noch viele Jahre andauern werden.

Lesen Sie auch:

Eine weitere Möglichkeit, Tradition und Kultur weiterzugeben, besteht darin, unsere Familienbibliothek mit französischen, deutschen und englischen Kinderbüchern zu füllen, um die kulturellen Kenntnisse unserer Kinder verbessern. Unsere Au-pairs helfen dabei auf Deutsch, und ich suche nach Empfehlungen auf Französisch und Englisch (neben den Lieblingsbüchern meiner eigenen Kindheit). Es ist zwar einfach, Bücher in einer anderen Sprache zu finden. Mindestens so wichtig wie der Inhalt ist aber, dass dieser auf eine schöne Weise präsentiert wird. Daher suche ich gezielt nach Büchern, die sich über die Jahre bewährt haben, die schöne Bilder enthalten und eine schöne Sprache pflegen.

Unsere Traditionen machen uns aus

Bis vor nicht allzu langer Zeit – und in abgeschwächter Form auch heute noch – verlief das Leben in jeder Stadt und jedem Dorf Europas im Rhythmus des liturgischen Jahres. Jede Region hatte ihre eigene Art, Advent, Weihnachten, die Fastenzeit, Ostern, kurz: den gesamten Jahreskreis zu feiern. Diese Traditionen trugen dazu bei, unsere Kinder auf eine sehr „inkarnierte“ Weise zu katechisieren. Traditionen verbanden uns mit früheren Generationen, mit unseren Nachbarn und unseren Familien. Die Gerüche, Geschmäcker, Lieder und Tänze unserer Kindheit stifteten einen Teil unserer Identität. Die Art und Weise, wie diese Traditionen vor Ort gefeiert werden, und die unterschiedlichen Formen, in denen sie in jeder einzelnen Familie zelebriert werden, sind Teil dessen, was uns ausmacht. Der Reichtum liturgischer Traditionen aus allen Teilen der Welt – so unterschiedlich und doch Ausdruck derselben universellen Wahrheit, desselben Kirchenjahres, desselben Glaubens – ist eine unendliche Fundgrube, die darauf wartet, erkundet zu werden. Sie bietet eine Möglichkeit, die Liebe zu unseren eigenen Familientraditionen weiterzugeben und gleichzeitig etwas über die Traditionen in anderen Teilen der Welt zu lernen.

Wir feiern den amerikanischen Feiertag Thanksgiving zusammen mit Freunden aus verschiedenen Ländern. Jeder Gast ist eingeladen, einen Segen in seiner eigenen Sprache zu sprechen. Im Frühjahr veranstalten wir die „Maikrönung“, bei der die Kinder eine Marienstatue „krönen“ und dabei Marienlieder in verschiedenen Sprachen singen. Zu Fasching essen wir Kaiserschmarrn. Zum Fest des heiligen Nikolaus backen wir Weckmänner und die Strümpfe der Kinder werden mit Clementinen und Schokotalern gefüllt. Am Dreikönigstag markieren wir die Tür mit gesegneter Kreide und essen die in Frankreich dazugehörige „Galette des rois“. Am Gründonnerstag organisiert mein Mann ein „Abendmahl“, das uns hilft, die Verbindung zwischen Altem und Neuen Testament besser zu verstehen. In diesem Jahr waren wir zufällig zu Allerheiligen in Polen und waren erbaut von der schönen Tradition, sich auf den von Tausenden von Kerzen erleuchteten Friedhöfen zu versammeln, um für die Toten zu beten.

Kulturen kennen lernen

Die Möglichkeiten, Heilige, Feste, Fasten und so vieles mehr zu feiern, sind endlos. Auf diese Weise lernen die Kinder (und wir selbst) auf abwechslungsreiche Weise mehr über ihre eigene und andere Kulturen und erlernen gleichzeitig die internationale Symbolsprache, die zu unserem christlichen Erbe gehört.

Im Herzen der Menschen gibt es eine universelle Sehnsucht nach „Heimat" und nach der Identität und den Wurzeln, die damit einhergehen. Im Guten wie im Schlechten werden sich unsere Kinder (und wir Eltern!) wahrscheinlich immer ein wenig heimatlos fühlen. Wir erinnern uns gerne daran, dass „die Erde dein Schiff und nicht dein Zuhause ist“ (hl. Thérese von Lisieux). Wenn „Zuhause“ der Ort ist, an dem wir gekannt und geliebt werden, dann halten wir uns an dem Wissen fest, dass wir, wenn wir in der Nähe unseres Herrn und seiner jungfräulichen Mutter bleiben, überall zu Hause sind, wo immer wir uns befinden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Gerade Paare mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln stehen vor der Frage, wie sie ihren Kindern Wurzeln geben können. Der katholische Glaube bietet hier unschätzbare Möglichkeiten.
12.01.2022, 08  Uhr
Vorabmeldung
Der posthum erschienene Roman „Die Unzertrennlichen“ der feministischen Ikone Simone de Beauvoir kann als subjektive Darstellung einer zerstörerischen Wirkung übertriebener Tugendhaftigkeit ...
23.03.2022, 07  Uhr
Emanuela Sutter
Es gibt eine natürliche Sehnsucht nach Eden, dem Garten im Osten, in den Gott den Menschen nach seiner Erschaffung gesetzt hat. Es ist die Sehnsucht nach einer „Eden Culture“. 
12.05.2022, 09  Uhr
Peter Winnemöller
Themen & Autoren
Kathleen von Habsburg-Lothringen Advent Glaube Globalisierung Heilige Therese von Lisieux Traditionen

Kirche

Reformen vorantreiben mit Tempo, Druck auf die Amtskirche und zur Not für den Preis einer Spaltung — das war der Tenor der Veranstaltung „Kirche kann bunt. Mit Vielfalt gewinnen. #OutInChurch“.
28.05.2022, 15 Uhr
Dorothea Schmidt
Das Erzbistum Köln hat die Chance, wieder zueinander zu finden. Denn es gibt Gläubige, die sich von Kampagnen nicht beirren lassen. Eindrucksvolles Beispiel: der Wallfahrtsort Neviges.
28.05.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Die theologischen Dialoge müssen weitergeführt und intensiviert werden, so der „Ökumene-Bischof“. Eine Herausforderung bleibe aber die Frage der Eucharistiegemeinschaft.
27.05.2022, 20 Uhr
Oliver Gierens