Würzburg

Wenn junge Paare Eltern werden

Zahlen, Trends, Grundbedürfnisse - Ein Kongress wirft erneut die Frage der Elternkompetenz und des Erziehungsprimats auf.

Eltern mit Kind
Eltern mit Kind - eine junge Familie. Foto: Waltraud Grubitzsch (ZB)

Die Schweizerische Stiftung für Familie greift in der jüngsten Ausgabe ihres Newsletters das Thema „Wenn junge Paare Eltern werden“ auf und berichtet von einem Fachkongress, der im August an der Universität Zürich unter dem Titel „Familiengründung als vulnerable Phase“ abgehalten wurde. Die Ergebnisse dieses Kongresses sind nicht überraschend: Viele Paare bräuchten in dieser Phase mehr Unterstützung, die meisten jungen Eltern wissen zu wenig über die psychologischen Folgen der Geburt des ersten Kindes und zwar sowohl für das Paar als auch für die junge Mutter oder den jungen Vater.

Professor Guy Bodenmann etwa wies in seinem Referat in Zürich darauf hin, dass die Beziehungsqualität von rund der Hälfte aller Paare mit der Geburt des ersten Kindes sich ändere. Bei zwanzig Prozent würde sie deutlich verbessert, bei dreißig Prozent auf eine harte Probe gestellt. Nur bei einem Drittel würde sich nichts ändern. Von einer Verbesserung der Beziehung profitierten vor allem jene Paare, die bereits vor der Geburt eine liebevolle und kommunikativ gute Beziehung miteinander hatten, so Guy Bodenmann. Und er betonte gleichzeitig die positiven Seiten einer Geburt: Sie sei meistens das Resultat eines Kinderwunsches und erfülle die Eltern mit Freude, Glück und Stolz. Auch fördere sie die Reifung und das Verantwortungsbewusstsein des Elternpaars.

Elternschaft muss Teil der Ehevorbereitung sein

Diese Folgen sind allgemein erwartbar, aber erstmals mit Zahlen untermauert. Sie stützen auch die These, dass das Thema „erstes Kind“ auch Teil der Ehevorbereitung sein müsste, durchaus auch bei den Brautkursen, die von der Kirche angeboten werden. Natürlich kann man an Volkshochschulen oder bei Hebammen sich darüber kundig machen. Aber wer macht das schon? Bei obligatorischen Kursen dagegen können die Brautleute ähnlich wie Schüler in der Schule über eine Materie unterrichtet werden, an die sie sonst kaum denken. Die präventive Wirkung dieses Wissens ist jedenfalls kaum zu überschätzen. Sie stabilisiert die Ehe und lässt sie reifen.

Stärker als früher wirkt sich die erste Geburt auf die Väter aus. Das belegten viele internationale Studien. Johanna Possinger, Professorin für Frauen- und Geschlechterfragen an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, sprach in Zürich vom „Ideal aktiver Vaterschaft als internationales Phänomen“. Dass aktive Väter eine positive Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes hätten, sei inzwischen hinlänglich belegt. Kinder mit aktiven Vätern erwerben mehr Alltagsfertigkeiten und erzielen bessere Schulleistungen. Natürlich ist diese aktive Rolle auch eine Zeitfrage. Immer mehr junge Väter wünschten sich deshalb einen Teilzeitjob. Laut einer Erhebung in Deutschland würden 40 Prozent der Väter eine Arbeitszeit zwischen 60 und 80 Prozent bevorzugen. Doch nur 8, 5 Prozent können das auch realisieren, meinte Possinger. Das führe mit wachsendem Abstand zur Geburt zu einer Re-Traditionalisierung der Rollenverteilung. Hier ist deutlich ein Widerspruch zu sehen zwischen den „progressiven“ Aussagen der Arbeitgeberverbände und der Wirklichkeit in den Betrieben. Denn die Erwartungshaltung der Wirtschaft an die Männer hat sich nicht geändert.

Maternal Gatekeeping: Mütter halten sich für kompetenter

Wenig Änderung stellten manche Referenten auch bei den jungen Müttern fest. Sie fühlten sich überwiegend kompetenter für die Betreuung, Erziehung und die Hausarbeit. Der Begriff vom Maternal Gatekeeping drücke dies aus. Der Soziologe Michael Meuser stellte fest, es gebe nebst den „neuen Vätern“ noch kein Label „neue Mütter“. Gottseidank, kann man da nur sagen. Denn offenbar spüren die Mütter in der überwiegenden Mehrheit, dass für das Kleinstkind die Mutter die erste Bezugsperson ist. Die Wissenschaft spricht hier seit Jahrzehnten von der Dyade, der nahezu symbiotischen Zweisamkeit zwischen Mutter und Kind in den ersten zwei Jahren. An diesen natürlichen Grundbedürfnissen hat sich nichts geändert. Dennoch fühlen sich 88 Prozent der Eltern in Fragen der Erziehung und Entwicklung der Kinder unsicher! Das ist vermutlich auch ein Ergebnis der permanenten Verzerrungen und Halbwahrheiten, mit denen fast alle Medien, insbesondere die öffentlich-rechtlichen, zum Thema Ehe und Familie den Informationsmarkt „bedienen“.

Gerade in Zeiten der Informationsüberflutung zur Gleichstellung, der „neuen Väter“ und der Erziehung zeigt sich an solchen Daten, dass es mit der Elternkompetenz nicht weit her ist. Den Eltern aber wenig Zeit und Möglichkeiten zur Erlangung dieser Kompetenz zu geben und stattdessen auf die „professionellen Hände“ in Kitas und anderen öffentlichen oder staatlichen Einrichtungen zu verweisen, ist sicher der falsche Weg. Natürlich gilt, wie der Ökonomie-Nobelpreisträger James J. Heckmann aufzeigte, dass eine frühe Bildung der Kinder der Gesellschaft viele Folgekosten erspare und es deshalb gelte, die Eltern als „die frühesten Lehrer der Kinder“ auszubilden. Aber das greift zu kurz. Als Johannes Paul II. in seinem Brief an die Familien 1994 die Eltern als die ersten „Lehrer in Menschlichkeit“ bezeichnete, meinte er nicht nur kognitive Erkenntnisse, die die Eltern lehren könnten, sondern vor allem die Herzensbildung, die Kinder in der Familie erfahren. In der Familie werden die Daseinskompetenzen und das sogenannte Humanvermögen erworben. Das könne der Staat nicht leisten, und auch die Schule kann die Familie nicht ersetzen, wie ein anderer Nobelpreisträger, Gary Becker, auf einem Kongress in Berlin 2002 schon sagte.

Der Staat hat die Aufgabe, den Eltern zu helfen

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Der Staat hat die Aufgabe, den Eltern zu helfen, mehr Kompetenz zu erlangen. Er hat nicht die Aufgabe, die Eltern zu ersetzen oder ideologisch in die Erziehung einzugreifen. Erst recht nicht in der „vulnerablen Phase“ der ersten Jahre. Der Primat der Erziehung liegt bei den Eltern, auch wenn sie jung und unerfahren sind.