Würzburg

Schaufensterpolitik

Das Bundesfamilienministerium will ein Recht auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler durchsetzen. Über Probleme, Kosten und Qualität einer familienfeindlichen Idee und den kalten Hauch von Vater Staat

Kostenlose Ganztagsbetreuung für Kitakinder
Laut Bundesfamilienministerin Giffey hat Ganztagsbetreuung für Kinder eine ganze Reihe von Vorteilen. Foto: dpa

Mehr ging nicht. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey bemühte die Chancengerechtigkeit für alle Kinder, wärmte den Mythos von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf, malte das Bild höherer Einkommen und Renten an die Wand der Zukunft und natürlich fehlte auch nicht die Vorstellung von mehr Glück für Eltern, insbesondere für die Mütter, weil sie von der Erziehungslast am Nachmittag befreit nun den ganzen Tag einem erfüllenden Erwerbsberuf nachgehen könnten.

All das komme mit dem Recht auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder. Acht Stunden pro Tag und fünf Tage pro Woche – so soll es ab 2025 sein. Kein Gedanke daran, dass Mütter vielleicht gerne Mütter sind, auch und gerade für Kinder unter zehn Jahren. Dass es für die Grundschulkinder besser sein könnte, wenn sie im risikofreien Raum des Zuhause statt in der Leistungsanstalt Schule Hausaufgaben machen und sogar spielen können (es soll noch Kinder unter zehn geben, die gern spielen).

Wer soll die Kinder betreuen? Und wer soll es bezahlen?

Die Vorstellung der Ministerin war typisch für die Große Koalition: Die Familie mit ihrer Erziehungsleistung ist in den Köpfen der Großen Koalition mit dem durchgängig sozialdemokratischen Denken zweitrangig, der Staat kann nach diesem Denken alles besser. Familie? Interessiert nicht. Die Institution, die die Voraussetzungen schafft, wovon der Staat lebt, sie existiert nicht in der Vorstellungswelt der Großkoalitionäre, der Grünen und Roten sowieso.

Dass zu diesen Voraussetzungen das Lernen-Können, das Miteinander-Umgehen-Können, die soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz, also auch die Einordnung von Gefühlen, die Affektregulierung, die Ausdauer und viele andere Daseinskompetenzen gehören – all das interessiert nicht. Und dieses Desinteresse wird auch bleiben, solange die kinderlose Kanzlerin diese Regierung treiben lässt und ihr Vizekanzler Scholz seine alte Idee von der Lufthoheit über die Kinderbetten hinaus in die Schulen tragen kann.

Die Schulen sollen nun den Rechtsanspruch erfüllen. Die Kritik des Deutschen Lehrerverbandes und des Gemeindebundes legte den Finger auf die offene Wunde, die von der Bundesregierung geflissentlich übersehen wurde. Wer soll die Kinder betreuen? Und wer soll es bezahlen? Im Moment nehmen rund 50 Prozent der Grundschulkinder eine Ganztagsbetreuung wahr. Das sind 1,5 Millionen Kinder.

Nach Schätzung des Lehrerverbands fehlen 15 000 Lehrer

Wenn nur eine Million Kinder oder anderthalb hinzukommen, braucht es an die hunderttausend zusätzliche Erzieher- und Lehrerstellen. Schon jetzt fehlen nach einer konservativen Schätzung des Lehrerverbands in Deutschland 15 000 Lehrer, vor allem an Grundschulen.

Nach einer Umfrage zu Beginn des Jahres gab jede zweite Schule an, mit Lehrermangel zu kämpfen, ein Jahr zuvor war es nur jede dritte. 45 Prozent der Schulen behelfen sich mit Quer-und Seiteneinsteigern, der Anteil der Seiteneinsteiger ist in den letzten Jahren stetig gewachsen und lag 2018 bei 13,3 Prozent aller neu eingestellten Lehrkräfte. Besonders dramatisch ist die Situation an Grundschulen in Berlin, kritisch auch in Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg. In Berlin sind zwei Drittel der Neueinstellungen in diesem Jahr Seiten- oder Quereinsteiger.

„Da fallen derzeit alle Qualitätsmaßstäbe.“
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes

Der Präsident des Lehrerverbandes, der bayerische Gymnasialdirektor Heinz-Peter Meidinger, sieht das Hauptproblem in der Ausbildung: „Da fallen derzeit alle Qualitätsmaßstäbe.“ Zwar könnten viele Seiteneinsteiger fachlich mit den ausgebildeten Lehrerkollegen mithalten. Aber didaktisch und psychologisch-pädagogisch fehle es an elementaren Kenntnissen und das ist umso schlimmer, als die meisten Seiten- und Quereinsteiger an Brennpunktschulen eingesetzt werden. Gerade diese psychologisch-pädagogischen Qualitäten werden am Nachmittag gebraucht, wenn es den Schülern in der Schule zu langweilig wird oder jenseits des Schulhofs abwechslungsreichere Beschäftigungen locken.

Diese Situation wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht verbessern. Zum einen werden die Schülerzahlen nicht sinken, sondern eher steigen. Experten wie die Bildungswissenschaftler Klaus Klemm und Dirk Zorn meinen in ihrer Studie „Lehrkräfte dringend gesucht“, dass der Bedarf an den Grundschulen bis 2025/6 um die 11 000 Neu-Einstellungen pro Jahr betrage, danach aber aus demographischen Gründen auf 5 800 pro Jahr sinke. Sie warnen sogar vor einer Lehrerschwemme, weil schon jetzt pro Jahr 7 000 Lehramtsbewerber die Universitäten mit ihren Abschlüssen verlassen.

Mehr Schüler mit mangelhaften Deutschkenntnissen

Die Kultusministerin in Baden-Württemberg, Susanne Eisenmann (CDU), plädiert für Neu-Einstellungen von mehr als zehntausend Lehrern pro Jahr. Ihr widerspricht ihr Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit einem ganz praktischen Argument. Ab 2020 gelte die Schuldenbremse für die Länder, man könne nicht einfach so die Zahl der Lehrerstellen erhöhen, wenn man keine neuen Schulden machen darf. Denn neue Stellen heiße auch neue Pensionsansprüche und die Bugwelle der Pensionen ist heute schon kaum überschaubar.

Schuldenbremse und sinkende Schülerzahlen ab 2025 deuten auf den ersten Blick auf eine Durststrecke für die nächsten fünf Jahre hin. Aber der zweite Blick verheißt Skepsis. Niemand weiß, wie sich die Zuwanderung entwickeln wird. Der weltweite Druck auf Europa hat nicht nachgelassen. Nach heutigen Maßstäben und Prognosen wird die Zahl nicht sinken und die derzeitigen politischen Vorgaben und Haltungen sprechen auch nicht für eine effektive Eindämmung. Es kommen aber vor allem jüngere Menschen und die haben Kinder oder bekommen sie. Es ist also keineswegs ausgemacht, dass der Bedarf nach 2025 sinkt.

Zum anderen kommen immer mehr Schüler mit mangelhaften Deutschkenntnissen in die Grundschule. Das heißt: Der individuelle Bedarf nimmt zu. Und das nicht nur bei Kindern von Migranten. Denn es kommt auch bei deutschen Kindern hinzu: Die Auswirkungen der Krippenoffensive werden spür- und sichtbar. Der permanent erhöhte Stresslevel in der Krippe hat bei vielen Kindern zu dauerhaften Schwächen bei der Affektregulierung, der Gedächtnisleistung und der Lernfähigkeit geführt.

Für Politik und Wirtschaft zählen Parkplätze für Kinder

Es gibt darüber keine offiziellen Studien – sie werden offenbar bewusst nicht in Auftrag gegeben und auch die großkoalitionäre Hilfstruppe Bertelsmann-Stiftung, die sonst alles Mögliche im Bereich der Gesellschaftspolitik untersucht, vermeidet Studien zu diesem Thema. Aber Kinderärzte, Logopäden, Kinderpsychiater, Neurologen und Bindungsforscher haben schon öfter Alarm geschlagen – ohne Erfolg. Was für Politik und Wirtschaft zählt, sind die Parkplätze für Kinder, damit die jungen, gut ausgebildeten und in der Regel schlechter bezahlten Mütter ganztägig der Wirtschaft dienen können.

„Die Entwicklungs- und Persönlichkeitsdefizite bei den Kindern
sind mit Geld nicht zu beheben.“

In dieser Situation stellt die Große Koalition ihr neuestes Projekt der Ganztagsbetreuung ins Schaufenster. Sie verschweigt natürlich die Probleme. Um die sollen sich die Kommunen, die Länder und die Lehrer kümmern. Vielleicht wird man das finanzielle Problem noch mit Kompromissen lösen. Aber das fehlende Personal und vor allem die Entwicklungs- und Persönlichkeitsdefizite bei den Kindern sind mit Geld nicht zu beheben. Es sei denn mit Geld für die Eltern und zwar in Form eines Erziehungslohns oder einer anderen Anerkennung der Erziehungsleistung.

Viele Eltern würden lieber zuhause bei den Kindern bleiben, als einer Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen. Das zeigt auch die Lebensform, die von den meisten Eltern gewünscht wird: Die Mutter geht einer Teilzeitbeschäftigung nach und bemisst die Teilzeit in Funktion des Alters der Kinder. Je jünger das Kind, umso weniger Arbeit außer Haus. Erst wenn die Kinder in weiterführende Schulen gehen, also nach der Grundschulzeit, suchen sie eine Ausweitung der Teilzeit bis hin zu Vollzeit. Sie spüren, dass das Kind sie in dieser Phase braucht.

Dieses Gespür geht den oft kinderlosen Ideologen in Regierung und Ministerien völlig ab. Sie verhöhnen jede Maßnahme, die in Richtung Anerkennung der elterlichen Erziehungsleistung geht. Man denke an die Diffamierungen der Eltern beim Thema Betreuungsgeld. Eher wird man eine andere Idee aufgreifen, um die Ganztagsbetreuung durchzusetzen und vielleicht sogar unter die Schulpflicht einzuordnen. Olaf Köller, Direktor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik hat sie in den Ring geworfen. Er will den Bedarf an Lehrern durch eine Erhöhung der Schülerzahl pro Klasse abfedern. Bei zwei bis drei Kindern mehr könne man bis zu 15 Prozent des Lehrpersonals einsparen. Es sei sinnvoller, die Ausbildung der Lehrkräfte für 24 Schüler pro Klasse zu verbessern, als 21 Schüler durch schlechtere Lehrer zu unterrichten.

Familienvergessenheit in Deutschland ist teuer

Das ist die kostengünstigste Variante und sie dürfte sich vor allem wegen der Kostenersparnis auch gegen den Protest von Elterninitiativen und des Verbands Bildung und Erziehung durchsetzen. Denn letztlich läuft der Diskurs mit Vater Staat immer auf die kalte Kostenfrage hinaus. Die Familienvergessenheit in Deutschland ist teuer. Sie kostet nicht nur in der Lehrerausbildung hohe Summen, sondern auch in der Behandlung später durch Psychologen und Psychiater. Letztere Kosten werden freilich aus anderen staatlichen Töpfen beglichen, etwa den Krankenkassen.

Natürlich wäre die Anerkennung der Erziehungsleistung der Familie am preiswertesten – und übrigens auch qualitativ besser als eine Ganztagsbetreuung. Das setzt sicher die Präsenz von mindestens einem Elternteil voraus. Auch ist in diesem Zusammenhang die Qualität von katholischen Kitas und Schulen generell – im Einzelfall sieht es manchmal anders aus – den Umständen bei Personal und ideologischen Einstellungen der Verwahranstalten des Staates vorzuziehen. Aber auch hier tauchen wieder Kostenfragen auf.

Und natürlich kann die Ganztagsbetreuung für manche Familien auch eine Lösung zur Bewältigung von Alltagsproblem sein. Letztlich muss jede Familie ihr Lebens- und Überlebensmodell finden, auch im Verhältnis zu Kita, Schule und Ausbildung. Sie sollte dabei aber nicht in den Fehler der heute maßgeblichen Politiker verfallen. Der besteht darin, dass die unverzichtbaren Qualitäten und Vorteile der Familie für die künftigen Staatsbürger übersehen oder gar miss- und verachtet werden. Eltern sollten – die meisten tun es – zuerst an die Kinder denken und nicht an die Maßstäbe eines rot-grün dominierten gesellschaftlichen Diskurses, wie die Große Koalition ihn repräsentiert. Denn Liebe in der Familie ist immer besser als der kalte Hauch von Vater Staat.

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