Würzburg

Schämen und Schweigen hilft nicht

Wenn die Pornografie das eigene Kinderzimmer erreicht – Wie Eltern sich fragen, sorgen und nach Lösungen suchen

Ein sieben Jahre alter Junge mit Smartphone in der Nacht
Gefährlich: Über das Smartphone findet die weite Welt des Internets den Weg ins Kinderzimmer. Foto: Adobe Stock

Gestern ist passiert, was ich immer gefürchtet habe“, erzählt meine Freundin Tanja aufgeregt. Ihr Zehnjähriger hatte über Wochen unbemerkt das Tablet der älteren Schwester entwendet und sowohl Filme über deren Netflix-Account als auch Sexfilmchen via youtube konsumiert. Das war über den Browser-Verlauf eindeutig nachweisbar. Als die Mutter den Buben damit konfrontierte, stritt er natürlich zunächst ab, gab dann zu, Marvel-Filme und Kinderserien angesehen zu haben. Als die Mutter später wiederholt nach den Sexfilmen fragt und wann das angefangen habe, gesteht der Sprössling, dass er vor einigen Wochen mal „Sexvideos“ bei google eingegeben habe.

Bei Tanja, die ihre drei Kinder im Glauben erzogen hat, stets versuchte, Moral und Werte in der Familie hochzuhalten und die eine der letzten Kämpferinnen gegen Handys in der Grundschule war, schlagen die emotionalen Wogen hoch. Wie konnte sie das nicht bemerkt haben? Hingen die schlechten Noten in der weiterführenden Schule damit zusammen? Dass der Junge nach acht Wochen noch immer nicht in der Schule angekommen zu sein schien? Konzentrationsschwäche, Müdigkeit?

Kontakt zu Freunden in der Grundschule ist über WhatsApp-Gruppen organisiert

Wie hatte sie sich belabern lassen von ihrem Buben, Freunden, anderen Müttern und selbst Pädagogen, die sie gegen ihre Überzeugung dazu brachten, dem Kind im Alter von zehn Jahren bei Übertritt an die neue Schule ein Smartphone zuzugestehen? Der Kontakt zu den Freunden in der Grundschule bräche ab, die neuen Mitschüler seien über WhatsApp-Gruppen organisiert, die Sportgruppe ebenfalls.... Wollte sie als Mutter ihr Kind isolieren, zum Außenseiter machen? Nein, sicher nicht. So schlimm kann es schon nicht werden, hatte Tanja schließlich gedacht und mit schlechtem Gewissen den Haken bei den WhatsApp-Bestimmungen gesetzt, dass der Nutzer mindestens 16 Jahre alt sei. Kann das richtig sein, was wir da unseren Kindern zugestehen oder besser antun? Aber es tun doch alle! Tanja hatte schon Schwierigkeiten damit, ihren Kindern zu erklären, dass die Familie sonntags zur Heiligen Messe geht, während die anderen Ausflüge machten. Kein Handy – das ist doch vorsintflutlich.

In Wahrheit war die Sintflut über sie gekommen. Zumindest fühlte sich Tanja jetzt so. Was tun? Wie sollte sie ihr Kind schützen? Ihre älteren Kinder hatten erst mit 14 ein Handy bekommen, aber seitdem hat sich gesellschaftlich vieles geändert. Zunächst hatte sie ihrem Kleinen gelegentlich ausgesuchte DVD's genehmigt, später hat er sich Wissenssendungen über youtube angeschaut – ein Tipp aus der Schule. Das Handy hatte Tanja so lange wie möglich ferngehalten und ihm schließlich eine Alexa gekauft, weil der Bub so gerne Hörspiele und Musik via Spotify hörte. Damit waren wenigstens die Bilder aus dem Kinderzimmer verbannt, hatte sie gedacht und dies als cleveren Schachzug betrachtet.

Alle Vorsorge und Schutzmechanismen haben Löcher

Jetzt wurde klar, schleichend hatte sie sich verführen lassen und ihr Kind auch nicht vor der Verführung bewahren können. Mit der „family-Link App“ könne man das Smartphone des Kindes überwachen, Schlafenszeiten und Limits festlegen und ansehen, was die Schutzbefohlenen via Smartphone tun, hatten andere Mütter geraten. Apps und Zugriffe müssen Eltern genehmigen. „Klingt doch sehr vernünftig“, hatte Tanja gedacht und mit diesem Tipp den Weg für ihr Kind zum eigenen Smartphone freigemacht. Leider musste sie schon bald feststellen, dass die Kinder untereinander gut vernetzt sind und Tricks weitergeben, die App zu umgehen. So schnell können Eltern gar nicht dazulernen. Und alle Vorsorge und Schutzmechanismen haben Löcher. Notfalls wird auf Geräte älterer Geschwister oder Freunde zugegriffen, wie Tanja und ihre Familie jetzt schmerzlich erleben musste.

Die Konsequenz ist nun, dass sämtliche Technik für viele Wochen für ihr Kind Tabu sein wird. Tanjas Vorsatz: bis zum Alter von 14! Ob sie das durchhalten kann? Der Junge ist selbst so betroffen von den Ereignissen, dass er die Kröte vielleicht eine Weile schlucken wird. Dass der Kampf, die Diskussion und Nörgelei weitergehen wird, ist indessen vorhersehbar. Klar ist ebenfalls, dass diese Maßnahme keine Garantie zur Bewahrung des Kindes ist. Ein Fünftklässler, der kein Handy besitzt, bekam neulich ein Porno-Video von einem Mitschüler auf dessen Smartphone vor die Nase gehalten, so der Bericht einer anderen Mutter. Keine Chance, sich diesem zu entziehen.

Reinheit und Stärkung unserer Kinder sollten wichtiger sein als die ständige Erreichbarkeit

Lehrer klären auf und sind dennoch hilflos. Eltern sind noch hilfloser. Lehrer wenden sich an Eltern. Eltern wenden sich an Lehrer. Keiner hat ein Patentrezept. Viele geben gute Ratschläge, am meisten die Kinderlosen. Doch wer selbst betroffen ist, weiß um diese diabolischen Umstände. Und wie mag es in Familien ausschauen, wo sich sowieso keiner kümmert, wo es längst normal ist, dass schon kleine Kinder mit all diesem Schmutz konfrontiert werden? Müssen wir da einfach nur durch, weil das eine der Seuchen unserer Zeit ist? Nur die Besten überleben?

Tanja wünscht sich mehr mutige Eltern, die das Smartphone-Alter ihrer Kinder hochsetzen, Allianzen schmieden und konsequent sind. Die Reinheit und Stärkung unserer Kinder sollten wichtiger sein als die ständige Erreichbarkeit. Sie wünscht sich Eltern, die mehr auf ihre eigenen Kinder und auch auf die der anderen achten. Sich gegenseitig warnen, wenn was schiefläuft. Am liebsten würde sie die Eltern der engsten Freunde ihres Sohnes über den Vorfall informieren und um gemeinschaftliche Gegenmaßnahmen werben. Ob sie dazu den Mut findet, weiß sie noch nicht. Gleichzeitig ist ihr klar, Schämen und Schweigen hilft nicht. „Mein Kind tut sowas nicht!“, kann keiner behaupten. Das weiß Tanja spätestens seit gestern.