Berlin

Lehrer bleiben unersetzlich

Das katholische Liebfrauengymnasium in Berlin setzt erfolgreich auf virtuelles Lernen, doch fehlt häufig die Bindung an Lehrer.

Liebfrauen-Gymnasiums in Berlin
Es ist ziemlich leer in einem Klassenraum des katholischen Liebfrauen-Gymnasiums in Berlin: Nur eine begrenzte Zahl von Schülern darf in den Unterricht. Foto: Gierens

Auf dem Gelände der Liebfrauenschule im Berliner Westend ist an diesem Dienstagvormittag Mitte Mai nicht viel los. Ab und zu kommen ein, zwei Schüler über den Hof, nur wenige halten sich hier länger auf. Erst seit kurzem ist an dem erzbischöflichen Gymnasium der Unterricht zumindest für einige Klassen nach dem Corona-„Lockdown“ wieder angelaufen. Viele lernen nach wie vor zu Hause. An diesem Tag finden wieder Abiturprüfungen statt. Erst wenn die vorüber sind, werden wieder mehr Schüler zum Unterricht kommen. Von Normalität kann an der Liebfrauenschule nach wie vor keine Rede sein.

Digitale Kommunikation

Für Marcel Poslada kam die Schließung der Schule sehr plötzlich. Der Schülersprecher der Liebfrauenschule gehört zum diesjährigen Abiturjahrgang und erfuhr Mitte März, dass Montag, der 16.3., ihr letzter Schultag sein wird. Nach den Osterferien beginnen die Abiturienten gleich mit den Prüfungen. „Ich hatte keinen Abschied von einer wichtigen Phase meines Lebens“, erzählt er der „Tagespost“. Da die Schließung kurz vor den Ferien kam, haben Marcel und seine Mitschüler allerdings kaum Schulstoff verpasst. Für die Prüfungsvorbereitung sei sogar mehr Zeit gewesen, berichtet er. Nach dem plötzlichen Unterrichtsende kommunizierte Poslada mit der Schule auf digitalem Weg. Über eine spezielle Lernplattform bekam er beispielsweise die letzten Halbjahrsnoten mitgeteilt. Für die Schülerinnen und Schüler der anderen Jahrgangsstufen wurde diese digitale Plattform zum virtuellen Klassenzimmer.

Die Lernlücke durch Corona ist schwer aufzuholen

„Für das Lernen im Homeschooling sind wir im Vergleich zur gesamten Schullandschaft gut aufgestellt“, meint Englischlehrer Gerriet Adena im Gespräch mit der „Tagespost“. Er ist einer der Administratoren der Lernplattform, die – etwas unverhofft – in den letzten Wochen intensiv zum Einsatz kam. Die Schulen des Erzbistums Berlin setzen schon seit drei Jahren auf Digitalisierung. „WebWeaver“ heißt die Plattform, die den Schülern einen virtuellen Raum für digitales Lernen bieten soll. Alle Lehrer sind über eine dienstliche Mailadresse erreichbar, auf der Plattform können Aufgaben hinterlegt und bearbeitet werden.

Zudem gibt es virtuelle „Lernräume“ wie auch die Möglichkeit für Videokonferenzen mit dem Lehrer. Doch es gab auch kritische Stimmen von Eltern und Lehrern, berichtet Adena. Wofür brauchen Schüler eine web-basierte Plattform, wenn sie doch ohnehin täglich in der Schule sind? „Da war einige Überzeugungsarbeit notwendig“, meint er rückblickend – doch dann kam die Corona-Krise.

Homeschooling statt Präsenzunterricht

Der Präsenzunterricht wurde ausgesetzt, „Homeschooling“ lautete ab jetzt die Devise. Nun konnte die Lernplattform zeigen, was sie kann. „In Corona-Zeiten haben wir so viel erreicht wie die letzten zwei Jahre nicht“, bilanziert der Englischlehrer. „Die erste Woche lief nicht immer reibungslos, dann hat sich alles gut zurechtgeruckelt.“ Lehrer legten in WebWeaver ihre Aufgaben ab, die Schüler haben sie heruntergeladen und ihre Lösungen ins System eingestellt. Der Klassenraum wanderte ins Internet, Video-Chats sorgten für den Austausch untereinander. Und die Rückmeldungen seien überwiegend positiv gewesen. Bei etwa zwei Drittel der Schüler habe das Lernen am heimischen Computer gut funktioniert, meint Gerriet Adena.

Doch in jeder Klasse gebe es etwa drei, vier Schüler, bei denen die Klassenlehrer nachfragen mussten, weil Aufgaben nicht bearbeitet wurden. Die Gründe dafür konnten sehr verschieden sein – manche waren krank, hatten gerade andere Sorgen oder es gab technische Probleme, vor allem dort, wo die ganze Familie im Home Office war. Doch viele Dinge hätten sich im Laufe der Zeit eingependelt: So hätten sich die Lehrer auf eine Videokonferenz pro Tag beschränkt, und der Versand der Aufgaben sei am Anfang über verschiedene Kanäle erfolgt. „Da mussten erstmal Konventionen entwickelt werden“, berichtet Gerriet Adena. Auch nach dem Ende der Corona-Krise wird die Lernplattform bleiben, ist sich sein Kollege Holger Lach sicher. Zwar nicht als Ersatz für Präsenzunterricht in der Schule, aber für projektbezogenes Arbeiten oder außerschulische Aktivitäten.

Auch die Lehrer profitieren

Und auch die Lehrer profitieren von der Lernplattform „WebWeaver“, wie Monika Klapczynski, im Erzbistum Berlin zuständig für die Medienentwicklung an Schulen, im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt. Das Programm sei bundesweit im Einsatz, so in den Schulen des Bistums Münster und in ganz Sachsen. Auch Monika Klapczynski hat beobachtet, dass die Corona-Maßnahmen einen großen Schub in der Akzeptanz des digitalen Lernens bewirkt haben. Sie macht aber auch klar: „Lehrer sind nicht durch Künstliche Intelligenz ersetzbar. Den größten Einfluss auf erfolgreiches, auch digitales Lernen hat nach wie vor die Lehrer-Schüler-Beziehung.“

Weniger abgelenkt als in der Schule

Auch das religiöse und soziale Leben an der Liebfrauenschule hat sich in den letzten Wochen weitgehend über die Online-Plattform abgespielt. „Es gab religiöse Impulse, die unser alter Schulpfarrer zu Ostern gegeben hat. Auch vom Fachbereich Religion sind einige Gedanken gekommen“, erzählt Adena. Die Videokonferenzen seien ebenso für den Austausch untereinander wichtig gewesen: Was macht Ihr so? Wie erlebt Ihr den Alltag? Und die Hausaufgaben hätten viele sogar besser gemacht als im Regelunterricht. Das bestätigt auch Holger Lach. Der Mathelehrer ist ebenfalls einer der Administratoren für die Online-Lernplattform. Viele Schüler hätten ihm rückgemeldet, dass sie zu Hause ihre Ruhe hätten, nicht so abgelenkt seien wie in der Schule. Manche hätten aber auch Motivationsschwierigkeiten. Da gebe es „die ganze Bandbreite“, so Holger Lach.

Und auch in der Zeit bis zu den Sommerferien werden zahlreiche Schüler der Liebfrauenschule weiterhin auf die Lernplattform angewiesen sein. Denn viele bleiben weiterhin zu Hause, da die Corona-bedingten Beschränkungen nach wie vor keinen regulären Unterricht zulassen. „Momentan stehen die Abiturprüfungen im Fokus“, erzählt Holger Lach. Doch inhaltlich gibt es keine Abstriche am Abiturstoff, denn die Schließung der Schulen erfolgte so kurz vor den Osterferien, dass der Prüfungsstoff nahezu komplett vermittelt werden konnte. Und den Schülern „war viel an den Abiprüfungen gelegen“, so Lach. „Sie wollten die Prüfungen schreiben.“ Auch Schülersprecher Marcel Poslada habe sich dafür stark gemacht. Neben den Abiturienten sind derzeit nur die zehnten Klassen jeden zweiten Tag in der Schule. Poslada empfindet das als Vorteil, weil man die Klausuren „wirklich in Ruhe schreiben“ könne.

Einbahnstraßen-System

Erst, wenn die schriftlichen Abiturprüfungen beendet sind, werden wieder Räume frei. Nach und nach kamen die 7. Klassen hinzu, dann sukzessive die 8. und 9. Klassen. Pro Klassenraum sind zehn bis 15 Jugendliche erlaubt, die weit auseinander sitzen müssen. Im Schulgebäude gelten strenge Abstandsregeln, ein „Einbahnstraßen-System“ wurde eingeführt, damit sich die Schüler so wenig wie möglich begegnen. Selbst das zweite Semester der Oberstufe, also die 11. Klasse, sei nur „ein bisschen“ vor Ort. Und gerade dieser Jahrgang, der erst im nächsten Jahr in die Abiturphase geht, wird von den Einschränkungen durch Corona am stärksten betroffen sein. Schon jetzt wird wenig neuer Lernstoff vermittelt, damit sich die Schüler auf die Klausuren konzentrieren können. Und die werden nur in den Grundkursen geschrieben, wie Holger Lach berichtet. Erst wenn die vorbei sind, findet wieder Online-Unterricht in den Leistungskursen statt. Dadurch ist bereits eine Lernlücke entstanden, die nicht mehr in Gänze aufgeholt werden könne, erzählt Gerriet Adena.

Die Schüler der Jahrgangsstufe haben wegen dieser Entwicklung bereits gegenüber der Schulleitung ihre Sorgen formuliert. Und die hat nach Aussage des Englischlehrers bereits reagiert, um den Sorgen der Schüler Rechnung zu tragen. Das scheint auch dringend notwendig. Sonst könnte der Abiturjahrgang des kommenden Jahres zu den Verlierern der Schulschließung gehören.

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