Musik

Lilo Kunkel: „Ich hätte am liebsten dazu getanzt“

Wie erlernt man im 21. Jahrhundert das Orgelspiel? Die unterfränkische Musikerin Lilo Kunkel, Dozentin für Musiktheorie an der Würzburger Musikhochschule, schafft mithilfe von Jazzelementen neue Zugänge zu einem alten Instrument.

Orgelpfeifen
Eine Orgel besteht oft aus vielen tausend Pfeifen. Auf der Königin der Instrumente kann man ein ganzes Orchester nachmachen und viele Musikstile interpretieren. Foto: Harald Oppitz

Wann haben Sie zum ersten Mal eine Orgel gehört und welchen Eindruck hat das Instrument auf Sie gemacht?

Kirchenmusikerin Lilo Kunkel
Die Kirchenmusikerin Lilo Kunkel zeigt an der Orgel, wie innovativ ein altes Instrument sein kann. Foto: v. Bismarck

In meiner Grundschulzeit wurde ich sehr oft in Gottesdienste mitgenommen und fand Orgeln riesengroß und meistens laut. Einen besonderen Bezug hatte ich damals nicht dazu, außer dass ich einige Parallelen zum Klavier feststellen konnte.

Wie sah Ihr Orgelunterricht aus, was hat Sie daran begeistert, was hätten Sie sich anders gewünscht?

Mein Orgelunterricht fand bei engagierten hauptamtlichen Kirchenmusikern statt. Das Üben von Literatur fand ich mühselig – was aber an mir lag –, und gern hätte ich anteilig mehr Unterricht in Improvisation/Liturgisches Orgelspiel gehabt.

Wann haben Sie zum ersten Mal Latin und Jazz auf der Orgel gespielt?

Im Studium hatten wir sehr anregenden Unterricht in Jazz-Harmonik bei Professor Gárdonyi. Die dort erlernten Akkorde und Akkordverbindung habe ich zunächst auf Kirchenliedmelodien angewandt, gegen Ende des Studiums begann ich dann, mich mit Jazz-Standards zu beschäftigen, hier kamen auch unterschiedlichste Rhythmuspatterns aus Latin und Swing dazu.

Erleichtern die improvisatorischen Elemente dieser Musik die Übertragung auf Orgel?

Da man meistens nach Leadsheets spielt, in denen nur die Melodie und die Akkordsymbole gegeben sind, kann man die Pedalstimme bequemer gestalten, als wenn die Bassstimme ausnotiert wäre – etwa: Man kann zu einem Ton nach oben statt nach unten springen, wenn gerade der obere Fuß frei ist. Ähnliches gilt für die Akkordgriffe der linken Hand. Außerdem kann man fallweise entscheiden, ob man zum Beispiel eine Unterstimme lieber im Fuß oder in der Hand spielt. Also: Ja.

Wie reagieren die Kirchenräume, wenn Sie dort Latin und Jazz spielen?

Bei sehr trockenen Räumen muss man die Artikulation etwas anpassen, also beispielsweise die Akkorde oder Basstöne nicht zu kurz anschlagen, sonst klingt es wie im Wohnzimmer. Bei sehr halligen Räumen verschwimmt die Rhythmik manchmal etwas. Hier können helle Registrierungen und etwas vorsichtigere Tempi helfen.

Welche Hörerreaktionen nehmen Sie wahr?

Sehr oft höre ich: „Ich wusste nicht, dass man Jazz auf der Orgel spielen kann“ oder Ähnliches. Ebenfalls oft wird gesagt „ich hätte am liebsten dazu getanzt“ oder „ich habe viele mitwippende Füße gesehen“. Außerdem freuen sich die Zuhörer, wenn sie bekannte Evergreens wiedererkennen. Gerade von anderen Organisten werden auch die ausgefallenen Registrierungen wahrgenommen – etwa, wenn man mit Tremulant und anderen Geheimzutaten eine Hammondorgel simuliert.

Haben Latin und Jazz spirituelle Wurzeln und wenn ja welche?

Mir ist nur die Verwandtschaft mit Gospels und Spirituals bekannt.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie Stücke für die Orgel bearbeiten?

Ich studiere das Leadsheet eingehend und probiere aus, welche Begleitpatterns in welchem Tempo am besten zu den Formteilen passen könnten. Dann nehme ich eine ausführliche Reharmonisierung vor – die Akkordangaben sind ja oft nur skizzenhaft. Wenn das Thema in meinen Augen schlüssig gestaltet ist, improvisiere ich dazu Variationen und versuche dabei, möglichst unter Verwendung vieler thematischer Zitate des Stücks, um nicht zu beliebig zu wirken, unterschiedlichste Techniken von Jazz-Combos nachzuahmen – zum Beispiel Bass-Soli, verschiedene Comping-Fakturen.

Wie reagieren Studenten auf die neuen Zugänge zu einem alten Instrument?

Die Schulmusikstudenten, die ich schwerpunktmäßig unterrichte, beschäftigen sich sehr viel mit Popularmusik, sind in der Stilistik also zu Hause. Bei meinen Orgelführungen mit Klangbeispielen sind sie zwar teilweise überrascht, erkennen aber auch sehr schnell, dass die Faktur aus Melodie, Begleitakkorden und Bass auf der Orgel ideal umgesetzt werden können.

Setzen Sie Latin- und Jazzelemente auch bei der Liedbegleitung im Gottesdienst ein?

Gerade beim Neuen Geistlichen Lied bieten sich entsprechende Harmoniefolgen, mindestens mit Vierklängen, oft sehr gut an, und manche Lieder mit synkopierten Rhythmen lassen sich gut mit Latin-Patterns begleiten.

Sollte der selbstverständliche Umgang mit diesen Musiksprachen Teil des Kirchenmusikstudiums werden?

Auf jeden Fall, denn sie sind nicht nur in Liturgisches Orgelspiel unverzichtbar, sondern auch in der Arbeit mit Gospelchören und Kirchenbands.

Welche Orgelkomponisten der Vergangenheit würden Sie gerne einmal persönlich treffen?

Louis Vierne  und Gaston Litaize – denn es würde mich brennend interessieren, wie man als Blinder komplexeste Orgelwerke komponieren, sich an größten Spieltischen orientieren und höchst virtuos spielen kann.

Welchen Komponisten würden Sie gerne einmal in unsere Zeit einladen und was würden Sie ihm zeigen?

Oscar Peterson und Erroll Garner – gern würde ich ihnen zeigen, wie manche ihrer Stücke auf der Kirchenorgel klingen, viel wichtiger aber: Sehr gern würde ich ihr beeindruckendes Klavierspiel hören.

Wie glauben Sie, wird die Kirchenmusik der Zukunft aussehen?

Ich vermute, dass Popularmusik immer mehr an Selbstverständlichkeit gewinnt und weiterhin viel im Bereich etwa von kirchlichen Musicals veröffentlicht werden wird. Hoffentlich wird in der Kinder- und Jugendchorarbeit weiter ein früher Bezug zur Kirchenmusik gefördert. Neuere Hochschulstellen mit entsprechendem Profil lassen darauf schließen. Dass die klassische Kirchenmusikausbildung mit großer traditioneller Orgel- und Chorliteratur sich grundlegend verändern wird, kann ich mir nicht vorstellen – und das wäre auch nicht auszudenken.

Wie bewerten Sie den Trend zur Spezialisierung wie beim Master für Mittelaltermusik oder für Neue geistliche Musik?

Die Bandbreite des Kirchenmusikerberufs erlaubt in den meisten Gemeinden wohl keine Beschränkung auf Spezialprofile. Jegliche künstlerische Spezialisierung ist aber ein Gewinn für die einzelne Person und ermöglicht die Gründung von oder die Mitwirkung in entsprechenden Ensembles.

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