Bremen

„Häufig sind die Eltern gefragt“

Wie Lehrer die Chancen und Risiken des Lernens im Lockdown erleben.

Digitales Lernen - Tablet Computer
Nie war der Rechner für Schüler wichtiger: Das pädagogische Eros digitaler Welten stößt aber an Grenzen. (Foto: dpa) Foto: Symbolbild: dpa

Die Coronakrise ist zu einem Großexperiment in Sachen Onlineunterricht geworden. Glaubt man dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, reagieren die Schüler mehrheitlich begeistert und mit hoher Kompetenz auf die neuen Verfahren. Aber die Realität hat viele Facetten. Copy&paste-Erledigung der Hausaufgaben hat in manchen Fächern Hochkonjunktur und auch mit der Motivation klappt es in der heimischen Umgebung lange nicht so gut wie im Klassenzimmer. Zeit, einmal genauer nachzufragen, wie es vor Ort konkret funktioniert. Ein Gespräch mit Kerstin Neubacher über Erfahrungen mit Geographie, Deutsch, Mathematik und Physik an der katholischen Schule St. Johann in Bremen.

Frau Neubacher, Onlineunterricht ist Teil einer neuen Normalität geworden. Aber ist es realistisch, davon auszugehen, dass alle Schüler einen Computer haben?

Viele Schüler haben zuhause einen Zugang zu einem Computer. Feststellbar ist allerdings auch, dass einige keinen eigenen Computer besitzen. Sie teilen sich diesen mit Geschwistern oder auch den Eltern. Einige wenige Schülerinnen und Schüler haben auch zeitweise gar keinen Zugang zu einem eigenen Computer im Haushalt, da es zum Beispiel durch Anbieterwechsel oder finanzielle Probleme zu Unterbrechungen des Internetzugangs kommt. Es wäre also sinnvoll, wenn die Bearbeitung von Aufgaben mithilfe des Computers über mehrere Tage oder sogar Wochen möglich ist, damit jede Schülerin und jeder Schüler die Möglichkeit hat, die Aufgaben zu bearbeiten.

Werden alle Aufgabenstellungen verstanden?

Die Schüler müssen sich aufgrund der vielen Mails mit Arbeitsaufträgen gut organisieren, das heißt alle Aufträge müssen ausgedruckt und dann sortiert und in die richtige Mappe geheftet werden. Alleine dies ist gerade für jüngere Schüler oft eine Herausforderung. Zum Teil werden Arbeitsaufträge nicht ausgedruckt oder bearbeitet, weil sie einfach aufgrund der Flut an Mails übersehen werden. Das genaue Lesen bereitet ebenfalls oft Schwierigkeiten, da das Geschriebene häufig nur überflogen wird. Die Bearbeitung der Aufgaben ist dann oft fehlerhaft. Wenn genau gelesen wurde, können die meisten Schüler die Aufgaben gut bearbeiten.

Wie wirkt sich der Sprachunterricht am Computer auf das Verständnis aus?

Für jüngere Schüler, die gerade anfangen eine Sprache zu lernen, ist der direkte Kontakt mit der Lehrkraft besonders wichtig, da dadurch Gestik und Mimik des Gegenübers besser wahrgenommen werden und so fremde Vokabeln oder auch inhaltliche Aspekte besonders gut verstanden und mitgeteilt werden können. Auch die deutliche Reduzierung von Partner- oder Gruppenunterricht im Sprachunterricht bei den aktuell verfügbaren Lernplattformen ist schade, denn gerade diese Unterrichtsform macht den meisten Schülern besonders viel Spaß und ist sehr effektiv.

Wie hoch ist in etwa der Anteil der Schüler, die den Onlineunterricht nutzen, um einfach abzutauchen?

Viele sind sehr bemüht, die Aufgaben gut zu bearbeiten und die Ergebnisse rechtzeitig zu den vorgegebenen Abgabeterminen zurückzusenden. Sie stellen zum Teil zwischendurch Verständnisfragen und informieren rechtzeitig, falls sie es nicht schaffen, die Aufgaben rechtzeitig fertigzustellen.

Einige lesen ungenau oder haben Probleme sich zu organisieren. Oft ist die Bearbeitung der Aufgaben dann fehlerhaft oder unvollständig. Wenige sind sehr unzuverlässig mit der Bearbeitung der Aufgaben und der Abgabe. Arbeitsergebnisse werden der Lehrkraft gar nicht zugesandt. Auf telefonische Nachfrage schicken aber letztlich alle Schüler bearbeitete Aufgaben zu.

Wie oft kommt es zu copy&paste im Bereich der Hausaufgaben? Was kann man dagegen tun?

In bestimmten Fächern, wie beispielsweise dem Deutschunterricht oder den Fremdsprachen sind Arbeitsaufträge wie das Schreiben einer Gedichtinterpretation oder das Übersetzen von Texten nicht sinnvoll. Die Schülerinnen und Schüler haben dann oft ihre Ergebnisse aus dem Internet kopiert, sodass keine eigene Leistung erbracht wird. Andere, wie das Schreiben eines persönlichen Textes oder das Lernen von Vokabeln mithilfe einer speziellen App sind hingegen sehr sinnvoll. Die Ergebnisse sind sehr individuell und auch bei der Korrektur ansprechend. Beim Lernen von Vokabeln mithilfe einer App haben die Schüler viel Spaß und Freude. In Mathe kommt es schon mal vor, dass die Lösung einer Aufgabe von einem Schüler weitergegeben wird. Vielen ist es aber wichtig, dass sie eigenständig die Aufgaben bearbeiten.

Wie sehen die Erfahrungen mit Lernportalen aus?

Lernportale, Nachhilfeangebote und Youtube-Kanäle mit Erklärvideos gibt es mittlerweile in unüberschaubarer Anzahl und sehr unterschiedlicher Qualität. Gute Angebote sind schwer zu finden. Stellvertretend dafür seien hier zwei Beispiele genannt.

Der Rechtschreibtrainer (www.orthografietrainer.net) eignet sich sehr gut für das Einüben und Festigen der Rechtschreibung bis zur Altersstufe 10. Individuelle Aufgaben, die aufgrund der Kompetenztests für die Schülerinnen und Schüler zur Verfügung stehen, ermöglichen jedem Schüler, individuell seine Kenntnisse zu erweitern oder auch zu festigen. Aus Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler wird deutlich, dass sie motiviert sind, die Aufgaben zu bearbeiten, weil das Portal sehr übersichtlich aufgebaut ist und die Schülerinnen und Schüler sich somit gut zurechtfinden.

In Physik ist das Portal leifiphysik.de ebenfalls sehr empfehlenswert. Ausführliche theoretische Erklärungen mit Experimenten machen die Physik greifbar und vermittelt den Schülern viel Spaß am Fach. Aufgaben mit Lösungen runden dieses gelungene Portal ab.

Welche Herausforderungen bringt die Arbeit allein zuhause für Schüler und Eltern mit sich?

Neben der Organisation ist die Motivation der Schüler nicht zu unterschätzen. Lernende, die alleine zuhause sind, müssen sich selbst motivieren, die Aufgaben zu bearbeiten. Viele Dinge wie etwa Spiele, elektronische Medien, ein spannendes Buch oder die Geschwister, mit denen man hervorragend spielen kann, lenken gerne ab. Nicht allen gelingt es, alle Aufgaben alleine zu erledigen. Häufig sind dann die Eltern gefragt. Das ist eine große Herausforderung beziehungsweise Leistung der Eltern, denn diese gehen ja meistens zumindest zeitweise ihrem Beruf nach. Schüler, die diese Möglichkeit nicht haben, bearbeiten die Aufgaben dann nicht oder nur sehr spärlich. Würde man die Leistung dieser beiden Gruppen miteinander vergleichen, wäre sicherlich ein unterschiedliches Ergebnis feststellbar. Der Effekt sozialer Ungleichheiten auf den Lernfortschritt wird verstärkt.

Welche für die Lehrer?

Viele Schüler sind darum bemüht, ihre Aufgaben gut oder sogar sehr gut zu bearbeiten. Sie schreiben die Lehrkraft an oder telefonieren mit ihr und bitten um Hilfestellungen oder Tipps. Die Rückmeldungen sind für die Lehrkräfte zum Teil sehr zeitaufwendig, denn häufig müssen noch einmal grundlegende Dinge erklärt werden, auf die die Aufgaben aufbauen. Bei Schülern, die keine Ergebnisse zurücksenden, muss nachgehakt werden, warum keine Ergebnisse vorliegen. Ist beispielsweise kein Internetzugang möglich, müssen alternative Varianten der Kommunikation organisiert werden. Auch die Planung des Online-Unterrichts stellt die Lehrkräfte vor neue Herausforderungen. Es ist beispielsweise schwierig einzuschätzen, wieviel Zeit die Schüler für die zu bearbeitenden Aufgaben benötigen. Da Lehrerinnen und Lehrer bisher in den Unterrichtsstunden selten Lernportale oder Ähnliches genutzt haben, liegen noch keine Erfahrungswerte zum Zeitaufwand bei den Schülern vor.

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