Würzburg

Forschung ohne Laborversuche

Warum das Studium in Coronazeiten schwieriger geworden ist.

Warum das Studium in Coronazeiten schwieriger geworden ist.
Laborversuche sind häufig Voraussetzung für Klausuren von Naturwissenschaftlern. Jetzt muss man neue Wege finden. Foto: Adobe Stock

Die Corona-Krise stellt die universitäre Forschung und Lehre vor besondere Herausforderungen. Statt überfüllter Vorlesungssäle ist der Hochschulcampus leer. „Der normale Studienbetrieb findet weitgehend digital statt. Die Prioritäten für uns sind: Es soll kein verlorenes Semester werden“, betont die Baden-Württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Nachteile für Studierende sollen weitgehend vermieden werden.

„Das ist schon eine ganz andere Art des Lernens“

Die digitale Lehre funktioniert unterschiedlich gut. Aus der Fachhochschule Nordhausen in Thüringen meldet Hochschulpräsident Professor Jörg Wagner: „100 Prozent der Lehrenden bieten derzeit etwa 90 Prozent aller Lehrveranstaltungen übers Netz an.“

Grenzen des Machbaren

Die digitale Hochschule findet ihre Grenzen allerdings dort, wo Praxisanteile wesentliche Elemente eines Studiums ausmachen. „Ein Digitalsemester kann ein Präsenzsemester nicht ersetzen“, betonen daher Studentinnen und Studenten der Friedrich-Schuller-Universität in Jena in einer Online-Petition. Dort fordern sie die Bestätigung der Hochschulleitung, dass das laufende Semester nicht als regulär gewertet werden kann.

Notwendige Laborversuche entfallen

Philipp Norpoth studiert im vierten Semester Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt „Facility Management“ an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. „Durch die Corona-Krise hat sich vieles verändert“, beschreibt er. Das eigene Zimmer wird zum Hörsaal, der Computer ermöglicht jetzt den Blick auf die Professorinnen und Professoren, die ihren Lehrstoff online anbieten. Das verändert die Anforderungen an die Studierenden. „Jetzt ist es erforderlich, sich bereits im Vorfeld der Vorlesung viel intensiver mit dem Stoff auseinanderzusetzen, damit man den Inhalten folgen kann“, erklärt Norpoth. Für die privaten Arbeitsgruppen der Studenten bringt die neue Situation sogar Vorteile mit sich.

„Man muss nicht erst aufwändig Termine machen, um sich dann bei dem Einen oder der Anderen zu treffen, sondern kann sich auf kurzem Weg in einem Online-Meeting zusammenfinden.“ Ein großer Nachteil liegt für Norpoth allerdings darin, dass sein Studiengang normalerweise zahlreiche Laborversuche erfordert. Das betrifft die Physik, wo es um die Leiteigenschaften bestimmter Heizsysteme geht, oder die Chemie sich mit Versuchen zu unterschiedlichen Baustoffen befasst. „Diese Laborversuche fallen derzeit komplett weg. Sie sind aber zum Teil erforderlich, um an Klausuren teilnehmen zu dürfen“, berichtet der Student.

Chance zur Beschleunigung

Auch für Hochschullehrer ist die Corona-Lage speziell. Margot Ruschitzka ist Professorin am Institut für Fahrzeugtechnik der Technischen Hochschule in Köln. Sie sieht in der aktuellen Situation eine Chance, die Digitalisierung in Deutschland zu beschleunigen. „Für meinen Fachbereich ist der Umgang mit digitalen Medien nichts Neues“, beschreibt sie. „Es genügt in meinen Augen allerdings nicht, jetzt lediglich Vorlesungen abzufilmen. Vielmehr sollte man sich didaktisch auf die aktuelle Lage einstellen.“

Deshalb gibt sie in der Mathematik für Ingenieurstudenten nun wöchentlich drei Erklärvideos heraus, die sich auf den für die Woche vorgesehenen Stoff beziehen und diesen methodisch aufbereiten. Abgerundet wird alles durch individuelle Übungsblätter. „Hier sind die Studenten aufgerufen, sich in 5er-Gruppen zusammenzuschließen und ihre Ergebnisse zu präsentieren“, erklärt Ruschitzka. Auch die Erfolgskontrolle geht in Corona-Zeiten neue Wege. „Statt der schriftlichen haben wir mündliche Prüfungen eingeführt, die ebenfalls über Videokonferenzen abgewickelt werden.“

Verbindlichkeit fehlt

Die persönliche und fachliche Belastung ist je nach Fachbereichen sicher unterschiedlich. Und doch merkt man, gerade wenn man am Anfang des Studiums steht, dass auf einmal irgendwie alles anders ist. Christoph Sorek studiert in zweiten Semester Psychologie an der Rheinischen Fachhochschule in Köln. Ihm fehlt der unmittelbare, persönliche Austausch mit den Studienkollegen und den Dozenten. „Das ist schon eine ganz andere Art des Lernens“, beschreibt er den Unterschied zu dem, was er im ersten Semester erleben durfte. Auch er stellt fest, dass ein Stück Verbindlichkeit fehlt, wenn man in den eigenen Räumen sitzt und mit anderen Ablenkungen konfrontiert ist, als im Hörsaal.

Hochschullehrer: Semesterplanung weggebrochen

Wenn man Studenten im Kulturmanagement unterrichtet, dann ist das mit sehr viel Projektarbeit, Teamwork und Netzwerken verbunden. Armin Klaes, Hochschullehrer in Duisburg im Fachbereich Musik wusste zu Beginn des Sommersemesters zunächst gar nicht, was er seinen etwa 100 Studentinnen und Studenten anbieten soll. „Dabei hatte ich ein wundervolles Projekt geplant“, erzählt er. Im Jahr 2000 ist er mit mehreren Chören und einem großen Orchester in der antiken Arena von Ephesus vor mehr als 10 000 Zuschauern aufgetreten. Dort haben deutsche und türkische Sänger, Musiker und Solisten mitgewirkt.

Im Herbst 2020 sollte nun eine große Revival-Veranstaltung in Ephesus und Milet stattfinden. „Das Projekt stand im Zentrum des Semesters, die gesamte Planung am Reißbrett aber auch vor Ort, sollte gemeinsam mit den Studenten erfolgen und ihnen die Praxis des Kulturmanagements vermitteln“, beklagt Klaes. Das sei dann mit einem Schlag alles weggebrochen. Er sucht nun nach neuen Wegen, in der verordneten Distanz Nähe zu den Studenten zu halten. „Dabei kann man auf bewährte Ideen wie das Singen mit Fußballfans des MSV Duisburg zurückgreifen und überlegen, ob sich solche Formate auch online umsetzen lassen“, beschreibt er und entwickelt mit seinen Studenten im Online-Brainstorming Projekte, die Musikern, die durch die Krise beschäftigungslos geworden sind, Perspektiven bringen können.

Musikgenuss durch Plexiglasscheiben

„Die Musik ist ein Bereich, in dem neben der Theorie praktische Übungen eine zentrale Rolle spielen. Und gerade die Praxis ist unter den veränderten Umständen besonders gefährdet“, berichtet Ramon Manuel Schneeweiß. Er leitet das Marketing der Hochschule für Musik in Freiburg. Diese hat sich schon früh entschieden, über das gesamte Sommersemester die musiktheoretischen Veranstaltungen online durchzuführen. „Wir waren da im Vorfeld schon technisch gut aufgestellt, so dass diese Umstellung leistbar war“, ergänzt Schneeweiß. Durch diese Maßnahme sind räumliche Kapazitäten frei, um den Einzelunterricht an verschiedenen Instrumenten in die großen Hörsäle zu verlagern. „Dort sitzt dann eine Studentin in einer Ecke des Raumes am Flügel, in der anderen Ecke hört ihr die Professorin, getrennt durch eine Plexiglasscheibe zu.“

Hilfreiche Musikermedizin

Schneeweiß ist erstaunt, wie gut sich alle Beteiligten auf die Situation eingestellt haben. Unterstützung finden sie durch das der Hochschule angegliederte Institut für Musikermedizin, das gut durch die Krise begleitet. Und das ist hilfreich wegen der Konzepte und der psychologischen Empfehlungen, die von dort aus entwickelt werden, sowie durch spezielle Übungen zum Erhalt der Gesundheit. „Bevor die öffentlichen Einschränkungen eingeleitet wurden, waren wir in der engen Planung, Ende März ein Musikfestival zu veranstalten“, berichtet Schneeweiß. Da konnte die Institutsleiterin, Claudia Spahn, die gleichzeitig Prorektorin der Hochschule ist, den guten medizinischen Rat geben: „Da kommt was Größeres auf uns zu, lasst uns die Veranstaltung lieber absagen.“

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