Wien

Alles Ethik, oder was?

In Österreich startet die katholische Kirche eine Kampagne für den Religionsunterricht. Der bekommt in genau einem Jahr eine Konkurrenz namens „Ethik“ .

Religionsunterricht
In Österreich gibt es bald Konkurrenz für den Religionsunterricht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Etwa 91 Prozent aller katholischen Schüler in Österreich besuchen den Religionsunterricht, in absoluten Zahlen 586 000 Kinder und Jugendliche. Und das, obwohl man sich – ab 14, vorher entscheiden die Eltern – formlos und ohne aus der Kirche auszutreten vom konfessionellen Religionsunterricht abmelden kann. 24 300 Schüler, die ohne religiöses Bekenntnis sind oder einem Bekenntnis ohne eigenen Religionsunterricht angehören, besuchen freiwillig den katholischen Unterricht. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen versichern, der Religionsunterricht sei ein Erfolgsmodell. Wozu dann eine Werbekampagne, wie sie in diesen Tagen rund um den Beginn des neuen Schuljahres anläuft? Vor allem will man zeigen, „wie modern und aktuell seine Inhalte sind“, heißt es auf der Homepage. Es gehe nicht um eine Erhöhung der Teilnahme, denn die sei seit zwanzig Jahren auf hohem Niveau stabil, erklärt Andrea Pinz, die Leiterin des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung (IDA). Und „Schul-Bischof“ Wilhelm Krautwaschl ergänzt: „Wir haben mit der Kampagne etwas erreicht, wenn das Bewusstsein dafür wächst, was wir der Gesellschaft mit dem Religionsunterricht geben.“

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Die Werbeagentur bringt es auf den Punkt. Schafft das der Religionsunterricht auch? Foto: Isobar Werbeagentur GmbH

Verstaubte Bilder müssen aus den Köpfen

Es geht also weniger um die Schüler und ihre Eltern, sondern darum, vermeintlich verstaubte Bilder von Katechismusunterricht und Glaubenslehre aus den Köpfen zu kriegen, Vorurteile zu entkräften und sich zeitgemäß zu zeigen. Religion sei ein wichtiger Teil der globalen Gesellschaft, „der gerade heute ernst zu nehmen ist“, so Bischof Krautwaschl. Er sieht den Religionsunterricht als „Hilfsmittel, einen Weg durch die Schnelligkeit und Vielfalt unserer Zeit zu finden und ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben führen zu können“. Es gehe um das „Gelingen der Gesellschaft“, um „ein moralisch gutes Leben“, und darum, „junge Menschen auf ein partizipatives Leben in der Gesellschaft vorzubereiten“.

Klingt irgendwie nach Ethikunterricht, und vielleicht ist das sogar die Absicht. Denn nach fast einem Vierteljahrhundert, in dem „Ethik“ als Schulversuch experimentiert wurde – zuletzt an 233 Schulstandorten –, startet in genau einem Jahr der flächendeckende Ethikunterricht als Pflichtfach für jene Schüler, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen. Darauf einigte sich die regierende ÖVP unter Bundeskanzler Sebastian Kurz 2017 mit dem damaligen Koalitionspartner FPÖ, und dann neuerlich 2019 mit dem aktuellen grünen Regierungspartner. Wegen der Corona-Pandemie musste Bildungsminister Heinz Faßmann die Einführung um ein Jahr verschieben, aber mit Beginn des Schuljahres 2021/22 soll es dann endlich soweit sein.

Konfessionelle Identitätsbildung ist ausgedünnt

„Dadurch entsteht ein zusätzliches Bildungsangebot für Schülerinnen und Schüler, die keinem religiösen Bekenntnis angehören oder sich vom Religionsunterricht abmelden“, formuliert das Bildungsministerium. Es begründet den Bedarf so: „Die steigende Anzahl von Jugendlichen, die sich vom Religionsunterricht abmelden oder keiner Religionsgemeinschaft angehören, zieht zunehmend von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen die Forderung nach sich, auch für diese Schülerinnen und Schüler einen – nicht bloß religiösen – systematischen staatlichen Ethik- und Werteunterricht zu vermitteln.“ Dieser solle „Wege gelingender Lebensgestaltung“ zeigen, „Orientierungshilfen zur fundierten Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens“ geben sowie zur „Auseinandersetzung mit unterschiedlichen philosophischen, weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Traditionen und Menschenbildern“ führen. Irgendwie das, was faktisch heute den Religionsunterricht kennzeichnet, denn konfessionelle Identitätsbildung ist hier weithin ausgedünnt.

So könnte man meinen, das Abmelden vom Religionsunterricht werde eher weniger attraktiv, wenn als Alternative nicht eine Freistunde, sondern ein ähnlich konzipierter Ethikunterricht winkt. Doch steht das aktuelle Konzept des ersatzweisen Ethikunterrichts unter Druck: Eine Initiative „Ethik für ALLE“ fordert mit wachsender Vehemenz „die Einführung eines vom Religionsunterricht entkoppelten Ethikunterrichts in jeder Schule mit Öffentlichkeitsrecht als Pflichtfach für alle SchülerInnen von der 1. bis zur 12./13. Schulstufe“.

Die Kirche betreibt Imagepflege

Für jene, die sich von „Religion“ nicht abmelden, hieße das dann Ethik- plus Religionsunterricht. Solange die ÖVP in der Bildungspolitik das Sagen hat, muss die katholische Kirche eine solche Regelung nicht fürchten, aber im linken und liberalen Parteienspektrum ist diese Idee populär.

Da kann es nicht schaden, dass die Kirche schon einmal Imagepflege betreibt. Diese soll offenbar den konfessionellen Religionsunterricht bei jenen leicht verdaulich präsentieren, die mit der katholischen Kirche und ihrer Glaubenslehre wenig anfangen können. Hier ist die Rede von einem „Raum für Fragen“, denn „guter Religionsunterricht ist dialogisch gestaltet und orientiert sich an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen“. Die wolle er „diskursfähig machen“ und „zum kritischen Denken ermuntern“. Alles Ethikunterricht also?

Nicht ganz: Immerhin bekennt man sich zu „Antworten aus der christlichen Perspektive“. Auf Infoscreens und Citylights wird die Kampagne sogar richtig religiös: „Gibt es heute noch Wunder?“ wird da etwa gefragt. Oder: „Mag Gott mich immer?“ In beiden Fällen wird die Antwort gleich mitgeliefert: „Ich glaube – Ja.“

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