Wien

Theologie in poetischer Gestalt

Mit dem Segen Benedikts XVI. und unter der Patronage von Kardinal Kurt Koch startete in Wien ein „Wissenschaftliches Zentrum für Orient & Okzident-Studien“

Wissenschaftliches Zentrum für Orient & Okzidenz-Studien in Wien eröffnet
Die Gründer des neuen Zentrums, Givi Lomidze und Michaela C. Hastetter begrüßen Marianne Schlosser (Mitte), Ratzinger-Preisträgerin und Wiener Professorin für Theologie der Spiritualität, im Wiener Studienhaus. Foto: Stephan Baier

Die Dichte theologischer Bildungseinrichtungen ist in Österreich traditionell hoch. Seit der Vorwoche ist die Alpenrepublik nochmals um ein Zentrum wissenschaftlicher Theologie reicher. Das aus dem „Wiener Studienhaus Johannes von Damaskus“ hervorgegangene „St. Ephräm – Wissenschaftliches Zentrum für Orient & Okzident-Studien“ (STEP) startete am Wochenende seine akademische Arbeit.

„Kirche ohne Theologie verarmt, Theologie ohne Kirchlichkeit ist gefährlich.“
Givi Lomidze, Leiter des STEP

Im Gegensatz zu anderen ökumenischen Initiativen ist das STEP nicht selbst konfessionell verortet, sondern wird gleichberechtigt von der katholischen Pastoraltheologin Michaela C. Hastetter und dem georgisch-orthodoxen Theologen Givi Lomidze geleitet. Man wolle in enger orthodox-katholischer Zusammenarbeit „die Kirchlichkeit in die Theologie zurück bringen“, beschreibt Givi Lomidze im Gespräch mit der „Tagespost“ das Ziel des Projekts. Begründung: „Kirche ohne Theologie verarmt, Theologie ohne Kirchlichkeit ist gefährlich.“

Das theologische Niveau in Eichstätt hat ihn inspiriert

In seiner Heimat Georgien hat er ersteres erlebt: Die Theologie sei in den geistlichen Akademien Georgiens, wo die Priester der orthodoxen Staatskirche ausgebildet werden, auf niedrigem Standard. Inspiriert hat Lomidze das theologische Niveau in Eichstätt, wo er studierte. An vielen Standorten wissenschaftlicher Theologie im Westen sei allerdings die Kirchlichkeit in Gefahr, meint der Georgier, der sich entschieden hat, nach seiner Habilitation die Mönchs- und die Priesterweihe zu empfangen.

Im STEP sollen künftig orthodoxe und katholische Studenten „in Freundschaft und Vertrauen“ zusammen leben, studieren, beten und arbeiten. Ausgehend von der Theologie der Kirchenväter sollen die heutigen Fragen reflektiert werden. Man wolle eine „entpolitisierte Theologie“, die einen Beitrag dazu leiste, dass die Kirchen des byzantinischen Ritus und die katholische Kirche Schritte aufeinander zu, hin zur eucharistischen Einheit machen.

Im Wiener Studienhaus finden sich schon jetzt Katholiken und Orthodoxe gemeinsam in einer Kapelle zusammen zum Stundengebet, abwechselnd nach lateinischer und byzantinischer Tradition. Seine Vision der Kircheneinheit fasst Lomidze so zusammen: „Die Katholiken könnten das Filioque auslassen, und die Orthodoxen könnten den Primat des Papstes anerkennen, wie er im ersten Jahrtausend war.“

Fünf Studenten aus Georgien und den USA hat das STEP bereits für den geplanten Masterstudiengang, in dem man sich etwa mit dem Mönchtum, der Ikonografie, der Kirchengeschichte, der Pastoraltheologie und der Exegese aus östlicher und westlicher Perspektive befassen will. Beim Blick auf die Theologie der Väter sei man inspiriert von Papst Benedikt XVI., sagt Lomidze. „Er ist für uns wie ein Vater“, habe dem Projekt in Begegnungen seinen Segen gegeben und Kardinal Kurt Koch um die geistliche Begleitung gebeten.

Gründung eines zweiten Studienhauses im Kaukasus

Die Studienabschlüsse sollen über das im niederösterreichischen Trumau ansässige „Internationale Theologische Institut“ (ITI) erfolgen. Mit Zustimmung und Segen des georgisch-orthodoxen Patriarchen Ilia II. wollen Givi Lomidze und Michaela C. Hastetter, die dem Neuen Ratzinger-Schülerkreis angehört, ein zweites Studienhaus im Kaukasus gründen. Langfristig sind auch Kooperationsverträge mit orthodoxen theologischen Fakultäten geplant.

Hastetter schloss jüngst ihre zweite Habilitation ab, diesmal in orthodoxer Theologie. Bei der Unterzeichnung des Kooperationsvertrags mit dem ITI in Trumau berichtete sie, dass das Projekt erst durch „viele Schwierigkeiten und Rückschläge im Kaukasus gleichsam nach Wien umgeleitet“ wurde. Die hier begonnene „Synthese von Wissenschaftlichkeit, Kirchlichkeit und gemeinsamen Leben“ habe „ein Potenzial, in einer neuen und der Situation der Spätmoderne entsprechenden und reflektierten Weise in das Heute hineinzuwirken“.

Den heiligen Ephräm, Leiter und Lehrer der Schule von Nisibis im vierten Jahrhundert, wählte man als Namenspatron, weil der in der Orthodoxie verehrte Heilige aus Syrien von Papst Benedikt XV. 1920 „auch katholischerseits als Lehrer der Wahrheit und des Glaubens zum Rang eines Kirchenlehrers erhoben“ wurde. Ephräm sei ein Asket gewesen, bei dem Wissenschaft und Gottsuche Hand in Hand gingen, meinte Hastetter. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. habe ihr gegenüber vor wenigen Tagen bei einer Begegnung in Rom die Namensgebung so kommentiert: „Ephräm gehört zu den ungewöhnlichsten Theologen, aber auch zu den ganz Großen.“ 2007 hatte Benedikt XVI. den Syrer in einer Katechese ob seiner „Theologie in poetischer Gestalt“ gewürdigt.

Der Sprecher des Ratzinger-Schülerkreises, der Theologe Stephan Otto Horn, meinte in Trumau, das STEP habe die Aufgabe, „den theologischen, geistlichen und kulturellen Reichtum, der uns gemeinsam ist oder die beiden Kirchen je anders prägt, tiefer kennenzulernen und anderen zu vermitteln“. Es solle beitragen, „Missverständnisse zu überwinden, den Geist der Versöhnung zu fördern und die verbleibenden strittigen Fragen in gemeinsamem Studium und im Dialog einer Lösung zuzuführen“. Horn, der das Wiener Studienhaus häufig besucht und geistlich begleitet, wusste zu bestätigen, dass Benedikt XVI. das Projekt freudig bejahe und geistlich mittrage.

Synthese von Theologie, Spiritualität und Leben

Kardinal Kurt Koch würdigte in seinem Grußwort, das in Trumau verlesen wurde, Wien als Sitz des Instituts als „Stadt, die dazu prädestiniert ist, als Brücke zwischen Ost und West zu dienen“. Dies werde durch die Präsenz der orthodoxen Kirche in Wien seit Jahrhunderten und durch ökumenische Initiativen wie die Stiftung „Pro Oriente“ bestätigt. „In dieser Tradition steht auch das Internationale Theologische Institut in Trumau, an dem junge Menschen aus Ost und West studieren und das seinen Beitrag leistet, dass die Kirche auch heute, wie der heilige Papst Johannes Paul II. immer wieder in Erinnerung gerufen hat, mit zwei Lungen, einer östlichen und einer westlichen, atmen kann.“ Solche „geistliche und theologische Atemübungen“ seien notwendig, um die Entfremdung zu überwinden, die die Beziehungen zwischen den Kirchen belastet hat, schreibt Kardinal Koch. Ein Weg der Überwindung sei der Dialog zwischen dem christlichen Orient und dem Okzident, „der im gegenseitigen Hören aufeinander und im Vertiefen der Tradition der jeweils anderen Kirchengemeinschaft den schönen Reichtum des christlichen Glaubens erschließen hilft“.

Diesem Ziel wisse sich das STEP verpflichtet, das „sich als gemeinsame Plattform versteht, in der junge Theologen und Geisteswissenschaftler ein solides theologisches Fundament erhalten sollen, um der Freundschaft und dem Gedeihen von Vertrauen zwischen den Christen in Ost und West zu dienen“, so der für die Ökumene verantwortliche Kurienkardinal. Wörtlich schreibt Koch: „Wenn junge Menschen sich der Aufgabe widmen, die östliche und westliche Tradition ihrer Kirchen zu studieren, eröffnen sich neue und verheißungsvolle Wege in die Zukunft und wird die Annäherung unter uns Christen und Kirchen Wirklichkeit.“ Und weiter: „Der neue Wissenschaftsraum zeichnet sich dadurch aus, dass er in der Synthese von Theologie, Spiritualität und kirchlichem Leben für die junge Generation verwirklicht wird.“

„Theologie, Reflexion über den Glauben, Dichtung, Gesang, Lob Gottes gehen zusammen, und gerade in diesem liturgischen Charakter tritt in der Theologie Ephräms mit aller Klarheit die göttliche Wahrheit zutage.“
Papst Benedikt XVI

Dazu verpflichte auch der Name von Ephräm, der Theologie in poetischer Gestalt betrieben habe. Koch zitiert in seinem Grußwort Papst Benedikt XVI. mit dieser Charakterisierung des syrischen Heiligen: „Theologie, Reflexion über den Glauben, Dichtung, Gesang, Lob Gottes gehen zusammen, und gerade in diesem liturgischen Charakter tritt in der Theologie Ephräms mit aller Klarheit die göttliche Wahrheit zutage.“ Eine solche „Symphonie“ sei nur möglich in einer intensiven Zusammenarbeit, wie sie bei den Gründern des wissenschaftlichen Zentrums bereits sichtbar sei. Der Kurienkardinal würdigt ausdrücklich die von orthodoxer wie katholischer Seite betriebene „gemeinsame Rückbesinnung auf die Väter des ersten Jahrtausends“.

Der georgisch-orthodoxe Bischof Dositeos Bogveradze meinte in Trumau, der theologische Diskurs habe das Ziel, „die Welt zu verwandeln“ und „die sich widersprechenden Gegensätze zur Einheit zu führen und die Harmonie im Universellen anzustreben“. Eine Ausbildung, die aus den Tiefen der Authentizität schöpft, sei „für die Menschheit segensreich“.

Seine ersten Studientage widmete das STEP am Wochenende in Wien den christlichen Hymnen, der „Kraft der poetischen Theologie“. Das habe „programmatischen Charakter“, sagte Givi Lomidze: „Hymnen wurden in der Kirche gesungen. Sie können auch als gesungene Theologie, als gesungene Dogmatik bezeichnet werden.“ Ein Beispiel dafür sind die von der Ratzinger-Preisträgerin Marianne Schlosser vorgestellten Hymnen des Ambrosius, die in der Zeit der arianischen Bedrängnis auch der Belehrung dienten. „Eine Art von Predigt in Versform“, wie die Theologin meinte.