Berlin

Mit philosophischem Boden unter den Füßen

Sinn, Wahrheit, Verantwortung und die Frage, wer der Mensch ist, kommen in den öffentlichen Diskursen oft zu kurz. Die „VALERE Academy“ geht in die Tiefe und setzt auf „Wertebildung“.

Initiatoren der VALERE-Academy: Richard Schütze und Jan-Phillipp Görtz
Die Initiatoren der VALERE-Academy, Richard Schütze (l.) und Jan-Phillipp Görtz. Foto: VALERE-Academy

An jeweils acht Abenden im Jahr treffen sich Menschen jüngeren und mittleren Alters in Berlin, Bonn, München und Potsdam, um über ethisch-moralische Grundlagen von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu diskutieren. Ergänzt wird dieses Seminar um zwei Wochenend-Kurse und eine Sommerakademie. Träger dieses Angebotes ist die „VALERE Academy“. Diese – so erklärt sie auf ihrer Internetseite – hat das Ziel „zu einer führenden Plattform für eine Renaissance von grundlegendem und begründetem Wertewissen“ zu werden „und damit eine Erneuerung der Freiheitsfähigkeit der Menschen und der freiheitlichen Institutionen“ zu fördern.

Sinn und Wahrheit

Initiatoren der Akademie sind Jan-Philipp Görtz – früherer Abteilungsleiter für „Internationale und Regierungsbeziehungen“ der Deutschen Lufthansa – und Richard Schütze – Rechtsanwalt und Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmens- und Politikberatungsagentur „Richard Schütze Consult GmbH“. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung, „VALERE“ zu gründen, waren Erfahrungen, die sie in ihrer langjährigen Beratungstätigkeit hatten sammeln können, berichtet Görtz: „Die Menschen und insbesondere auch Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Verbänden entscheiden hauptsächlich nur noch taktisch und aus kurzfristiger Perspektive.“

„Die Idee von geordneter Freiheit spielt eigentlich keine Rolle mehr.“
Jan-Philipp Görtz

Fragen nach Sinn, Wahrheit und langfristiger Verantwortungsübernahme kämen demgegenüber in Vergessenheit. Dies sei nicht zuletzt Mitgrund für eine zunehmend populistisch und polarisiert aufgeheizte öffentliche Meinung. Die Analyse ist bei „VALERE“ aber tiefgehender: „Wenn Ansichten und Entscheidungen in sich widersprüchlich sind, ist das oft kein systemisches Problem“, so Görtz, „sondern vielmehr Folge einer tiefgreifenden philosophischen Krise und Verwirrung.“

Werte im Zentrum

Auch wenn sich die „VALERE Academy“ selbst als „Akademie für Wertebildung“ bezeichnet, geht es ihr nicht darum, auf diese Krisendiagnose einfach nur mit der Beschwörung eines Mehr an ,Werten‘ zu antworten, wie man dies oftmals erlebt. Vielmehr müssten Werte im Sein des Menschen und der Welt begründet – und daraus herleitbar sein, und so geht es „VALERE“ um eine grundsätzlichere Reflexion, erläutert Görtz: „Wer ist der Mensch? Erst wenn wir uns dieser Frage stellen, können wir in einem nächsten Schritt fragen: Was ist der Staat? Was ist das Wesen der Gesellschaft? Was ist die Aufgabe der Wirtschaft?“

Indem die Akademie die Frage nach dem Bild vom Menschen und dessen Verhältnis zu Welt und Umwelt ins Zentrum stelle, wolle sie der Gesellschaft und ihren Verantwortungsträgern dazu verhelfen, „wieder philosophisch Boden unter die Füße zu bekommen“. In den Seminaren bei privaten Gastgebern befassen sich die Seminarteilnehmer anhand exemplarischer Texte beispielsweise mit individualistischen, darwinistischen, kollektivistischen sowie personal-transzendenten Perspektiven auf den Menschen.

Vorpolitische Bildung

So setzten sich etwa am 10. Januar die Bonner Seminarteilnehmer anhand eines Interview-Textes des Berliner Philosophieprofessors Volker Gerhardt mit den Ambivalenzen eines anthropologischen Entwurfs auseinander, das die biologische Tatsache der menschlichen Abstammung vom Tier zum Ausgangspunkt des Menschenbildes macht. Was etwa ist unter diesen Voraussetzungen unter „Humanität“ zu verstehen?

Auch wenn die Akademieleiter beide in der katholischen Kirche verwurzelt sind – und unter anderem gemeinsam dem Berliner Diözesanvorstand des „Bundes Katholischer Unternehmer“ angehören: Es geht ihnen zunächst nicht um christliche Mission oder eine politische Agenda. Zentrales Anliegen von „VALERE“ – begrifflich entstanden aus der Zusammensetzung der Worte Values (Werte), Leadership (Führungskultur) und Responsibility (Verantwortung) und zugleich der lateinischen Wortbedeutung nach auch „gesund und stark sein“ – ist „vorpolitische Bildung“.

Plausible Menschenbildung

Es gehe darum, so Görtz, aus einer personalistisch-realistischen Perspektive über den Menschen und die Welt nachzudenken – und damit ein Selbst- und Menschenbild zu plausibilisieren, das den Menschen als gewollt und zur Verantwortung aufgefordert ernst nimmt.

Dabei verstehen sich die beiden Dozenten bewusst weniger als pure Philosophen, sondern selbst als Anwender, die aufgrund eigener Erfahrungen konkret und praktisch Philosophie treiben. Richard Schütze kann dabei auf eine jahrelange Erfahrung mit vielen Seminaren und Hunderten von Teilnehmern zurückgreifen, die er schon seit Studentenzeiten und im Rahmen seiner beruflichen Beratertätigkeit bei Unternehmen und politischen Organisationen gestaltet hat.

Ideal echter Verantwortung

Die von VALERE angebotenen Seminare richten sich in erster Linie an Abiturienten, Studenten und junge Führungskräfte. Aber auch Interessierte älterer Generationen, Multiplikatoren und Vertreter des politischen Betriebs – Abgeordnete, Mitarbeiter, Beamte und Verbandsvertreter – sind willkommen. Aus eigener Erfahrung weiß Görtz, dass der Geist der 1990er Jahre und des angenommenen „Endes der Geschichte“ in der Politik immer noch in Form ausgeprägten Machbarkeitsdenkens nachwirke: „Die Idee von geordneter Freiheit spielt eigentlich keine Rolle mehr.“ Umso wichtiger sei es, in der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elite auf das Ideal echter Verantwortung hinzuwirken – die in der Lage sei „Antwort zu geben“ auf Fragen nach der Begründung des eigenen Handelns.

In diesem Sinne will VALERE nicht nur durch seine unterschiedlichen Veranstaltungen wirken. Gegenwärtig befindet sich zudem ein eigenes digitales Medienangebot im Aufbau. Dieses soll Vorträge als Videos und Podcasts zur Verfügung stellen und darüber hinaus mittels Blogs zu einer weiterführenden Lektüre rund um die Themen der Akademie einladen.

Bestritten wird das ambitionierte Programm ausschließlich auf Grundlage privater Spenden. Aktuell reisen Görtz und Schütze mehrmals monatlich durch Deutschland. Neben Berlin, Potsdam, Bonn und München sollen demnächst auch weitere Städte im Norden und der Mitte Deutschlands ins Programm aufgenommen werden. Hierzu werden noch Gastgeber und Referenten gesucht.

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