Regensburg

Meisterhafte neue Töne?

Regensburg führt den neuen Masterstudiengang "Neue geistliche Musik" ein.

An der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik in Regensburg
An der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik in Regensburg wird ein Musikstück exakt eingeübt. Foto: Bistum Regensburg

Neue geistliche Lieder sind aus den Gottesdiensten nicht mehr wegzudenken. Das liegt unter anderem auch daran, dass viele von ihnen gar nicht mehr so neu sind und gemeinsam mit dem ebenso bekannten wie abgesungenen „Danke für diesen guten Morgen“ schon vor mehreren Jahren ihren 50. Geburtstag gefeiert haben. Und auch im neuen Gotteslob sind sowohl im Stammteil als auch in den Diözesananhängen viele der Neuen geistlichen Lieder enthalten, die über die Jugendarbeit in den Köpfen und Herzen Wurzeln geschlagen haben. Stilistisch greifen manche der neuen Lieder auf Stilelemente des Pop und Jazz zurück, Musikrichtungen, die eine andere Form der Präsentation erfordern, als der Gregorianische Choral oder das barocke Kirchenlied.

Neues geistliches Lied: Bisher in den Fächerkanon eingebettet

Bislang ist es an den Hochschulen, an denen man katholische Kirchenmusik studieren kann, so, dass der Unterricht im Umgang mit dem Neuen geistlichen Lied in den Fächerkanon eingebettet ist. Die entsprechenden Lieder werden also in den Bereichen Kinder- und Jugendchorleitung oder im Improvisationsunterricht gleichberechtigt mit den anderen musikalischen Gattungen behandelt. Das hat gute Gründe. Denn schließlich geht es bei der musikalischen Gestaltung der Feier des Gottesdienstes darum, das ganze Spektrum der Kirchenmusik präsentieren zu können.

Als die Leiter der evangelischen kirchenmusikalischen Ausbildungsstätten sich vor einigen Jahren entschlossen, den neuen Studiengang Popkantor einzuführen, schüttelte manch ein katholischer Kollege angesichts dieser Engführung den Kopf. Schließlich gibt es auch keinen Barockkantor, keinen Gregorianik-, Klassik- oder Romantikkantor. Einen Teil des Schatzes der Kirchenmusik herauszugreifen und auf diese Weise zu fokussieren, erweckt den Verdacht, hier solle einer bestimmten Musikrichtung eine Monopolstellung eingeräumt werden. Und das wollten viele katholische Kirchenmusiker nicht nur deshalb nicht, weil sie für das zum Klingen bringen der ganze Breite der Kirchenmusik ausgebildet wurden. Es war ihnen auch bewusst, dass dies nicht der Weg ist, den das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Liturgiekonstitution vorgegeben hat.

Nun aber hat die Konferenz der Leiter der katholischen Ausbildungsstätten KDL nachgezogen und dem gefühlten Druck nachgegeben, auf katholischer Seite ein ähnliches Angebot zu präsentieren. Schaut man hinter die Kulissen und fragt, wer hier eigentlich die treibenden Kräfte sind, lautet die Antwort für die evangelische Seite: die Pfarrer. Die Kirchenmusiker selbst waren an der Ausbildung von Popkantoren wenig interessiert. Sie sahen sich aber mehr und mehr Forderungen von Seiten der Pfarrerschaft gegenüber, Spezialisten für diese Musikrichtungen zu sein oder zu vermitteln und fürchteten, das Heft des Handelns aus der Hand geben zu müssen, wenn sie keinen entsprechenden Studiengang anbieten. Dieselbe Befürchtung hört man hinter vorgehaltener Hand auch auf katholischer Seite.

Ein liturgiebezogenes professionelles Konzept

Hier sind es Kursangebote wie die Lobpreisleiterausbildung im Bistum Passau, die ein Einfallstor für unterdurchschnittlich ausgebildete, aber hochbegeisterte musikalische Dilettanten mit einem Schmalspurrepertoire bilden, die in den Gemeinden für ein geringes und wenig abwechslungsreiches musikalisches Niveau in den Gottesdiensten sorgen. Und die Kollegen befürchteten nicht ganz zu Unrecht, dass das Beispiel Schule machen könnte.

Deshalb entschloss sich Professor Stefan Baier, Leiter der Hochschule für katholische Kirchenmusik Regensburg, der an seiner Ausbildungsstätte bereits mit einer deutschlandweit einzigartigen Schwerpunktausbildung im Fach Gregorianik punktet, das Experiment zu wagen und bietet an seinem Institut nun einen Masterstudiengang für Neue geistliche Musik an. Bischof Rudolf Voderholzer geht mit der Finanzierung der drei Professuren finanziell in Vorleistung. Er traut Baier und seinem Team zu, ein liturgiebezogenes professionelles Konzept zu kreieren und umzusetzen.

Im Gespräch mit der „Tagespost“ versichert Baier, dass die Ausbildung die liturgischen Regeln im Blick hat. Ein wichtiger Punkt. Denn das Studium der Kirchenmusik, in das das Fach Liturgik fest integriert ist, ist keine Voraussetzung für die Belegung des neuen Masterstudiengangs, der ab dem Wintersemester 2019/20 startet. Maßgeblich für den Studienbeginn sind ein Bachelorabschluss und eine Aufnahmeprüfung. Die kann theoretisch aber auch von einem Schulmusiker mit Hauptfach Querflöte, Nebenfach Klavier und einem Händchen für Jazz und Pop bestanden werden. Hier ist es deshalb wichtig, dass man in Regensburg sicherstellt, dass nicht Master-Studenten der Neuen geistlichen Lieder als quasi A-Musiker in die Gemeinden entlassen werden, die dann in der Fastenzeit frisch, fröhlich und falsch ein Halleluja anstimmen, weil sie im Studium zwar einiges über Patterns, Riffs und Arrangements, aber keine liturgischen Regeln gelernt haben. Aber Baier versichert, dass in diesem Fall nachgeschult wird, auch wenn das Fach Liturgik im Masterstudiengang gar nicht vorgesehen ist.

Was die Professionalität der Ausbildung im neuen Regensburger Master angeht, hat Baier dafür gesorgt, dass mit Gerwin Eisenhauer, Franz Prechtl und Dieter Falk Dozenten gewonnen werden konnten, die die Bereiche Schlagwerk, Klavier und Popularmusik sowie Komposition und Arrangement adäquat vertreten. Baier betont, dass die Dozenten nicht nur durch ihre professionelle Musikalität und ihre Begeisterung für ihre Fächer, sondern auch durch ihre Verbindung zum Bistum und den richtigen Blick auf das Wesentliche wie beispielsweise liturgiegerechte Texte überzeugen. All das zeugt von einer Menge gutem Willen und dem von Bischof Voderholzer gewährten und finanzierten Freiraum, neue Schritte zu wagen. Und es ist wichtig, den Bereich Neue geistliche Musik auf professionellem Niveau zu vermitteln.

„Kulturelles Spiegelbild der Gesellschaft“

Es bleiben aber einige Fragen. So zum Beispiel die, was Dieter Falk, Komponist von Musicals und Poporatorien, meint, wenn er fordert, das die Kirchenmusik „ein kulturelles Spiegelbild der Gesellschaft sein müsse“ und betont, „auch für die Musik in der Kirche gilt es, die Menschen bei ihren Bedürfnissen abzuholen“. Beides ist falsch. Denn wenn die Musik in der Kirche nur ein Spiegel ist, verurteilt sie die Menschen dazu, stehenzubleiben, wo sie sind und sich selbst zu betrachten. Stattdessen ist es ihr Auftrag, in vielen Sprachen und Tönen das Wort Gottes zum Klingen zu bringen. Das aber ist kein Spiegel, sondern ein Wegweiser. Einer, der herausfordert, herausruft, zum Hören und zur Antwort befähigt. Ob ein Absolvent des neuen Masterstudiengangs Neue geistliche Musik diese Fähigkeit am Ende mitbringt und in der Gemeinde wirklich einsetzbar ist, muss die Zukunft erweisen. Es ist aber fraglich. Denn das, was für manch einen Werkstattleiter im Bereich der Neuen geistlichen Lieder eine positive Vision ist – die Ablösung des breiten Spektrums der Kirchenmusik mit Glaubensliedern aus vielen Jahrhunderten durch ein hauptsächlich aus dem Pop und Jazzbereich stammendes musikalisches Angebot – kann anderen als Albtraum erscheinen.