Würzburg

Jesu Spuren sind vielfältig

Vorsicht Religionsbuch: Schmälert die Spätdatierung der Evangelien die Glaubwürdigkeit der Botschaft?

Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 nach Christus
Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 nach Christus erweist sich rückblickend auch als Härtetest für die neutestamentliche Exegese. Foto: IN

Die Lehrmaterialien des schulischen Religionsunterrichts sind stark am Mainstream der deutschen Exegese orientiert. Die Schulbuchtheologen und Religionspädagogen bedienen sich dabei der gewagten Hypothesen ihrer Kollegen, vereinfachen diese dabei aber so weit, dass die Historizität meist vollständig zugunsten einer politischen, psychologischen oder kulturgeschichtlichen Symbolik bestritten wird.

In einem Religionsbuch für Klasse 5 heißt es: „Etwa vierzig bis siebzig Jahre nach seinem Tod verfassten sie (die Evangelisten, A.d.R.) ihre Evangelien auf der Grundlage mündlicher Erzählungen und vereinzelter schriftlicher Quellen. In den Evangelien geht es nicht um eine historisch exakte Reportage des Lebens Jesu, sondern um die Bedeutung, die Jesus für den Glauben hat. Sein Tod und seine Auferstehung sollen bei den Leserinnen und Lesern die Hoffnung auf ewiges Leben wecken.“ Ein Hauptaugenmerk der exegetischen Einführung der Schüler liegt daher auch auf der Frage der Historizität und Datierung der Evangelien.

Johannesevangelium liefert ein das mögliche Alter von Evangelien

Das Johannensevangelium soll demzufolge ganz spät entstanden sein, weil es stark hellenisiert ist, also zwischen 90 und 150 n. Christus. Und weiter argumentiert der Common sense der exegetischen Wissenschaft: Die synoptischen Evangelien setzen die Zerstörung Jerusalems voraus. Das müsse daher aber als Schilderungen gelten, die Jesus nachträglich in den Mund gelegt wurde, da Jerusalem noch gar nicht zerstört war. Also sind die synoptischen Evangelien jedenfalls nach dem Jahr 70 entstanden.

„Wenn die Evangelien so lange nach Jesu Tod entstanden, gab es keine Augenzeugen mehr, und damit fehlt jeder Schutz vor Legendenbildung, das heißt Fiktion oder Dichtung statt Historie."

Zuerst das Markusevangelium, dann Matthäus und zuletzt Lukas, der entweder selbst oder durch die Hand eines anderen die Apostelgeschichte hinzufügte und damit den Geschichtsentwurf Jesu bis in der Kirchengeschichte hinein verlängert und so buchstäblich, sagt man, Jesus verrät. Die synoptischen Evangelien sprächen zwar noch von Naherwartung, aber diese sei längst durch die Erfahrung des Ausbleibens der Wiederkunft Christi abgelöst, die auch in den Evangelien ihren Niederschlag fände. Fazit: Wenn die Evangelien so lange nach Jesu Tod entstanden, gab es keine Augenzeugen mehr, und damit fehlt jeder Schutz vor Legendenbildung, das heißt Fiktion oder Dichtung statt Historie.

Darauf ist zu antworten: Die Erwartung der Zerstörung Jerusalems aufgrund der Unbußfertigkeit Israels gehört in das Repertoire der frühjüdischen Prophetendeutung, dem sogenannten „Deuteronomistischen Geschichtsbild“. Jesus hält sich bei der Schilderung der Zerstörung an die bekannten Techniken zur Eroberung einer Stadt. Es gibt hier nichts Neues, das die Kenntnis der Ereignisse vom Jahr 70 voraussetzt. Im Johannesevangelium ist von der Stadt- oder Tempelzerstörung erst gar nicht die Rede. Es kann also vor dem Jahre 70 entstanden sein. Das Johannesevangelium liefert daher ein frühes Zeugnis für das mögliche Alter von Evangelien überhaupt und unabhängig von den synoptischen Evangelien.

Indiz für spätere redaktionelle Eingriffe in das Evangelium

Die mehr oder weniger große Nähe zum Hellenismus ist kein Mittel, Texte spät zu datieren oder gar für „unjesuanisch“ zu halten. Denn das Judentum war insgesamt seit 200 Jahren mehr oder weniger hellenisiert. Dabei sollte man das Wort „Synkretismus“ nicht als Schimpfwort und Mittel zur Disqualifizierung heranziehen.

Wenn ein Wort oder eine Tat Jesu nur in einem Evangelium vorkommt, so ist das mitnichten ein Indiz für spätere redaktionelle Eingriffe, vielmehr speist sich offensichtlich jedes Evangelium aus gemeinsamen wie auch aus besonderen Quellen. Forscher, die das nur einmal Bezeugte als sekundär erklären, hängen in Wahrheit der Ideologie einer absolut reinen und in sich stimmigen wie begrenzten originalen Jesusüberlieferung an.

Man muss damit rechnen, dass Jesu Spuren vielfältig sind. Wo man das angebliche Alter zum Echtheitskriterium macht, hängt man einer Illusion an. Denn Echtheitskriterien dieser Art gibt es auch hier nicht. Und was oft zu sekundären Produkten der Gemeinden erklärt wird, ist oft genug spezielles Material für Jünger in der besonderen Nachfolge oder ein Indiz für Jesu gleichfalls noch vorösterliche Hinwendung zu den am Ort sesshaften Gemeinden und Familien. Und warum darf sich Jesus solchen Anhängern nicht zugewendet haben?

Im Unterschied zu modernen Forschern hat die älteste Kirche die Verschiedenheiten der Evangelien in der Schilderung Jesu und seiner Zeit großzügig ertragen können und hat auf ein gepresstes Bild eines klaren und einheitlichen Ablaufs verzichtet. Vielmehr wäre – angesichts der damaligen Weise, Geschichte zu erleben und zu beschreiben, ein lückenlos und einlinig als „die historische Wahrheit“ angesehenes Evangelium verdächtig gewesen, so wie bis heute gänzlich übereinstimmende Zeugenaussagen eher Verdacht erwecken.

Fünf Kriterien zur Absicherung der Glaubwürdigkeit der Evangelien

Selbst wenn – was reine Vermutung bliebe – die Evangelien so spät entstanden wären, wie der common sense der Schulbuchtheologen annimmt, wäre das angesichts der gut entfalteten und erfolgreichen frühjüdischen Mnemotechnik kein Argument gegen die Glaubwürdigkeit der Evangelien. Diese Technik der Erinnerung zeigt sich besonders auch bei den frühen jüdischen rabbinischen Lehrern. Einer der pharisäischen Rabbinen wurde deswegen „die gekalkte Zisterne“ genannt, und zwar wegen seiner Treue der Überlieferung der Worte seiner Lehrer.

Zu den Mitteln der Absicherung der Glaubwürdigkeit der Evangelien gehören vor allem fünf Kriterien. Man gewinnt sie durch einen einfachen Vergleich der vier Evangelien mit den 162 anderen Schriften dieser Art, die die Kirche im Unterschied zu den Evangelien nicht in den Kanon aufgenommen hat. Ein solcher Vergleich ergibt vier Alleinstellungsmerkmale der kanonischen Evangelien, die nur zusammen gültig sind und die sich in Kombination eben nicht in den anderen „Evangelien“ finden:

Erstens: Jesus hat sich außer in Worten auch in Taten, nämlich der Wunder oder der Vertreibung der Händler, geäußert. Zweitens wird über Jesu Tod und Auferweckung berichtet, denn er ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Drittens hat Jesus nicht für sich allein geredet, sondern er hat Jünger berufen und auch Jüngerinnen gehabt. Damit sind auch Zeugen von Anfang an dabei. Viertens spielt Jesu Leben in Palästina, und zwar im Rahmen des Judentums. Jesus war Jude. Vor allem aber gilt: Er ist umhergewandert und dabei unterschiedlichen Menschen begegnet. Jesus ist einen Weg gegangen, der Ort und Anlass der Nachfolge wurde, die schließlich auch bildlich als Hinterhergehen hinter Jesus aufgefasst wurde. So stand dann neben dem Nachfolgen auch das Nachahmen.

 

Zitate:

„Etwa vierzig bis siebzig Jahre nach seinem Tod verfassten sie ihre Evangelien auf der Grundlage mündlicher Erzählungen und vereinzelter schriftlicher Quellen. In den Evangelien geht es nicht um eine historisch exakte Reportage des Lebens Jesu, sondern um die Bedeutung, die Jesus für den Glauben hat. Sein Tod und seine Auferstehung sollen bei den Leserinnen und Lesern die Hoffnung auf ewiges Leben wecken.“

Mendl/Ferrari(Hrsg.): Religion vernetzt plus 5, Berlin 2017

„Andere Exegeten verweisen darauf, dass im Markus-Evangelium Hinweise zu finden sind, die das historische Datum der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. durch die römischen Truppen des Titus voraussetzen, und datieren die Entstehung des Evangeliums auf die Zeit nach 70 nach Chr. Wieder andere sehen trotz Markus 13 keine zwingenden Gründe, das Faktum der Tempelzerstörung als Voraussetzung für das Markus-Evangelium anzunehmen, und geben als Entstehungszeit die Jahre unmittelbar vor dem jüdischen Krieg an. Die Materialien des Schulbuches sind so angelegt, dass die Frage der Datierung kurz vor oder nach 70 n. Chr. nicht entschieden sein muss. Sie setzen aber die ,unruhigen Zeiten‘ des römisch-jüdischen Krieges 66–73 n. Chr. voraus.“

Mendl/Ferrari (Hrsg.): Religion vernetzt, Lehrerkommentar, München 2005

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